RAF Camora - Anthrazit

RAF Camora- Anthrazit

Indipendenza / Groove Attack
VÖ: 25.08.2017

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Von Palmen und Raben

Die Legende besagt, dass Raphael Ragucci irgendwann mit nicht mehr als einem Midi-Keyboard und einem Roller nach Berlin gekommen sei. Ausgehend von diesen Mobilitäts- und Musik-Basics entfaltet sich fortan eine Karriere voller Sound-, Namens- und Umfeldwechseln. RAF Camora war zeitweise nur die eine Version des Rappers, der sich als RAF 3.0 orchestral und pathoslastig vom Straßensound löste. Produzentengenius Madlib erschuf seinen Quasimoto, Marteria zog auf nationaler Ebene mit Marsimoto nach und auch der Exil-Wiener veranschlagte zwei Persönlichkeiten für sich. Unabhängig von den Veränderungen, die ihn schlussendlich wieder zum eindeutigen RAF Camora zurücktransformierten, zeigte die Erfolgskurve stetig immer ein kleines bisschen weiter nach oben und schoss 2016 raketenartig durch die Decke. Als Afro-Trap lediglich frankophilen Musik-Junkies ein Begriff war, stampften 187-Strassenbande-Oberhaupt Bonez MC und RAF Camora "Palmen aus Plastik" aus dem Sand. Seitdem hat sich die Rap-Landschaft merklich verändert, da wohl kaum ein urbaner Sound in der jüngsten Vergangenheit derart kommerziell erfolgreich war. Als Chef seines eigenen Labels Indipendenza kann sich Ragucci einen reich glänzenden Turm aus Auszeichnungen der Plattenindustrie bauen. "Anthrazit" schließt nun daran an, aber arbeitet den künstlerischen Faden des Reggaeton-Fans mehr heraus .

Egal in welcher Form sich Ragucci bisher ausprobierte: Der Rabe hockte immer auf seiner Schulter – wie eine Fabelfigur, die durch eine biografische Geschichte lenkt. Das schwarze Federtier kokettiert dabei stets mit der dunklen Seite, welche die Künstlerexistenz zwangsläufig mit sich bringt. Wer einfach so radikal von Wien nach Berlin übersiedelt, braucht dafür eine Menge Mut. Vertrauen in sich und seine Fähigkeit allein reicht jedoch nicht, um durchzustarten. Kein Wunder, dass RAF Camora eine bisher dreiteilige Mixtape-Reihe unterschiedlichen Phasen der Selbsttherapie widmete. Das eher austauschbare "Teflon" beschreibt mit einer Zeile die Kopplung von beruflichem Streben, Erfolg und privatem Zurückstecken: "Zehn Jahre schon im Staat Alemania / Es regnet Gold, doch Mama fehlt." Prinzipiell geht es aber bescheiden düster zu. Dabei ist dieser musikalische Richtungswechsel weniger erzwungen, als es den Anschein hat. Schon in Teenager-Jahren hat der gebürtige Schweizer in diversen Crews alles andere als Rap nach Schema F fabriziert. RAF Camora hat stets "Alles probiert" und beweist, dass sich dieser Tatendrang auszahlen kann. Mit Bonez MC in der Hook, der immer klingt wie der schnoddrige Teil derselben Gleichung, kommt das pure "Palmen aus Plastik"-Feeling zur Geltung. Das dies nicht ständig gelingt, offenbart "Augenblick", obwohl die Besetzung unverändert bleibt.

Den karibischen und afrikanischen Rhythmen setzt die Platte ab und zu ein wenig Schlichtheit entgegen. "Money" ist ein einigermaßen simpler Trap-Song mit übertriebener Bildsprache zu allem, was mit Geld in Verbindung steht. Ufo361 bleibt dabei ein erstklassiger Feature-Gast, wenn es darum geht, einen authentischen deutschen Trap-Rapper in einen Song zu holen. Die verspielte Gitarre und der dezent eingesetzt hohe Gesang gegen Ende hauchen dem Stück sogar zusätzlichen Humor ein. Auf der radiotauglichen Single "Primo" feiert sich RAF Camora legitimerweise für seine Pionierarbeit ab: "Plötzlich war'n Gangster am Tanzen auf westafrikanischem Sample / Für sie war die Mucke nur Coco Jambo." Wer einmal aktuelle Rap-Songs auf YouTube sucht und dezente Fähigkeiten bei der Deutung von chronologisch ablaufenden Ereignissen besitzt, wird erkennen, wie Recht der Mann damit hat. Diese Transferleistung für die deutschsprachige Hörerschaft macht das ganze Projekt natürlich nicht unantastbar. Oftmals lassen sich die Tracks kaum trennen, weil sie ähnliches berichten und die gleichen dramaturgischen Knöpfe drücken. Trotzdem erntet hier jemand angebrachterweise die Früchte der Saat, die er selbst streute. Es wird spannend zu beobachten sein, wie viele Künstler diese Welle noch zu tragen vermag. Die eigene Story wird zumindest fortgeschrieben: "Palmen aus Plastik 2" kommt wohl 2018.

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Alles probiert (feat. Bonez MC)
  • Primo
  • Money (feat. Ufo361)

Tracklist

  1. Anthrazit
  2. Vienna
  3. Alles probiert (feat. Bonez MC)
  4. Bye bye
  5. Primo
  6. Roots (feat. Gentleman)
  7. Donna Imma
  8. Niemals (feat. Kontra K)
  9. Andere Liga
  10. Luft
  11. Money (feat. Ufo361)
  12. Teflon
  13. Augenblick (feat. Bonez MC)
  14. Entertainment (feat. KC Rebell)
  15. Was jetzt
  16. In meiner Wolke
  17. Kontrollieren (feat. Bonez MC, Gzuz & Maxwell)

Gesamtspielzeit: 59:42 min.

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Armin

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2017-09-13 22:20:12 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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