Phoebe Bridgers - Stranger in the alps

Phoebe Bridgers- Stranger in the alps

Dead Oceans / Cargo
VÖ: 22.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Falscher Hase

Es gibt viele verschiedene Arten von Witzen. Manche findet jeder gut, andere bringen nur Hartgesottene zum Lachen, weitere sind so flach, dass niemand zugibt, sie komisch zu finden, oft werden Witze auch erst durch den Erzähler lustig. Seltener allerdings sind hintergründige Witze. Zum Beispiel: Was passiert, wenn man einen Fremden in den Alpen findet? John Goodman zerstört mit einer Brechstange deinen Wagen. Nicht verstanden? Schon alleine zur Aufklärung dieser Verwirrung wäre Phoebe Bridgers Debüt "Stranger in the alps" eine Beschäftigung wert, denn der Titel spielt auf die wohl absurdeste Zensur der jüngeren Filmgeschichte an. Da dem prüden Amerika offenbar "See what happens when you fuck a stranger in the ass?" aus "The Big Lebowski" zu harsch war, wurde die Zeile neu synchronisiert. Das berüchtigte Zitat "See what happens when you find a stranger in the alps" war geboren und der Kultfilm um eine Absurdität reicher. Wer aufgrund dieses Titels hinter Phoebe Bridgers Album etwas Psychedelisches vermutet oder einen abgefahrenen Höllenritt mit 260-maligem "Fuck", den hat die junge Dame an der Nase herumgeführt, wie John Goodman im Film die Erpresser mit einem falschen Hasen aus der eigenen Kochwäsche hereinlegt.

Zunächst sei festgestellt: Das F-Wort kommt nur zwei Mal vor. Neben ihrem offenbar hintergründigen Humor tun sich allerdings ebenso in all den traurigen, auf den ersten Blick oft unscheinbaren, Geschichten auf "Stranger in the alps" immer weitere Abgründe auf. "Funeral", welches gedanklich von einer Beerdigung zu Existentiellem abdriftet, bringt den Gemütszustand des Albums treffend auf den Punkt: "Jesus Christ, I'm so blue all the time / And that's just how I feel / Always have / And always will." Das klingt dabei generell eher nach Angel Olsen als nach ihren namhaften Weggefährten Ryan Adams, Julien Baker, The War On Drugs oder Conor Oberst, auch wenn letzterer sich zu einer folkigen Runde "Would you rather" als Duettpartner einfindet und der Ohrwurm namens "Motion sickness" arg in Richtung Indie-Rock schielt. Durch diese gelegentlichen Ausflüge in verschiedene Stilrichtungen wirkt "Stranger in the alps" ab und an zwar etwas zerfasert, die kreierte Atmosphäre und Bridgers sanfte Stimme halten das Album jedoch stets wohltuend zusammen.

So bekommt man auch erst die Gelegenheit, die vielseitigen Geschichten auf "Stranger in the alps" genauer zu ergründen. Während "Smoke signals" vergangene Zeiten und Helden betrauert, erzählt "Scott street" nicht minder melancholisch von verlorener Intimität und spendiert so den passenden Soundtrack zu trostlosen Regentagen. Mit den vielsagenden Worten "Take a dirty picture, babe / I can't sleep and I miss your face / In my hands and in my knees" beginnt das großartige "Demi Moore" seine Mixtur aus sexueller Begierde, Drogen, Verletzlichkeit und Einsamkeit. Letztere erfährt im Gedankenspiel "Killer" seinen überaus verstörenden Höhepunkt. Aus Angst, verlassen zu werden, stellt die Protagonistin sich vor, geliebte Personen zu töten, um ihnen nahe bleiben zu können. Und wenn man Phoebe Bridgers' gehauchten Zeilen lauscht, ist man ebenso gebannt wie beim Mord im neu aufgelegten "You missed my heart" von Mark Kozelek. Vielleicht sind es diese Tötungs-Fantasien, vielleicht ist es das durchweg hohe Niveau von "Stranger in the alps", das die Kritiker verstummen lässt. In beiden Fällen können wir jedoch nichts Negatives über Phoebe Bridgers berichten. Schließlich ist unser vollverglastes Redaktionsgebäude ein sehr leichtes Ziel.

(Marcel Menne)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Demi Moore
  • Killer
  • Georgia

Tracklist

  1. Smoke signals
  2. Motion sickness
  3. Funeral
  4. Demi Moore
  5. Scott street
  6. Killer
  7. Georgia
  8. Chelsea
  9. Would you rather feat. Conor Oberst
  10. You missed my heart

Gesamtspielzeit: 44:15 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

2plus2gleich5

Postings: 133

Registriert seit 22.08.2016

2017-10-05 17:58:59 Uhr
Motion Sickness ist sowas wie der stilistische Ausreißer.
Wirklich schönes Album, vor allem die erste Hälfte. Erinnert in Teilen stark an den guten Elliott (Demi Moore). Sehr schöne Stimme. Und die Texte sind auch immer wieder angenehm humorvoll, ohne sich selbst auszuhebeln. Anders gesagt: Sie versteht es, ihre Traurigkeit einzuordnen.
Conor
2017-10-05 06:16:28 Uhr
Ich habe sie mit Conor live gesehen, hatte mich da nicht so gefangen. Die Single "Motion Sickness" finde ich ebenso nicht allzu spannend, bin aber auf das Album gespannt! Wird gehört!

Armin

Postings: 10572

Registriert seit 08.01.2012

2017-10-04 20:52:47 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum