Cro - Tru.

Cro- Tru.

Chimperator / Groove Attack / Universal
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Kung Future

Es gab Gerüchte über das Ende der Maskenzeit. Vor allem das Video zu "Baum" veranlasste viele zur Mutmaßung, dass Carlo Waibel seine Tierscharade endlich aufgibt und fortan als er selbst den "Raop" mit Leben füllt. In der September/Oktober-Ausgabe 2017 der Juice erklärt Cro, dass dieser Plan sogar wirklich griffbereit in der Schublade liegt. Doch der Luxus der Anonymität behält vorläufig weiterhin die Oberhand. Der Auffahrunfall mit der eigenen Knuddel-Identität war ein durchdachter Coup, aber auch ein dezenter Hinweis auf Veränderung. Der Abschluss einer konfetti-bunten Ära ist gekommen. Der plüschige "Hi Kids"-Carlo hat in der Form abgedankt. Es geht nunmehr um die Neudeutung der eigenen Figur und diese soll sich möglichst nahe an eine Wahrheit heranpirschen. Daher wandelte sich der Albumname von "Fake you." zum finalen "Tru.". Cro headlined längst die großen Festivals und kann sich ein Spiegelkabinett aus Auszeichnungen basteln. Hier ist alles erreicht. Der Antrieb rührt aus dem Wunsch nach "Unendlichkeit". Für den bedeutsamen Abdruck in der Geschichte braucht es ein Magnum Opus. Die Maske prangt in einer upgedateten Version vorm Gesicht. Die Kampagne zum Album ist mit asiatischen Stilspielereien vermischt. Die Musik vollführt so etwas wie einen Roundhouse-Kick. Nicht nur, dass die textliche Ebene herausfordernder geworden ist, auch der unverfängliche Sound ist einer Mehrschichtigkeit gewichen, die zwar weiterhin harmonisch und freundlich wirkt, aber doch Handkantenschläge an jene verteilt, die sich in ihren Ideen bremsen lassen.

Auf dem Album changiert eigentlich alles, was heutzutage als Rap durchgeht. Cro kann auch so ziemlich jede Variation und gleichzeitig seinen Tatendrang kaum verstecken. Als ihm 2015 langweilig war, trat er aus Lust und Laune nochmal in einer Internet-Battle-Liga an. Er bringt Double-Time-Passagen locker in "Hi" unter, nutzt Autotune als sinnvolle Erweiterung seines Sounds und greift beim Slang-Baukasten stilsicher zu. Am Ende des Tages geht es wohl wirklich darum, es sich selbst zu beweisen und Musik zu erschaffen, die mehr ist als bloßer Sprechgesang eines talentierten Typen, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Genau diesen Punkt beschreibt Cro in "Fake you." mit Ivy Sole. Als zentrales Stück bei dem Versuch in eine neue Wahrnehmungs-Kategorie vorzustoßen, erweist sich jedoch "Computiful". Eine zwölf Minuten lange Art Elektro-Pop-Song, der avantgardistisch die Liebesverhältnisse auf der Glasfaser-Kugel verhandelt. Davon ausgehend gehen die Gedankenströme in alle Bereiche, die Gegenwart und Zukunft der Menschen abbildet, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen haben.

Dabei leuchtet der Chimperator-Artist auch seine eigene Person klarer als jemals zuvor aus. Es dreht sich einiges um das Leben als Phänomen, das in den Socialmedia- und Realwelten zu einem überdimensionalen Platzhalter für reibungsfreien Rap gewachsen ist. Es sind Dinge, die man schlecht nachvollziehen kann, wenn man nicht schon einmal in einer jubelnden Traube Teens stand. Er gilt als einer, der die Jugend nicht verdirbt, sondern ihr gute Vibes vermittelt. Vor so viel niedlicher Panda-Mania ist ein bisschen untergegangen, dass bereits "Easy" mit genau der Sprache und den Themen hantierte, die Rappern von szene-fremden Medien des Öfteren um die Ohren gehauen bekommen. Daher sind Tracks wie "No. 105" über die perfekte Frau, das was Cro immer schon gemacht hat und das ist manchmal auch sehr holzschnittartig und nicht übermäßig spannend. Natürlich gibt es aber auch einen glasklaren Hit. Der eingangs erwähnte Song "Unendlichkeit", der seine Hook aus verschiedenen 80er-Jahre-Ohrwürmern hergeleitet haben könnte, liefert Pop in aller Klarheit. Solange Cro will, kann er solche angenehmen Stücke wahrscheinlich am Fließband abliefern. Das wäre jedoch mehr als fake. Das hat er ja alles schon getan.

Daher ist die Mission tiefschürfender. Die ruhigen Kopfnicker-Beats von "Kapitel 1" und "Forrest Gump" leiten ein, was sich dann in Mumble-Rap-Passagen, karibischen Exkursen, Reggae-Tunes und Trap-Synthies über die gesamte Spielzeit ausbreitet. Zur Wahrheit von "Tru." gehört aber auch, dass die Verknappung sowie das bewusste Verzichten auf Text und die Strukturlosigkeit mancher Songs Teil eines künstlerischen Spannungsfeldes sind. Die Projektionen einer Kohorte, die sich mittels virtueller Bestätigung definiert, lässt Cro in Utopien, Idealisierungen und Rückschauen einfließen. Die Features fallen nicht dabei nicht groß ins Gewicht. Ob es Wyclef Jean für "Todas" wirklich gebraucht hätte, kann und darf bezweifelt werden. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Album eine ähnliche Länge wie ein Animationsfilm aufweist, bei dem ein artverwandter Hauptcharakter durch den Kampf mit sich selbst, Stück für Stück seiner Bestimmung näher kommt. Der letzte Track "2kx" ist dann klassischerweise für Mama und erinnert an Max Herre und Joy Denalane und ihre "1ste Liebe". Das hat etwas bodenständig Versöhnliches nach all den Experimenten und respektiert zugleich die schwäbischen HipHop-Wurzeln. True to the art.

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Tru.
  • Unendlichkeit
  • Computiful
  • Fake you. (feat. Ivy Sole)

Tracklist

  1. Kapitel 1
  2. Forrest Gump (feat. Patrice)
  3. Fkngrt
  4. Tru.
  5. Hi
  6. Todas (Wyclef Jean)
  7. Baum
  8. Unendlichkeit
  9. Computiful
  10. No. 105
  11. Noch da
  12. Paperdreams
  13. Fake you. (feat. Ivy Sole)
  14. Alien
  15. 0711
  16. Slow down (feat. Ace Tee)
  17. 2kx

Gesamtspielzeit: 85:44 min.

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User Beitrag

Loketrourak

Postings: 556

Registriert seit 26.06.2013

2017-09-18 17:18:20 Uhr
Der Link von Armin geht auf Comeback Kid - Outsider, nicht auf Cro.

Matthi902

Postings: 24

Registriert seit 28.03.2017

2017-09-18 15:41:50 Uhr
Der Bremmer hätte bestimmt ne 8/10 vergeben.
Nur zur Infeau
2017-09-14 08:45:54 Uhr
Michael Rubach = Peter Somogyi
^^
2017-09-14 08:20:01 Uhr
was ne gequierlte scheise
Esdeh
2017-09-14 00:20:20 Uhr
"Die Projektionen einer Kohorte, die sich mittels virtueller Bestätigung definiert, lässt Cro in Utopien, Idealisierungen und Rückschauen einfließen."

Meine Fresse, findet sich da jemand selbst geil.
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