Motorpsycho - The tower

Motorpsycho- The tower

Stickman / Soulfood
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wenn Worte keine Sprache wären

Die Geschichte des Turmbaus zu Babel geht ja in etwa so: Wir bauen mal eben einen Turm zu Gott, weil dem haben wir einiges zu erzählen und zu fragen noch mehr. Als der dann wiederum sah, wie die Menschen ihm Stock für Stock näher kamen, ließ er Sprachen regnen. Davor war es einfach mit der Verständigung und dem Verstehen. Danach verlor sich alles im Kauderwelsch des anderen. und woran so emsig gearbeitet wurde, war nicht mehr zu denken. Wie auch, wenn alle den Stein meinen, aber Stein in so vielen unterschiedlichen Sprachen sagen? Mehrsprachigkeit ist also keine Form der Sprachlosigkeit, sondern erstmal große Irritation und überhaupt ein Wunder der Übersetzung. Und Motorpsycho, diese überwältigende, überfordernde, verbiestert gegen das Leben grollende und schon immer die aufregendste Form der Gehirnwäsche betreibende Band aus Trondheim, Norwegen, sind eine der polyglottesten Bands der Musik von heute.

Auf ihrem neuen, nunmehr x. Studio-Album (die Quellen reichen von 18 bis 30), "The tower", ist das alles eingearbeitet, was wieder einmal ein gigantomanisches Unterfangen darstellt, das hier aber glückt und nicht schamlos, geschmacklos übertreibt: Vom großen, übermannenden Orchesterwall hin zu gestupstem Jazz, gelasseneren Folk-Momenten und loderndem Prog. Aber im Kern ist "The tower" eine harte Rockplatte. Das wird alle Psychonauten (liebevolle Umschreibung für Motorpsycho-Fans) freuen, die etwa mit "Here be monsters" haderten, weil sie ein zu luftiges, langsames, in sich selbst kehrendes Album hörten. "The tower" ist da, schon der Entstehungsgeschichte wegen, eine entschiedenere Sache. Erzählen andere Bands auf ihren neuen Platten weiter, wo die vorigen aufgehört haben, was irgendwann, sich andauernd wiederholend, so langweilig wird, wie die Babel-Geschichte in allen Übersetzungen zu hören, brechen Motorpsycho auch mal eben sich selbst. Auf zumindest.

Kenneth Kapstad hatte 2016 genug. Der Drummer verließ das Trio, nicht im Schlechten, auch nicht überraschend, wie Psychonauten in Internetforen rumorten, denn auf Konzerten wirkte er schon länger ein wenig behäbig, genug andere Projekte hatte er obendrein. Also schallte es noch ein lieb gemeintes "Tusen takk!", und gefunden wurde Tomas Järmyr, direkt aus Trondheim, direkt aus dem wohlgeschätzten Musikkonservatorium NTNU. Zuvor knüppelte er auf einigen experimentellen, avantgardistischen, jazzigen Alben und Bühnenprojekten. Passt. Und Järmyr spielt knorrig, exaltiert, markerschütternd, geradeheraus, wie es Motorpsycho lange nicht mehr hatten und wie es ihnen so gut steht. Sehr zum Wohl dieser zwei Typen, Hans Magnus Ryan und Bent Sæther, die sich mittlerweile seit 28 Jahren einen unüberblickbaren Kosmos teilen.

Anderthalb Stunden, gepresst in zehn Songs, aufgenommen wurde in Los Angeles und im Rancho de la Luna Studio in Joshua Tree – Motorpsycho sind in die Wüste, um wüst zu klingen. Sie sind dorthin, wo Kyuss schon waren, Fu Manchu beinahe durchdrehten und wohin die Desert Sessions um Josh Homme pilgerten. Der mystische Überbau von "The tower" erinnert ein wenig an den Epos "The death defying unicorn", schon der Länge wegen, textlich teilen sie sich auch eine unergründliche Tiefe, die von der Gitarrenhärte auch mal überdeckt wird, aber eigentlich geht es nur darum: wie Gitarrenmusik 2017 sein soll und was im Boogie der neuartigen Mark-Ronson-Queens-Of-The-Stone-Age verloren ging.

