LCD Soundsystem - American Dream

LCD Soundsystem- American Dream

DFA / Columbia / Sony
VÖ: 01.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Alte Besen kehren gut

"When someone great is gone"
Schon die Plattentests.de-Rezension zu "Sound of silver" wusste: "Die mit Rückwärtshall getränkte Gesangsmelodie könnte dem Thin White Duke gefallen." Und tatsächlich war das Verhältnis zwischen dem unvergessenen David Bowie und James Murphy stets von gegenseitiger Wertschätzung geprägt: LCD Soundsystems drittes Album "This is happening" enthielt mit "All I want" eine unverhohlene "Heroes"-Hommage, auf "Blackstar" gastierte Murphy als Percussionist. Im Gegenzug war es Bowie, der dem New Yorker Dance-Punk-Sympathen zu diesem Anlass mit durchaus imperativem Unterton nahelegte, die seit 2011 aufgelösten LCD Soundsystem zu reaktivieren. Und wer weiß: Vielleicht ist der Sonnenschein auf dem Cover des Comebacks "American Dream" gar ein leuchtender Gruß an die verstorbene Legende vom dunklen Stern.

"With someone new I couldn't start it / Too late for beginnings"
Oberstes Prinzip von "American Dream": Alte Besen kehren gut. Etwa Nancy Whang von The Juan MacLean, Hot-Chip-Gitarrist Al Doyle, DFA-Faktotum Gavin Russom oder !!!-Bassist Tyler Pope, die Murphy wieder zusammentrommelte, um bereits auf den Vorabtracks wirksame Duftmarken zu setzen: Der frenetische Uptempo-Brecher "Call the police" schaut bei verwilderten New Order und dem eigenen Track "Big ideas" vorbei, "Tonite" sprengt die Bude mit scharfer elektronischer Funk-Nagelei endgültig in die Luft. Auf Albumlänge geht es mit "Other voices" entsprechend weiter: Süßer die Kuhglocken nie klingen als bei diesem Prachtstück aus dem Knöchel-Verzeichnis für gutsortierte Schwitzclubs, das nur vom Titel her eine The-Cure-Coverversion sein könnte. Bitte tanzen Sie sich sauber. Selbst in diesem Alter kann da kaum etwas schiefgehen.

"Oh good gracious / I sound like my mom"
Schließlich ist Murphy mit 47 Jahren nicht mehr der Allerjüngste – ein Umstand, den er auch auf "American Dream" wiederholt thematisiert: Das mit aus allen Ecken quietschenden Gitarren vollgestopfte "Change yr mind" hadert genauso mit der Vergänglichkeit wie das Titelstück als rührseliger Hangover-Blues zu kosmischen Keyboards. Handfester mag es der hinreißende Auftakt "Oh baby", der aber erst eine Weile verliebt durch die Gegend blinzelt, bevor raumgreifender Synthie und Ächz-Drums entspannt loskicken, "How do you sleep?" benötigt gar dreieinhalb Minuten, um von perkussivem Intro zum bassigen Monster-Track heranzuwachsen – Ähnlichkeiten mit dem "This is happening"-Opener "Dance yrself clean" vielleicht nicht beabsichtigt, aber auch nicht von der Hand zu weisen. Eine wunderbare Vorlage wäre das Stück allemal.

"I heard you have a compilation of every good song ever done by anybody"
Doch das Älterwerden hat auch ohne fortwährenden Schweinsgalopp Vorteile: Der musikalische Blick reicht weiter als bei den jungen Hüpfern, und dass Murphy in "Losing my edge" einst den Verlust seines coolen Wissens befürchtete, erweist sich weiterhin als unbegründet. Post-Punk mauschelt mit Post-Disco, Kraftwerk treffen sich mit Gang Of Four auf einen Eimer Rostlöser mit Krautwickeln, Giorgio Moroder schleicht sich bei The Human League oder Fad Gadget ins Studio – wenn einer weiß, wie das klingt, dann Murphy. Alles zusammen vielleicht wie "I used to", wo Analog-Keyboards aus den Achtzigern sirrend auf einen schwer atmenden Rock-Groove prallen? Möglich, aber letztendlich egal, solange der Mann aus diesen vielfältigen Versatzstücken nicht bloß ein leierndes Mixtape, sondern ein Meisterwerk von einem Album zusammenschraubt.

"Bear in mind / We all fall behind / From time to time"
Was umso höher zu bewerten ist, da auch Murphy klar sein dürfte, dass die Zeit seit der vorübergehenden Stilllegung von LCD Soundsystem nicht stehengeblieben ist – und DFA-Acts wie The Juan MacLean, Crooked Man und Museum Of Love inzwischen ebenso fleißig Discokugeln geschluckt haben wie De Lux oder Soulwax. Verstecken muss sich "American Dream" jedoch vor keiner von diesen Bands: Zu souverän begegnet dieses Album der latenten Gefahr, künstlerisch ins Hintertreffen zu geraten, mit Selbstironie, aggressivem Witz und der Überzeugung, dass gegen ein bisschen Midlife Crisis nichts zu sagen ist, wenn dabei die richtige Musik läuft. Und so ist James Murphy bis auf weiteres eine Art besserer Dave Grohl mit den stärkeren Songs, der überzeugenderen Vision und womöglich dem richtigen Draht ins Jenseits. David Bowie hätte das gefallen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Oh baby
  • How do you sleep?
  • Tonite
  • American Dream

Tracklist

  1. Oh baby
  2. Other voices
  3. I used to
  4. Change yr mind
  5. How do you sleep?
  6. Tonite
  7. Call the police
  8. American Dream
  9. Emotional haircut
  10. Black screen

Gesamtspielzeit: 68:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Fiep()
2017-09-12 08:51:29 Uhr
Das album geht bereits unter. Schade irgendwie, aber the national haben ihm für mich die show gestohlen. (+ nach der 2. hälfte von blackscreen hatte ich lust auf philip glass bekommen)

Dafür ist oh Baby nochmal gewachsen (und were do you sleep gesunken, einfach ein bischen zu langsam in fahrt kommend)

Hogi

Postings: 188

Registriert seit 17.06.2013

2017-09-07 10:58:13 Uhr
Schließe mich an. Gibt mir bisher wenig bis gar nichts. Wahrscheinlich mag ich solch einen Sound einfach nicht mehr...im Gegensatz zu früher.
Fiep()
2017-09-07 10:50:55 Uhr
Bin da auf deiner Seite. ei paar Momente treffen, aber großteils denk ich mir, ich finde es gut...empfinde aber nicht viel dabei.

Felix H

Postings: 1836

Registriert seit 26.02.2016

2017-09-07 10:18:25 Uhr
Mich lässt es (verhältnismäßig) bislang ein bisschen kalt. Kann aber nicht sagen, warum. "Handwerklich" ist alles da. Aber bis auf "How Do You Sleep?" hat mich nichts nennenswert gepackt.

kingsuede

Postings: 872

Registriert seit 15.05.2013

2017-09-06 22:34:55 Uhr
Tonite 8/10
Call The police 9,5/10
American dream 9/10
Emotional haircut 7/10
Black screen 8/10
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