Alex Cameron - Forced witness

Alex Cameron- Forced witness

Secretly Canadian / Cargo
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Perverser Springsteen

Zerbröseltes Ecstacy liegt auf alten Stereokonsolen rum. Das klammheimliche Rassistentreffen wurde verschlüsselt protokolliert. Penisselfies. Verbotene Wettspiele. Paare, die auf dem Rasen vor ihrer Villa rammeln, bis sie aufgeben, einsehen, dass es doch nicht für den Orgasmus reicht. Wie Alex Cameron es so schildert, liest es sich spannender, als er wohl letztlich seinen früheren Arbeitsalltag erlebte. Er war Ermittler für ein Anwaltsbüro, wie man es sich bei Saul Goodman vorstellt. Stets im Untergrund, an einer Realität reibend, die andere nur aus schlechten Filmen kennen. Erzählen darf Cameron wenig, da gibt es noch eine Verschwiegenheitsklausel, mit der er hadert. Ob nun korrupt, anonym Fährten legend oder beim Beschatten – er war gut in seinem Job, scheiterte nicht an der Skrupellosigkeit, sondern wollte irgendwann nicht mehr. Aufhören für die Musik.

Die Vorgeschichte, die zumindest einige Musikjournalisten mit Hilfe von Interviews abtasteten und für glaubwürdig halten, hilft dabei, diesen Typen zu verstehen. Auch, warum er so uncool ausschaut, mit der Jean-Claude-van-Damme-Frise und Terminator-Sonnenbrille. Warum er sich so selbstbewusst mit Musikgrößen via Twitter anlegt: "If Dave Grohl was really the musician's musician, he'd stop taking up 2 hours on the main stage at festivals and promote my new album." Nicht Dave Grohl ist von Alex Cameron begeistert, dafür Brandon Flowers und The Killers. Sie sehen im Australier eine Muse. Schließlich half er, ihre neue, aber neun Jahre vor sich hin gärende Single "Run for cover" endlich fertigzustellen.

"Forced witness" ist eine heikle Mischung: Trash und Exzentrik, große, kitschige Gefühle bei einem ernsten, traurigen Kern. Man stelle sich zum Album vor, ein perverser Bruce Springsteen würde inmitten einer Arena stehen und nur darüber singen, wie er mal Pussy genannt wurde, nun versuchend, alles zu tun, um als Macho rüberzukommen. Aber in sich ist er nur verunsichert."Forced witness" ist vulgär und großartig. Aber auch eine Art Kulminationspunkt der Popmusik 2017. Ironie und Abwandlungen von Schlager schießen vor, Father John Misty tat sich mit ersterem großartig leicht, bei der Kombination von beidem: siehe Arcade Fire. Dabei sind Camerons Songs, was Brandon Flowers schon immer schreiben wollte. Da irgendwo zwischen Springsteen und Tom Petty, zwischen Pet Shop Boys und New Order, zwischen der klaren, eingängigen Melodie und der Schamlosigkeit, auch mal pathosgeil die Faust gen Himmel zu strecken.

Besonders hervorzuheben ist "Stranger's kiss", ein Trennungslied mit Angel Olsen. Die Mietwohnung liegt in Trümmern, das Ex-Paar drischt weiter aufeinander ein. Cameron macht – klar – auf dicke Hose. Olsen antwortet wundervoll kühl und scharf: "Don't bother flying / When we jump off the cliff / Make sure it's head first / If you don't want to deal with what ifs." Stirb doch einfach. Meat Loaf und Bonnie Tyler liegen auch nicht mehr fern. Dazu tremoliert die E-Gitarre bei gummigleichen Synthesizern. Ganz von ihm ablassen kann sie dann doch nicht: "In my dreams I miss you / but I wake up to reality's bliss." Und bevor sich beide an die Gurgeln gehen, setzt das Saxophon ein, geblasen von Roy Molly, den Cameron seinen "Business partner" nennt, als entstammte es direkt der E-Street-Band. Es wird hymnisch.

Wie auch im Dramolett "Candy May". Cameron fühlt sich nirgendwo derart einsam wie in Las Vegas, genau dort in der Menge, was auch nur wieder Inszenierung sein kann: "I never wanted to look sharp / Down the barrel of a broken heart / So I live with a deep regret / Of what I do on the internet." Bevor es traurig, weil ehrlich, wird, denn ungehemmt lassen sich Menschen nur an ihrem Browserverlauf verstehen, dreht der Song zum Schutz ins Lächerliche. Die Ironie steigert in Selbstironie. Der Groove verdunkelt, auch weil Foxygens Jonathan Rado produziert hat, was einigen noch so düsteren Momenten vollen Drive verleiht. Und Cameron kann auch funkeln wie Elton John, etwa in "Country frigs", funky sein in "The chihuahua" oder verführerisch in "Studmuffin96".

Das alles ist zu groß, um ein Witz zu sein, aber auch zu ironisch, um als wahr oder falsch verstanden zu werden. Mal die Romanze, dann die Anti-Romanze, Sehnsüchte, von denen Internetpornos ablenken. Alex Cameron ist nicht zynisch, aber so verschlüsselt wie David Lynch, und ebenso Soap-Opera-versessen. Warum sonst der Song "Marlon Brando"? Er beschreibt einen depressiven, arbeitslosen, langsam den Lebensdurst verlierenden Giganten, wie Marlon Brando 1999. Und erst die lächerlich-simplen Drums in der großen, im Devo-Stil pluckernden Ballade "Politics of love", in deren Fernsehgarten-Chorus Brandon Flowers mitsingen darf – das wäre ein guter, wenngleich leicht dürftiger Scherz: ein perverser Springsteen bei den Zombies im ZDF, zu dem geschunkelt wird.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Candy May
  • Stranger's kiss
  • Politics of love

Tracklist

  1. Candy May
  2. Country figs
  3. Runnin' outta luck
  4. Stranger's kiss
  5. True lies
  6. Studmuffin96
  7. The chihuahua
  8. The hacienda
  9. Marlon Brando
  10. Politics of love

Gesamtspielzeit: 41:10 min.

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Armin

Postings: 9791

Registriert seit 08.01.2012

2017-09-19 18:13:10 Uhr
*hype*
Armin L.
2017-09-19 12:42:47 Uhr
*verzweifelt zu hypen versuch*

Armin

Postings: 9791

Registriert seit 08.01.2012

2017-09-19 12:34:56 Uhr
Hier sei noch mal das hier empfohlen:



Da macht Alex Cameron auch mit.

eric

Postings: 1571

Registriert seit 14.06.2013

2017-09-19 12:00:09 Uhr
Die beiden anderen Singles: auch sehr guter 80s-Pop-Rock, aber haben nicht den besonderen Punch von "Candy May".

Armin

Postings: 9791

Registriert seit 08.01.2012

2017-09-18 23:59:59 Uhr
Das ganze Album ist der Knaller. Am besten gefällt mir obiges "Runnin' outta luck".

Heute auf weißem Vinyl bekommen.
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