RIN - Eros

RIN- Eros

Division / Groove Attack
VÖ: 01.09.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Supreme-Court

Rintintin@Rinthething lautet die Twitterkennzeichnung des Rappers RIN. Was klingt wie frühkindliche Gehversuche bei der Wortbildung, verrät bereits sehr viel über die Herangehensweise des kettenrauchenden Marlboro-Fans. Dort, wo es dem Publikum egal zu sein scheint, dass der Künstler nicht live rappt, wo die Playback-Spuren den nächsten Moshpit ankündigen und wo das Metal-Shirt in der Jogginghose eine stilsichere Message und keine Jugendsünde markiert, wird irgendwo der Name RIN zirkulieren. Spätestens seit der wirren Koks-Ballade "Bianco", die er zusammen mit Österreichs Neo-Falco Yung Hurn aufnahm, ist der Dreadlocks-Träger aus Bietigheim-Bissingen auf den Musik-Blogs angekommen. Wie sehr der Rapper den Nerv der Vollzeit-Influencer und Retrofilter-User trifft, zeigt allein der Umstand, dass eine Anhängerschaft bei Instagram um einiges größer ist, als beim Social-Media-Riesen Facebook. Kein Wunder, dass diese Anlagen einen der größten Strippenzieher im HipHop-Geschäft auf den Plan rufen. Mit seinem unvergleichlichen Gespür fürs Geschäft und angesagte Inhalte machte Elvir Omerbegovic schon Kollegah zu dem, was er heute darstellt. Nun ist es RIN, der sich auf dem neu gegründeten Label Division als menschengroßes Testimonial einer Subkultur austoben darf.

"Toben" trifft es tatsächlich auch ganz gut. Fast alle im Vorfeld veröffentlichten Songs und vorrangig "Bros" und "Blackout" sind wilde Hymnen an die Unbekümmertheit. Mit einer Sprache, die alles irgendwo her entlehnt und sich um Inhalte so viel den Kopf zerbricht wie Donald Trump beim Verfassen eines Tweets, wird ein "Eros" heraufbeschworen, der viel über das Heute erzählt, obwohl er kaum etwas aussagt. Die mehr oder weniger romantische Spielwiese zieren Shopping, Drogen und die Suche nach Bindung inmitten tausender Möglichkeiten. Es sind melancholisch-naive Ausflüge an einen Platz voller Modemarken, "Babes", "Shawtys" und "Molly". Vorneweg geht das Label Supreme. Quasi das rare Levis-Shirt des finanziell unabhängigen Szene-Menschen ausgedehnt auf ein komplettes Marken-Image. Roh und bewusst irreführend hält diese Informationsfetzen ein Gefühl der Sorglosigkeit zusammen; eine Ist-doch-egal-Haltung. "Arrêté (Skit)" ist demnach auch kein Skit, der "Dizzee Rascal type beat" kein Instrumental und der "Aretha Franklin Freestyle" kein freier Vortrag. Es sind allesamt vollwertige Tracks. Ähnlich wie ein Haftbefehl es schaffte, uncharmanteste Wortkombination rund klingen zu lassen, gelingt es RIN die belanglosesten Sätze in eine unbefangene Emotion zu verwandeln. Die visuellen Elemente rund um die Platte sind nicht umsonst so grobkörnig und unscharf. Die Fläche, auf der sich der alterslose Rapper inszeniert, macht ihn zum deutschen Pendant eines Lowkey-Movements, dass vielleicht noch von Ahzumjot derart formvollendet aus dem englischsprachigen Raum adaptiert wurde.

