Slime - Hier und jetzt

Slime- Hier und jetzt

People Like You / Sony
VÖ: 29.09.2017

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Linke Spießer

Es wird höchste Zeit, mal persönlich zu werden: Ich finde Slime furchtbar. Zum einen, weil ich Zeiten, in denen es scheinbar mega-revolutionär war, "Wir wollen keine Bullenschweine" über drei Akkorde zu brüllen (zum Glück) nicht erleben habe dürfen. Zum anderen, weil – das immer noch sensationell gute "Schweineherbst" ausgenommen – bislang noch jedes Slime-Album wenigstens zur Hälfte aus ziemlichem Schrott bestand. Vor allem aber, weil diese Band einfach vor langer Zeit schon vollmundig jede Art der Wiedervereinigung kategorisch ausgeschlossen hat. Slime wird es nie wieder geben, war da auf der Homepage ungefähr zu lesen. Heute verkündet die Facebook-Seite der "wichtigsten und einflussreichsten Punkband des Landes" voller Stolz "Now established since '79". Aber hey: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? An ebendas hat sich ohnehin nur Stephan Mahler gehalten, dessen Fehlen sich bislang eigentlich in allen Gehversuchen der restlichen Mitglieder nach 1994 negativ bemerkbar gemacht hat. Oder liest hier irgendwer mit, der jede Woche begeistert diese eine hier rezensierte Rubberslime-Platte auflegt? Na eben.

Ein neues Slime-Lebenszeichen nimmt man dementsprechend erst einmal eher ungerührt hin, zumal sich ja schon die letzte "neue" Platte "Sich fügen heißt lügen" als kleine Mogelpackung entpuppt hatte. Eine vertonte Gedichtsammlung gibt nämlich noch lange kein neues Album, meine Herren. Vor allem, wenn die Chose so alt klingt, wie manche Leserinnen und Leser wahrscheinlich gar nicht erst werden möchten. Doch genug der Vergangenheit! Es gibt ein wirklich neues Album von Slime und es heißt "Hier und jetzt". Schon klar, die Hamburger wollen wieder wichtig sein, wollen wieder gebraucht werden. "Heute können wir alle mit erhobenem Kopf sagen: Das ist ein richtig gutes und frisches Slime-Album – und nicht Musik von ein paar alten Säcken, die noch mal auf Tour gehen wollen", sagt Dirk "Dicken" Jora zu diesem Thema. Wer hätte es gedacht: Er hat Recht. Zumindest so ein bisschen. Man kann dieser Band ja viel vorwerfen, aber ganz bestimmt nicht, dass sie in "Hier und jetzt" keine Mühe gesteckt hätte. Sogar ein stimmungsvolles und leider auch recht treffsicheres Covermotiv war dieses mal mit drin. Und ganze 16 Songs in fast einer Stunde, die alles auffahren, was die Band im Laufe der letzten Jahre in die Finger bekommen hat.

Das sind unter anderem Irie Révoltés und Rodrigo Gonzalez von den Ärzten, wie der Promotext voller Stolz verkündet. Wichtiger als ein paar namhafte Gastmusiker sind aber die Songs. Und von denen sind der Band doch ein paar gelungen, die man ihnen so schon vor 15 Jahren nicht mehr zugetraut hätte. "Die Geschichte des Andreas T." beginnt zwar mit seiner Ähnlichkeit zu "Alter Mann" von den gruseligen Knorkator unfreiwillig komisch, mausert sich aber doch zu einem furiosen und giftigen Statement zur Arbeit des Verfassungsschutzes in der NSU-Affäre. Die Band findet die richtigen Worte und die passende, atemlose und wütende Umsetzung dazu. "Sie wollen wieder schießen (dürfen)" ist dann zwar schon seit längerer Zeit bekannt, nimmt aber den Faden gekonnt bei "Goldene Türme" auf, um sich überzeugend und voller Melodie mit dem Thema Rechtspopulismus auseinanderzusetzen. Und wenn "Patrioten" erst ein Höcke-Re-enactment voranstellt, von bleischweren Powerchords zum Rap findet und schließlich "Baut eine Mauer um jeden Patrioten / Lasst ihn stolz sein / Auf den Fleck auf dem er steht" skandiert, ist man für gut vier Minuten fast ein bisschen froh, dass es Slime schon wieder und noch immer gibt.

