Sparks - Hippopotamus

Sparks- Hippopotamus

BMG Rights / PIAS / Rough Trade
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Happy Hippo in Missionarsstellung

Irgendwo gibt es diesen Ort, irgendwo muss es ihn geben, an dem noch ganz ungeniert über Pop gelächelt werden kann, der nicht zynisch oder arrogant ist, der einfach nur amüsiert. So stark amüsiert, dass selbst der größte Wüterich und derbste Griesgram entwaffnet werden und wohlauf gestimmt. Diesen Ort, glaubt man Ron und Russell Mael, gibt es inmitten von Los Angeles, an einem verwunschenem Pool, in dem ein Flusspferd im Wasser lauert. Hippos müssten niedlich und zum Knuddeln sein. Sonst wäre ja niemand auf die Idee gekommen, Schokolade in Hippoform zu gießen. Aber Sparks machen auf "Hippopotamus" einen ganz anderen Schuh daraus: Sie feiern den Hippo im Pool, der an Exzentrik und Exotik nicht mehr zu übertreffen ist, er langweilt nicht, ist dafür ganz knuffig anzuschauen, vor allem wirkt das schräg, was diesen Brüdern entspricht, denn so verstehen sie überhaupt Leben: als absurd und skurril.

Bevor mit diesem Pop gelacht wird, ziehen sie ihn erstmal ins Varieté zurück. Denn da gibt es noch die unpeinlichen, großen Gebaren, den Geigenschwung und das Husten der Tuba. "Probably nothing" beginnt noch selbstverunsichert ob des Alterns: "Something to tell you but now I forget / Probably nothing. [...] Don't try to think of it / Then it'll come / Happens a lot lately / I feel so dumb." Ja, sie sind älter geworden, die Mael-Brüder. Die Rente könnten sie beantragen. Bald 50 Jahre Unterhaltungsgeschäft hinterlassen Spuren, zumindest Kerben in den Gesichtern. Aber statt sich zu quälen, mit dem, was eben noch gesagt werden wollte, sich nun auf und davon verabschiedet hat, entzücken Sparks mit Verve und Charme. Zuckersüß und wattig. Da werden Lollipops auf den Hippo geworfen.

"Missionary position" spreizt, ja klar, die Arme, so flamboyant und vehement und überschwänglich, wie Sparks lange nicht mehr wollten oder konnten. Und waren andere Stellungen zu experimentell oder avantgardistisch, das Musical um "The seduction of Ingmar Bergman" auch eher ein Liebhaberprojekt, wird das Ausprobieren verabschiedet, um sich dem Altbewährten zu widmen. "Hippopotamus" ist so old-school wie die Missionarsstellung. Bei FFS, dem Crossoverprojekt mit Franz Ferdinand, war zu hören, wie stark FF doch vom S infiziert wurden: Deren "Johnny Delusional" könnte eine Blaupause für "Missionary position" gewesen sein, was die Melodiewölbung und überhaupt die ausgestrahlte Vergnüglichkeit betrifft.

Das ganze Sparks-Pipapo ist da. Es floriert. Es euphorisiert. Der Humor erst, gerade in "Scandinavian design": Das Leben mit Sinn zu füllen ist, wie Tisch und Stuhl, natürlich aus einem schwedischen Möbelhort, in ein leeres Zimmer zu stellen. Ein Aphorismus-Regen, kurzweilig, aber noch besser sind die erwähnten Hochkultur-Promis auf diesem Album. Man stelle sich vor, stundenlang an diesem ominösen Pool zu liegen: Da möchte man an mehreren Gin Fizz gleichzeitig schlabbern, hin und wieder dem Hippo über die raue Haut streicheln, während der blutrünstige Titus Andronicus ganz elegant vorbei schnorchelt, jemand gutgelaunt die mies gelaunte Édith Piaf flötet, und man hin und wieder im großen Shakespeare blättert, der dann im größeren Bogen weggeworfen wird.

Eigentlich braucht es nur den Glam und Flieder der Sparks. Die von der US-Präsidenten-Gattin Mary Lincoln wissen wollen, wie das denn war, als ihr Abe getötet wurde und sie im Theater saß, also: War das ein gutes Theaterstück? Kunstgewandt eben. Und die MacBeths treten auch noch auf, in "Life with the MacBeths", als wäre das eine Reality-TV-Show, ganz operndick und musicalfett. Doch wenn das Musical wirklich die Oper für Dumme ist, würden sich Sparks stets für das Musical entscheiden, nur um die Erwartungen zu kappen, noch heiterer und lüsterner zu werden. Hätte sich ein jüngerer Mel Brooks vollends der Musik gewidmet – so würde das klingen.

Und ja, irgendwann wird Gott immer ein Thema. Ihm prosten die Sparks ein genervtes "In every other way I find you amazing but one / I wish you were fun" entgegen. An herrlichen Quer- und Schrägverweisen ist "Hippopotamus" nicht zu übertreffen, auch wenn sie nicht notwendig sind, um von der guten Laune der Maels befallen zu werden. Natürlich schimpfen das einige als infantil ab, diejenigen, denen auch Woody Allens "Midnight in Paris" zu blöd war. Dabei wird allerdings missachtet, wie großartig verquatscht Sparks sind und wie überschäumend Dada sie auftreten. Und eben diese Mimosen werden auch mäkeln, dass die Orchestrierung billig ist, sie die Poppigkeit und Tanzbarkeit kalt lässt, dass Glam und Pop und Orchester und Disco doch einige Ecken zu weit voneinander liegen. Aber dann spüren sie es nur nicht, das wundervoll wechselhafte Gaga.

Sonst traut sich das doch niemand mehr. Nur eben Sparks. Gegen den Popzirkus mit dessen billiger Effekthascherei waren sie schon immer immun – nun wehren sie sich mit eben diesen Mitteln im so großartigen "Edith Piaf (Said it better than me)": "It's a heartwarming song / For the easily moved / The effect is all wrong / Plain to see I'm not moved." Dafür, dass diese zwei Genies langsam altern, Russel Maels Falsett auch nicht mehr in die obersten Höhen emporklettert, bewegt "Hippopotamus" doch sehr. Apropos: Wer hat eigentlich das Flusspferd in den Pool geschoben? Hemingway?

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Missionary position
  • Edith Piaf (Said it better than me)
  • I wish you were fun
  • Life with the Macbeths

Tracklist

  1. Probably nothing
  2. Missionary position
  3. Edith Piaf (Said it better than me)
  4. Scandinavian design
  5. Giddy giddy
  6. What the hell is it this time?
  7. Unaware
  8. Hippopotamus
  9. Bummer
  10. I wish you were fun
  11. So tell me Mrs. Lincoln aside from that how was the play?
  12. When you're a french director
  13. Amazing Mr. Repeat
  14. A little bit like fun
  15. Life with the Macbeths

Gesamtspielzeit: 55:10 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Melanie
2017-09-13 23:26:24 Uhr
Hab das Album auch seit heute. Mir gefällt es sehr gut. Als weiteres Highlight wäre "When You're a French Director" zu nennen. Und Rebecca Sjöwalds Sopranstimme ist ein großartiger Kontrast bei "Life with the Macbeths". Aber nur Platz 64 in den Midweeks-Charts (GfK) find ich doch sehr schwach. Wo sind die Sparks-Fans in Deutschland?

Armin

Postings: 9791

Registriert seit 08.01.2012

2017-09-13 22:21:16 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

salarias

Postings: 18

Registriert seit 09.09.2016

2017-09-12 16:32:29 Uhr
das album ist fantastisch, wie fast alles der Sparks
schauen wir mal was das Konzert heut Abend so macht

PeterE

Postings: 1

Registriert seit 04.09.2017

2017-09-04 09:29:31 Uhr
Hippopotamus, das Titelstück ist post Dada in reinster Form...,
Auf "What The Hell Is It This Time" ziehen die Mael Brüder
alle Register Ihres Könnens (my girl has left, my dog has left,
I cracked up my car...)
"Edith Piaf (said it better than me) adaptiert einen klassischen Chanson Stil; auf youtube gibt es dazu ein hinreissend
surrealistisches Video ...

die restlichen 12 (!!) Stücke versprechen einiges mehr und werden mit dem Album diesen Freitag, am 8. September
veröffentlicht ...
Melanie
2017-09-02 13:54:54 Uhr
Die Single Edith Piaf find ich schon mal richtig gut.
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