Nur die Liebe zur Mode ist schillernd. Das genügt, um die Songs zu tragen. Weiter weg von den Ursprüngen des HipHop könnte dieser Ansatz kaum sein. Ohne irgendeinen politischen Auftrag kämpft man mit sich und dem Überdruss. Die in Wellen auftauchende Debatte um das Ende der Realness hat sich jedoch selten so lebendig angefühlt. Eine wabernde Masse, die ihr Kollektiv nur kurz für den Anlauf zum Pogen aufgibt und absolut nichts mehr mit synchron wippenden Armreihen zu tun hat, bringt die Stimmung der dauervernetzten Jugend mehr auf dem Punkt als 100 Bars mit verschachtelten Reimen und dem Finger in der Wunde der Nation. In "Ich will das du mich brauchst" liegt der Suff direkt auf der Stimme. Das Ausgehölt-sein-aber-sich-verschwenden-wollen findet hier seinen upgedateten Soundtrack. Die Platte wirkt wie ein musikalisches Nachfolgewerk zu dem Neunziger-Klassiker "Kids" von Larry Clark - nur ohne Gewalt. Wahlweise auch wie eine Vertonung von Christian Krachts "Faserland": Alles ist langweilig, also wird alles dafür getan, um darüber hinwegzukommen. Am besten geschieht dies ohne Reue oder eine höhere Gerichtsbarkeit. Dafür mit einer Liebe, die sich so leer und inhaltlos gibt, wie die Generation, die RIN berappt. Es geht nicht mehr um härter, schneller, weiter, sondern um das Hausieren mit vermeintlich hinfälligen Introspektiven. Effektvoll und süß wummern dazu die Beats. Die größte Stärke ist zugleich die größte Schwäche: Das unverkrampfte Element erschöpft sich zusehends und "Shawty ist so high und sieht Liebe überall."

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Blackout
  • Bros
  • Dizzee Rascal type beat
  • Monica Belucci

Tracklist

  1. Intro / Liebe
  2. Blackout
  3. Bass
  4. Bros
  5. Vagabundo
  6. Arrêté (Skit)
  7. Ich will dass du mich brauchst
  8. Dizzee Rascal type beat
  9. Doverstreet
  10. Nightlife
  11. Gamma
  12. Colette
  13. Sag mir wenn Du high bist
  14. Monica Belucci
  15. Aretha Franklin freestyle

Gesamtspielzeit: 50:47 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
TeeKayTank
2017-09-20 23:32:26 Uhr
nur weil du die musik nicht fühlst musst du nicht so nen bullshit schreiben

für mich mind. eine 9/10

molch5

Postings: 4

Registriert seit 11.09.2017

2017-09-19 14:59:52 Uhr
erster song auf jeden fall anwärter für dümmstes intro aller zeiten. find das album verdammt schlecht. hits vorher rausgeballert, hier nur noch lauwarmer aufguss. selbst ein mittelmäßiger hurn ist besser als das alles hier in seinen besten momenten.

kapomuk

Postings: 6

Registriert seit 25.08.2014

2017-09-15 07:39:22 Uhr
"Inhaltsloser, monothematischer Nonsens oder progressive Gegenwartslyrik im Dada-Gewand, die 16-jährigen Teenie-Girls auf Metaebene die Welt und die Liebe erklärt? Zeilen wie »Shawty will ein Molly in ihr’m Drink haben« lassen einen mindestens die Stirn runzeln und hoffen, dass Shawty das auch wirklich will. Wenn beim Koitus dann auch noch absichtlich auf das Kondom verzichtet wird und BabyBaby »arrête« (französisch: »hör auf«) schreit, bewegt sich Rin auf nicht mehr ganz so dickem Eis."

https://juice.de/rin-eros-review/

Bin wohl zu alt, um (bei deutschen Texten) über so was wegzuhören …

maxlivno

Postings: 32

Registriert seit 25.05.2017

2017-09-13 22:58:15 Uhr
Ziemlich treffende Rezension, wenn man Monica Belucci mit Doverstreet austauscht, passen auch die Highlights. Fand bis auf MB die Vorabsongs am stärksten, auch die Genesis EP gefällt mir besser als Eros, ist im gesamten aber noch solide.
Endlich!
2017-09-13 22:47:36 Uhr
Die Rezension hab ich lang ersehnt! Ich wundere mich, warum hier noch nicht wirklich über RIN diskutiert wurde. Wo sind die Hip-Hop-Fans auf plattentests? :)
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