Ariel Pink - Dedicated to Bobby Jameson

Ariel Pink- Dedicated to Bobby Jameson

Mexican Summer / Al!ve
VÖ: 15.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Scheide sich, wer kann

Klar, dass jegliche Geschichten, die von und über Ariel Pink verbreitet werden, mit größtmöglicher Vorsicht und nicht zuletzt mit berechtigter Skepsis zu genießen sind, haben wir längst begriffen – zuletzt etwa im Vorfeld der Veröffentlichung seines letzten Albums "Pom pom" von 2014. Und auch jetzt, einige Jahre später, sind die Vorabinformationen zu Pinks neuestem Streich (pun intended) "Dedicated to Bobby Jameson" derart kurios, dass wir sie nur mit einem ausdrücklichen "Glauben auf eigene Gefahr"-Vermerk wiederholen. Das gute Stück soll also vom erwähnten Sechzigerjahre-Folksänger Bobby Jameson inspiriert worden sein, dessen Leben nach einer regelrechten Berg-und-Tal-Fahrt im Jahr 2015 endete. Mit den Höhen und Tiefen habe sich der bürgerlich als Ariel Rosenberg bekannte Kalifornier derart identifizieren können, dass eine Hommage in Albumform quasi unausweichlich gewesen sei, auch wenn der gute Jameson in keiner der Lyrics wirklich explizit erwähnt wird. Ach ja, pünktlich zum Erscheinungstermin habe Pink sich auch noch scheiden lassen müssen – und das, nachdem er 15 Jahre nach einer nicht ganz ernstgemeinten Hochzeit nicht mal gewusst habe, dass er überhaupt noch verheiratet sei.

Scheidung, Dahingeschiedene, Künstler, an denen sich die Geister scheiden – und dennoch ist "Dedicated to Bobby Jameson" weder ein Trennungs- noch ein wirklich polarisierendes Album. Pink setzt weiterhin auf seine bereits bekannte Mischung aus Electro-, Psychedelic- und Lo-Fi-Pop, hier ein paar kitschige Synthies, da mit beiden Augen zuzwinkernde Lyrics, dort von halluzinogenen Substanzen geschwängerte Melodien. Alles beim Alten also irgendwie, jedenfalls zu Beginn, und zum Glück auch deutlich abgespeckter als der mit 17 Songs überladene Vorgänger. Der Neustart nach der Diät macht sich gut: "Time to meet your God" leitet das Album geradezu euphorisierend ein, rumpelt sich attackierend ins Ohr, versöhnt sich zwischendurch mit kleinen, aber feinen New-Wave-Päuschen, nur um im vermeintlichen Augenblick des Glücks endgültig zuzuschlagen. Viel verschmuster gibt sich dahingegen das schamlos bei Fiction Factory mopsende "Feels like Heaven", das zudem tatsächlich lockerleicht von Wölkchen zu Wölkchen hüpft und dabei Regenbogen-Konfetti aus einem quietschbunten Blumenkorb zu Boden regnen lässt. Noch nicht bildlich genug? Das spacige "Another weekend" erinnert rein vom Sound her am ehesten an Jameson und lädt dann glatt ins völlig verrauchte Ferienhaus ein, wo sich zwei Tage Wochenende wie ein Jahr auf Zeitreise anfühlen dürften.

Überhaupt ist die Unbeschwertheit auf "Dedicated to Bobby Jameson", die sich sogar in den unter der Oberfläche doch melancholischeren Stücken raushören lässt, der eigentliche Gewinner des Albums. Das irgendwo zwischen Beach Boys und Hall & Oates wandelnde und von einer 2002 erschienenen Kassette wiederverwertete "I wanna be young" etwa, das tollpatschig stolpernd seiner eigenen Jugend nachrennt, fügt sich ebenso gut in den Fluss ein wie der überraschend tanzbare Krautrock von "Time to live" oder die Power-Pop-Nummer "Bubblegum dreams". Und weil Pink noch nicht genug durch die verschiedenen Zeiten und Genres gesprungen ist, entführt er seine Hörerschaft in "Dreamdate narcissist" in einen abgefahren-rasanten Spaghetti-Space-Western, in dem sich auch ein gewisser John Maus nur allzu gern aufhält. Hier ist eben für alle was dabei. Und diejenigen, für die all das immer noch nicht absurd genug ist, gibt es mit dem Abschlusstrack "Acting" und der Unterstützung von Dâm-Funk genau die Portion Meta-Achtzigerjahre-Soap-Opera-Drama, von der man nicht mal wusste, dass es sie gibt. Und wie passend, dass Pink darin singt, seine Fantasien einfach durchzuspielen und auszuleben – nichts anderes macht "Dedicated to Bobby Jameson" und bereitet genau deshalb so viel Spaß. Kaum zu glauben: Dieser Streich ist Pink eindeutig gelungen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Feels like Heaven
  • Time to live
  • Another weekend
  • Dreamdate narcissist

Tracklist

  1. Time to meet your God
  2. Feels like Heaven
  3. Death patrol
  4. Santa's in the closet
  5. Dedicated to Bobby Jameson
  6. Time to live
  7. Another weekend
  8. I wanna be young
  9. Bubblegum dreams
  10. Dreamdate narcissist
  11. Kitchen witch
  12. Do yourself a favor
  13. Acting (feat.Dâm-Funk)

Gesamtspielzeit: 46:18 min.

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Armin

Postings: 10345

Registriert seit 08.01.2012

2017-10-25 19:10:57 Uhr - Newsbeitrag
ARIEL PINK veröffentlicht Video zu "I Wanna Be Young"

Bereits am 15. September erschien mit "Dedicated To Bobby Jameson" das neue Album von Ariel Pink. Heute folgt das Video zur aktuellen Single "I Wanna Be Young", welches unter der Regie des argentinischen Filmemachers Salvador Cresta entstand.

▶ Ansehen: "I Wanna Be Young" auf youtube:

Das Video in kauzig-schöner Lo-Fi-Optik wirft, versehen mit Fotos aus Ariels Privatarchiv, einen Blick in die Vergangenheit des Künstlers und greift damit passend dazu das Haupthema des Songs auf - die Erinnerung an die Jugendzeit und den Wunsch diese wieder aufleben zu lassen.

Auf "Dedicated To Bobby Jameson" ist Ariel Pink jedoch weit davon entfernt ganz und gar nostalgisch zu werden. So schreibt der Spiegel über das neue Werk:

„Ausgerechnet jetzt, am Ende dessen, was man das Hype-Jahrzehnt Ariel Pinks nennen könnte, gelingt Rosenberg sein bisher reifstes und überzeugendstes Album. Weil es um etwas geht. Sinn und Nachhaltigkeit.“ (Spiegel Online)

Pink schreibt, produziert und veröffentlicht seine einzigartige "Pop"-Musik seit nunmehr über zwei Jahrzehnten. "Dedicated To Bobby Jameson" zeigt nach "pom pom" die Rückkehr Ariel Pinks an den Schauplatz seiner ersten Aufnahmen: sein Schlafzimmer.

In Beverly Hills aufgewachsen, begann Ariel Pink als bildender Künstler bevor er in den späten '90er Jahren während seines Studiums an der Cal Arts zur Musik wechselte. Trotz damaliger Kritik, übten bereits Pinks frühe Lo-Fi Aufnahmen großen Einfluss auf andere Musiker aus.

* Video zu "Another Weekend":
* Video zu Time To Live":

Analog Kid

Postings: 9

Registriert seit 27.06.2013

2017-09-17 11:10:04 Uhr
Sehr schön. Gefällt. Weniger Spektakel als auf pom pom, aber dafür schöne mellow Sunday AM Retro-Radio-Vibes. Erinnert mich eigentlich sehr an die "Before Today", ähnliche Produktion jedenfalls.

Jedenfalls nicht so LoFi wie seine allerersten Sachen, zum Glück.
hos
2017-09-16 12:22:18 Uhr
ween meets cardigans

Plattenbeau

Postings: 332

Registriert seit 10.02.2014

2017-09-16 11:52:59 Uhr
Die gruftige LoFi-Produktion gefällt mir nicht. Das Album ist nicht so spaßig und unterhaltsam wie der Vorgänger und auch nicht so abgerundet, wie die letzten Haunted Graffiti-Alben. Einige Ohrwürmer schüttelt er dennoch wieder aus dem Ärmel.

Armin

Postings: 10345

Registriert seit 08.01.2012

2017-09-13 22:19:08 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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