Dann aber stellt man fest, dass "Hier und jetzt" ja noch 13 andere Songs anbietet. Die sind natürlich nicht alle schlecht, und doch lässt sich so einiges, an dem dieses Album krankt, nicht wegdiskutieren. So geht es zum Beispiel ganz furchtbar schief, wenn sich Slime in "Der siebte Kontinent" aus der thematischen Komfortzone herauswagen. Auch den Ska-Ausflug von "Ich kann die Elbe nicht mehr sehen" hätte sich Band getrost sparen können. Weil die Mischung aus Offbeat und schnellem Punkrock-Refrain bei Slime einfach plump zusammengekleistert klingt und auch die olle Gentrifizierung schon sehr viel überzeugender thematisiert wurde. Überhaupt geht den Norddeutschen zum Ende der Platte merklich die Luft aus. "Bekenntnis zu einem Paradoxon" stapelt Soli aufeinander, die man so gerne hört wie den Säufer aus der Kneipe gegenüber, "Für alle Zeit" erwidert den neuen Rechten nicht mehr als Parolen und wenn sich Slime in "Schöne neue Welt" der – nun ja – neuen Welt annehmen, klingt das Ergebnis einfach tragisch. Weil die Band zu diesem Thema einfach nichts beizutragen hat. Außer vielleicht, dass früher alles besser war. Das ist es nämlich, was "Hier und jetzt" und überhaupt das komplette Schaffen der "dritten Phase" dieser Band so unerträglich macht. Dicken und Co. bedienen sich einzig und ausschließlich aus dem Vorhandenen, aus dem Gestern. Das ist insofern logisch, als dass der von der Band ausgemachte Feind immer noch der gleiche ist. Zugleich ist die Chose aber auch ermüdend, weil die Band so gar nichts Neues zu bieten hat. Keine neuen Worte, keinen neuen Blickwinkel, keine Spur, die irgendwie nach vorne weist. Im Titeltrack singen die Herren dann auch noch "Fünf Finger sind eine Faust". Fast möchte man weinen. "Hier und jetzt" nimmt die Gegenwart in den Blick, bleibt aber bestenfalls an ihrer Oberfläche verhaftet und macht bisweilen den Eindruck, sich gar nicht erst mit dem Erkannten auseinandersetzen zu wollen. "Hier und jetzt" klingt nicht nach ein paar alten Säcken, die nochmal auf Tour gehen wollen. "Hier und jetzt" klingt nach ein paar alten Säcken, die es – wie das ungelenke "Let's get united" gut veranschaulicht – zwar manchmal gut meinen, die meiste Zeit aber nichts mehr zu sagen haben und zu oft einfach nur motzen wollen. Ein Anachronismus. Subversiv wie Kiebitze aus der Kreisliga. Das ist viel schlimmer.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Sie wollen wieder schießen (dürfen)
  • Patrioten
  • Die Geschichte des Andreas T.

Tracklist

  1. Unsere Lieder
  2. Brandstifter
  3. Sie wollen wieder schießen (dürfen)
  4. Patrioten
  5. Banalität des Bösen
  6. Hier und jetzt
  7. Die Stummen
  8. Ernie und Bert in Guantanamo
  9. Let's get united
  10. Die Geschichte des Andreas T.
  11. Spinner
  12. Der siebte Kontinent
  13. Ich kann die Elbe nicht mehr sehen
  14. Bekenntnis zu einem Paradoxon
  15. Schöne neue Welt
  16. Für alle Zeit

Gesamtspielzeit: 55:07 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Hartmut Eltgen
2017-10-10 02:05:51 Uhr
Handelt es sich bei dem Rezensent etwa um Martin Smeets von den fürchterlichen Dear Wolf? Dies würde diese gequierlte Scheisse, die sich Rezension schimpft nennt, eventuell erklären. Persönliche Abrechnungen von alternden, recht erfolglosen Musikern braucht jedenfalls kein Mensch. Anyway, Hier und jetzt ist ein richtig gutes Album geworden, dass leider in der heutigen Zeit absolut wichtig ist.
pope-poperze
2017-10-03 13:54:51 Uhr
das riecht für mich eher nach ausweichung.

Flami

Postings: 171

Registriert seit 28.11.2015

2017-10-02 23:34:13 Uhr
@pope-poperze

Ich werde Dir jetzt nicht erklären, was es mit "Deutschland Muss Sterben" auf sich hat. Du würdest es eh nicht verstehen (wollen).

False Flac

Postings: 106

Registriert seit 19.01.2017

2017-10-01 20:05:55 Uhr
Slime ist hier ein kompetentes Punkrockalbum gelungen, das vor allem eins ist: grundehrlich.
pope-poperze
2017-10-01 16:02:31 Uhr
"Deutschland Muss Sterben"

was genau ist bei euch schiefgelaufen, dass ihr solche songs ironiefrei gut findet? ganz ehrlich, jungs!
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