Madeline Juno - DNA

Madeline Juno- DNA

Embassy Of Music / Tonpool
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Infinite content

Es ist eine Krux mit der Selbstfindung junger Künstlerinnen und Künstler. Gerade in einem hochkommerzialisierten Geschäft wie dem heutigen Popzirkus besteht schnell die Gefahr, die eigene Identität zugunsten aktueller Trends aufzugeben und gesichtsloser Teil einer entindividualisierten Masse zu werden. Madeline Juno begann vor drei Jahren auf ihrem Debüt "The unknown" als gefällige Folkpop-Bardin mit Indie-Ästhetik, irgendwo zwischen Daughter und Of Monsters And Men, ohne je die Intensität ersterer oder die unbändige Energie letzterer zu erreichen. Auf dem Weg in Richtung wichtiges zweites Album nahm sie dann leider so manche falsche Abzweigung, denn was ist die schlimmstmögliche Option, wenn man zuvor sowieso schon nur mit netter Harmlosigkeit aufgefallen ist? Richtig, noch egaler zu werden, was mit dem sich an Tove Lo und Konsorten anbiedernden Electro-Pop von "Salvation" eindeutig der Fall war.

Die schlechte Nachricht: Auch auf ihrem dritten Album "DNA", auf dem die Schwarzwälderin zum ersten Mal vollständig in ihrer Muttersprache singt, geht sie den eingeschlagenen Weg konsequent weiter: Die Musik ist zum größten Teil generisch und charakterlos, das Songwriting funktioniert nahezu immer nach demselben Muster: Ein melancholisch angehauchter Einstieg täuscht nicht vorhandene Tiefe vor, im Refrain wird's laut, und anstatt memorabler Melodien gibt es elektronische Drops und ganz viele "oohs", "aahs" und "dadadas". Das ist bei vielversprechend beginnenden Songs wie "Phantomschmerz" ärgerlich und bei einem Tiefpunkt wie "Von jetzt an" einfach nur schlecht. Die Texte sind im besten Fall nichtssagend, und im schlimmsten Fall beschwert sich Juno, die vor einem Jahr noch mit Turnbeutel und Instagram-Ästhetik durchs Video zu "Stupid girl" geschlendert ist, über Hipster, die ihren Salat fotografieren. Uff.

Die gute Nachricht: Im Vergleich zum Vorgänger ist "DNA" dann doch ein merklicher Schritt nach vorne. Vor allem der Einstieg gelingt erstaunlich stark, "Halt mich fest" übt sich in Zurückhaltung und erinnert mit seiner Kombination aus Minimalismus und Autotune an Imogen Heaps "Hide and seek". "Drei Worte" und "Gift" sind zwei unglaublich kraftvolle, dynamische Powerpop-Stücke und am Ende gibt es noch eine Akustikversion des EP-Hits "Waldbrand". Auch wenn mit Synthie-Hall und Drumcomputer "Akustik" hier wohl etwas freier interpretiert wurde, ist es immer noch einer von Junos besten Songs überhaupt. Dazwischen wird dieses Niveau zwar nicht mehr erreicht, doch die Produktion ist hier insgesamt luftiger als noch auf "Salvation", die Stimme der 22-Jährigen bekommt mehr Luft zum Atmen, was vor allem im tollen "Zeitlupe" ein wahrer Segen ist.

So austauschbar sie auch sein mögen, soundtechnisch bewegen sich die Songs auf "DNA" bis auf wenige Ausnahmen alle mindestens auf einem überdurchschnittlichen Pop-Standard und wären für sich genommen wohl auch einen Punkt mehr wert gewesen. Ein Album ist aber mehr oder manchmal eben auch weniger als die Summe seiner einzelnen Teile, und als Gesamtwerk verliert Junos Drittling aufgrund seiner erschlagenden Länge. Um eine knappe Stunde mit Musik zu füllen, die nie redundant oder langweilig wird, fehlt hier schlicht die Variation. Die Vorgänger litten bereits unter demselben Problem, die Bereitschaft zur Verknappung ist zum dritten Mal in Folge nicht vorhanden, doch wozu auch? Die Formel Madeline Juno, eine sympathische, junge Sängerin mit harmlosen und letztlich komplett nichtssagenden Popsongs auszustatten, scheint endlos reproduzierbar, unabhängig von der gesungenen Sprache oder dem oberflächlichen Soundgewand. Infinite content, doch der Hörer ist am Ende weit davon entfernt, infinitely content zu sein. Es sind genau die Verantwortlichen hinter einem Album wie "DNA", die sich von Arcade Fires meta-ironischer Konsumkritik angesprochen fühlen müssen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Drei Worte
  • Gift
  • Waldbrand (Acoustic Version)

Tracklist

  1. Halt mich fest
  2. Drei Worte
  3. Gift
  4. Schatten ohne Licht
  5. Mein Herz tanzt
  6. Still
  7. Von jetzt an
  8. Durchsichtig
  9. DNA
  10. Phantomschmerz
  11. Verlier mich in dir
  12. Ohne Kleider
  13. Unser Lied
  14. Zeitlupe
  15. Wenn ich angekommen bin
  16. Waldbrand (Acoustic Version)

Gesamtspielzeit: 55:40 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 9798

Registriert seit 08.01.2012

2017-09-12 17:07:55 Uhr
Kann da nur das Statement von MopedTobias unterstreichen - in beide Richtungen. Ich habe übrigens bei Twitter auch geantwortet.

MopedTobias

Postings: 8215

Registriert seit 10.09.2013

2017-09-12 16:42:44 Uhr
Ich kann das durchaus nachvollziehen, sie hat ja mit Sicherheit eine Menge Herzblut in das Album reingesteckt. Man kann als Rezensent aber nur das bewerten, was man hört, und wenn das eben generisch und charakterlos ist und das so äußert, dann darf man das nicht allzu persönlich nehmen. Die Rezi ist ja noch nicht mal böse, eine 5/10 eine okaye Wertung und es gibt auch ausdrückliches Lob.
Dennisoll
2017-09-12 14:43:40 Uhr
Klingt ein wenig wie Mateo in lieb.

"Wenn Ihr selbst mal ein Album gemacht habt, mimimi..."

Armin

Postings: 9798

Registriert seit 08.01.2012

2017-09-12 11:18:02 Uhr









Wir wurden wohl gelesen ...
Knabenjunge
2017-09-11 09:15:37 Uhr
Buntes Potpurri aus langweiligen, generisch zusammengeschusterten Sounds aus einer Sample-Library und Songwriting von einer die es auf der langweiligen Popakademie von noch langweiligeren Lehrern gelernt hat. 2/10, denn das Coverfoto ist hübsch.
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