Lange Songs wie "A pacific sonata" zirkeln ziellos vor sich hin, eben wie bei The Greatful Dead. Kürzere Songs wie "Stardust" laben sich an Stimmharmonien und behaglichen Streichern. "A.S.F.E." ist ein unmittelbarer, wilder Song, als würde Lemmy Kilmster auf John Garcia treffen, beide stehen im Ödland und warten ungeduldig auf den Wolkenbruch. Und Motorpsycho haben auch den Surfrock für sich entdeckt, oder zumindest ihre Idee davon, wenn sie in "The maypole [including Malibu and stunt road]" zu einigen Bongos unerschütterlich an ihren E-Gitarren gniedeln. Das ist zwar keine neue Sprache, aber, was sich gut bei Motorpsycho einfügt. Schicken wir jetzt mehr Bands in die Wüste, wenn das so funktioniert, und ist "The tower" der erhoffte Exzess, so übermächtig, bedingungslos, allesumfassend, verstandserweiternd? Ja und ja.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • The tower (including the wishboner)
  • A.S.F.E
  • The maypole (including Malibu and stunt road)
  • Ship of fools

Tracklist

  1. The tower (including the wishboner)
  2. Bartok of the universe
  3. A.S.F.E
  4. Intrepid explorer
  5. Stardust
  6. In every dream home
  7. The maypole (including Malibu and stunt road)
  8. A pacific sonata
  9. The cuckoo
  10. Ship of fools

Gesamtspielzeit: 85:45 min.

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The MACHINA of God

Postings: 8458

Registriert seit 07.06.2013

2017-09-21 15:38:55 Uhr
Wirklich ein erstklassiges Album, auch im Motorpsycho-Kontext. Das Einhorn wird für mich wohl immer den Thron einnehmen, aber "The tower" wird sich wohl in die direkt anschliessende zweite Reihe mit Großtaten wie "Heavy metal fruit", "Trust us" oder der "Roadworks Vol. 1" reinplatzieren. Bisher 8,7/10, Tendenz eher steigend. :)

Mayakhedive

Postings: 30

Registriert seit 16.08.2017

2017-09-20 19:03:27 Uhr
Echt kurios. Ship of Fools ist der einzige Titel des Albums, zu dem ich bisher noch kaum Zugang hab. Irgendwie will der für mich nirgendwo hin... oder so.
Kommt vielleicht noch.
Marküs
2017-09-20 18:57:55 Uhr
The death defying unicorn bleibt knapp vorne! Aber The Tower ist absolut mächtig und Ship of fools einer der besten Motorpsycho Songs überhaupt!

Mayakhedive

Postings: 30

Registriert seit 16.08.2017

2017-09-20 15:33:10 Uhr
Ich kann mich dem nur anschließen ( bis auf das "Best ever" weil das einfach nicht meine Art ist )
Aber das Album ist wirklich ein absoluter "Machtbeweis" einer Band, die scheinbar unerschöpfliche Energie- und Kreativreserven hat. Dass das Album gut werden würde, dachte ich vorher schon, aber das es derart umhaut, hätte ich nicht gedacht.

Auch ich gebe dem Neuzugang da eine "Mitschuld", weil er eben auch einfach mal mit Schmackes geradeaus spielt und im richtigen Moment dennoch jazzig-verspielt kann.
Soundmäßig jedenfalls - da lege ich mich dann doch fest - ist es für mich mindestens das Beste der Post-Gebhardt-Ära.

Eine Großtat, ich kann es nicht erwarten, das live zu erleben.

dreckskerl

Postings: 455

Registriert seit 09.12.2014

2017-09-20 14:52:52 Uhr
Ich war das, mit "bestes MP Album ever"...und ich bleibe dabei.

Ich mag zur Zeit auch gar nicht anderes hören, es ist für mich die ultimative Zusammenstellung an Rockmusik, wie ich sie liebe.

Zunächst ist da ein Sound, so rein und kraftvoll und lässig.
Deshalb sind sie nach Kalifornien und auch in die Wüste, nicht um "wüst" zu klingen, doofes Wortspiel aus der Rezi, die mir nach Hören des Albums leider nicht mehr zusagt.
Zu viele seltsame Wortspiele und Bezüge, die m.E: nicht passen, Lemmy Kilmister und Jerry Garcia, Surfrock und Kapstad hat auf der letzten Tour alles andere als "behäbig" geklungen...egal letztlich sagt er ja das Album sei "übermächtig, bedingungslos, allesumfassend, verstandserweiternd", ja das stimmt.

Das allerdings Kenneth nicht mehr trommelt ist ein Grund für meine Begeisterung.
Tomas Järmyr ist einfach perfekt, Kenneth wollte oft zuviel und er hat ein Faible für seine Becken Sammlung, dessen exzessiver Einsatz oft den ohnehin komplexen Sound vor allem in den Höhen dann zeitweilig anstrengend werden ließ.
Mit Tomas ist MP wieder mehr eine Rockband, die mit den verschiedenen Stilen spielt.

Es sind aber auch einfach die Songs, die Gesangsmelodien!! und Riffs , die ungemein gut sind und in dieser Menge auf einem Album, es zum besten MP Album machen.

Es wirkt wie eine Best of Mischung aus Trust us, Phanerothyme und Heavy metal fruit.

Kein Füller, ich mag jedes einzelne Stück, schwierig Highlights zu bennenen, das ganze Ding ist eine Aneinanderreihung von Highlights.

Ich verneige mich vor einer Band die in ihrem 28. Jahr ihr Opus Magnum veröffentlichen, das sucht seinesgleichen.







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