Lirr - God's on our side; welcome to the jungle

Lirr- God's on our side; welcome to the jungle

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

!!!

Man stelle sich vor, wir würden das Schreiben der Rezensionen hier auf Plattentests.de für einen Tag den Kolleginnen und Kollegen von der Bild-Zeitung überlassen: "Skandal! Schon wieder Hardcore bei Grand Hotel van Cleef" Oder: "Semikolon im Albumtitel! Sind Lirr die verrückteste Band der Welt?" Oder: "Schon wieder nur übles Gebrüll! Wir wollen endlich gute Musik hören!" Oder: Wir lassen das lieber und packen die Ausrufezeichen zurück in die Mottenkiste. Dann kann man immer noch erzählen, dass beim Grand Hotel van Cleef bald das Beste dort veröffentlichte Stücke harter Musik seit Propagandhis "Supporting caste" – ja, wir haben schon von Escapado, Adam Angst und Fjørt gehört. Man kann außerdem ganz grundlegend anführen, dass dieses Satzzeichen im Albumtitel wirklich miserabel aussieht und en passant die Info einstreuen, dass Lirr aus Flensburg kommen und Post-Hardcore spielen.

Bevor jemand Turbostaat sagt oder gar abwinkt und salbadert, dass dieses Genre doch auch seit einiger Zeit eher ausgelutscht wirkt, kann man, nein, muss man betonen, dass "God's on our side; welcome to the jungle" mehr als nur ein flüchtiges Ohr wert ist. Hier ist nämlich eine Band am Werke, die sich nicht damit begnügt, ein paar dissonante Gitarren mit am Emo geschulten Vocals und einer ordentlichen Portion Krach zu vermengen und zu sehen, was am Ende dabei rum kommt. Vielmehr entfesseln Lirr schon im Opener "This house is clean, baby (this house is clean)" ein verfluchtes Monster, das es einzufangen gilt. Ein schwieriges bis unmögliches Unterfangen, wie allein der fiese Noise-Ausbruch zum Auftakt des Albums zeigt. Vor allem wenn die nächste Station irgendwo in der Nähe von Bands wie Kenzari's Middle Kata verortet ist. Wohin der Weg ja nun nicht unbedingt kurz ist. Und auch nicht auf der Hand liegt. Aber sei's drum: Immerhin bietet "Jungle, pt.1" – die Tracklist ist übrigens um größtmögliche Schreibschwierigkeiten beim Rezensenten bemüht – eine ganze Menge einnehmender Melodien zum Trost.

Ein bisschen Trost braucht es dann auch, will man sich wirklich ohne schmerzhafte Verrenkungen und Verletzungen durch dieses durch und durch bemerkenswerte Album hangeln. "Grow" schiebt mit wuchtigen Electro-Sequenzen an, die man so auch bei Wife erwarten hätte können, findet irgendwie den Weg zu einem furiosen wie prägnanten Wutausbruch und wieder zurück und lässt "MTV" schließlich das Ruder übernehmen. Das wiederum früher auch auf MTV laufen hätte können, mit seiner beinahe schon sanftmütigen Art, die sich die volle Spielzeit über von allen Ecken und Kanten fern hält. Danach kommt dann der Wahnsinn, klar. Als ob The Blood Brothers das Studio gestürmt hätten poltert "Down" in alle verfügbaren Richtungen ausbrechend los, täuscht ein kurzes Zur-Ruhe-Kommen an und bricht ganz zum Schluss völlig in sich zusammen. Wenn es nicht längst geschehen ist, streckt man vor den Boxen spätestens an dieser Stelle alle Viere von sich und lässt Lirr mal machen.

Ein bisschen, weil man all den furiosen und engstmöglich auf Kante genähten Haken nicht mehr folgen kann, die diese Band stets zu schlagen pflegt. Viel mehr aber, weil man im Laufe von "God's on our side; welcome to the jungle" lernt, Lirr blind zu vertrauen. Schließlich finden sich in diesem dreißigminütigem Parforceritt, in dieser kunstvollen Vereinigung von Genie und Wahnsinn keine Längen und erst recht keine Fehltritte. Das eigentliche Verdienst dieses Album ist es aber, dass hier etwas geschaffen wird, was zuletzt vielleicht Code Orange mit "I am king" gelang: Ein Album, das sich konsequent dem brachialen Krach zuwendet und dabei so ausformuliert, so durchdacht und ja, so erwachsen klingt, wie das nur irgendwie möglich ist. Ein Album, das neben seinen offensichtlichen Brüchen die feinen Details nach vorne schiebt, wie etwa die Bläser in "Sour, pt.2" und dadurch mit genug Zwischentönen ausgestattet ist, um auf Lange sicht spannend zu bleiben. Ein Album, das für sich steht. In einem Wort: Ein Meisterwerk. Ach ja: !

(Martin Smeets)

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Highlights

  • This house is clean, baby (this house is clean)
  • Sour, pt. 2
  • Grow
  • MTV

Tracklist

  1. This house is clean, baby (this house is clean)
  2. Jungle, pt.1
  3. Jungle, pt.2
  4. Sour, pt.1
  5. Sour, pt.2
  6. Grow
  7. MTV
  8. Down
  9. Chicago, pt.1
  10. Chicago, pt.2

Gesamtspielzeit: 28:44 min.