Melanie De Biasio - Lilies

Melanie De Biasio- Lilies

Le Label / [PIAS] / Rough Trade
VÖ: 06.10.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

What she does in the shadows

"Lilies" beginnt mit einem Täuschungsmanöver. Die belgische Jazzsängerin und Multi-Instrumentalistin Melanie De Biasio hat sich eigentlich immer in tiefster, bedrückendster Finsternis am wohlsten gefühlt, doch zu Beginn ihres dritten Albums scheint es so, als würde sie zum ersten Mal das Licht hereinlassen. Nicht nur ist sein von hellen Grautönen geprägtes Cover auffallend weniger dunkel als das Titelbild des von der Kritik gefeierten Vorgängers "No deal", auch ist "Your freedom is the end of me" wohl der zugänglichste Song, den De Biasio bisher der Öffentlichkeit präsentiert hat. Mit Pianotupfern und Noir-Vibe beginnend, öffnet er sich später der Eingängigkeit, wenn an Portishead erinnernde Drums einsetzen und sich der mantraartig wiederholte Titel zur astreinen Ohrwurm-Hook entwickelt. Es ist eine beeindruckende Verschmelzung von kontemporärem Jazz-Standard und ausgereiftem Erwachsenen-Pop, doch wir touchieren gerade einmal die Spitze eines Eisbergs, der weit in pechschwarze, eiskalte Tiefen reicht.

Dabei macht "Gold junkies" eigentlich genau da weiter, wo der Opener aufgehört hat. De Biasios Melodien legen sich wie Samt über ein konstant nach vorne drängendes perkussives Gerüst, das zum Ende hin komplexer wird und immer wieder hallende Gitarren zaghaft auffunkeln lässt. Hier zeigt sich eindrucksvoll die musikalische Prämisse von "Lilies", das zwar instrumental variabler, aber gleichzeitig auch rhythmisch gestraffter als sonst daherkommt. Das präzise, markante Drumming von "No deal" ist kaum noch zu hören, stattdessen fußen alle Songs auf einem spärlichen und teilweise elektronischem Percussion-Gerüst, sind geprägt von hypnotischer Repetition und nur sehr nuancierter Variation. Dass die Musik der Belgierin dennoch nichts an Intensität und Tiefe eingebüßt hat, beweist sie im Titeltrack, in dem sie weniger singt und mehr Zeilen und einzelne Worte über eine immer fragmentarischer werdende Barjazz-Dekonstruktion heraustropfen lässt.

Verse wie "Here I am / Lilies at my feet" bedeuten für sich stehend nicht allzu viel, doch De Biasio weiß um die Wirkung von Reduktion und totaler Stille so gut wie kaum eine andere Künstlerin. So ergibt sich die einnehmende Dramatik weniger aus dem lyrischen Inhalt, sondern mehr aus der Art des Vortrags, die Pausen zwischen den gesungenen Fragmenten nehmen mindestens genauso viel Raum ein, wie ihr markantes Organ selbst. Nicht, dass man von De Biasios sonorem Hauchen Pausen bräuchte – es macht noch immer die größte Faszination hinter der Musik der 39-jährigen aus. Dieses überzeugt nicht nur in den gefühlvollen, leisen Momenten mit einer gewissen Sinnlichkeit – die möglicherweise schon mit der auf dem Cover gelüfteten Unterwäsche angedeutet wird. Am stärksten drückt sie das im bassgetriebenen "Let me love you" aus, in dem ihr fast schon gestöhntes "Lick it all down" eine nicht nur platonische Form von Intimität erzeugt.

Überhaupt ist "intim" das Stichwort, wenn man De Biasios Musik so knapp wie möglich beschreiben möchte. Ihre Stimme geht unter die Haut, egal, ob sie wie in "Sitting in the stairwell" nur von Fingerschnipsen begleitet wird oder gegen den mächtigen Anti-Gospel von "All my worlds" ansingen muss. Sie beherrscht die geradlinige, frische Neuinterpretation des Standards "Afro blue" genauso mühelos wie den von dissonanten Flöten bestimmten Schlusstrack, der unwiederbringlich in die Leere zu schweben scheint, bevor das einsetzende Schlagzeug einen Rückbezug zum Opener herstellt. Die Flirts mit dem Pop, die zaghaften Lichteinfälle zu Beginn, sie konnten und wollten einen nicht darauf vorbereiten, dass "Lilies" wieder einmal ein schweres, kathartisches Album für die düstersten Stunden von Depression und Einsamkeit ist. De Biasio verweilt also noch immer da, wo sie sich am wohlsten fühlt, und seien wir mal ehrlich: Wer hätte denn ernsthaft gewollt, dass diese Frau je vollständig aus dem Schatten heraustritt?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Your freedom is the end of me
  • Lilies
  • All my worlds

Tracklist

  1. Your freedom is the end of me
  2. Gold junkies
  3. Lilies
  4. Let me love you
  5. Sitting in the stairwell
  6. Brother
  7. Afro blue
  8. All my worlds
  9. And my heart goes on

Gesamtspielzeit: 38:40 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-10-04 20:53:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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