Belgrad - Belgrad

Belgrad- Belgrad

Zeitstrafe / Indigo
VÖ: 01.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Wer nichts sieht, der höre

Zunächst vernimmt man bloß ostslawisch anmutendes Gemurmel. Russisch oder Ukrainisch? Obsolet, wenn fette Kanonenschläge und Maschinengewehr-Geballer alsbald jeglichen Austausch übertönen und den letzten Funken Diplomatie auslöschen. "Von Fern schreien die Waffen über den See / Singen überall das selbe Lied / Das die wenigsten verstehen / Für Revision ist es jetzt zu spät", stellen Belgrad zur Ouvertüre "Osten" entsprechend ernüchternd fest, und liefern damit einen der wenigen analystischen Momente auf ihrem eindrucksvollen Debütalbum. Ein Statement, stellvertretend für sämtliche militärischen Auseinandersetzungen unserer modernen Welt. Auf einer Platte, deren Geburtsstunde auf einer Reise durch Osteuropa schlug, auf den Spuren vergangener Kriege. Und über die man nicht viel weniger sagen sollte, als dass Stefan Mahler, Hendrik Rosenkranz und Co. das wohl intensivste und nachhaltigste Post-Punk-Werk seit langer, langer Zeit gelungen ist.

Schaurige Zeilen sind es, mit denen die Musiker, die einst bei Slime, Torpedo Moskau oder Kommando Sonne-Nmilch aktiv waren, den fast vergessenen Krieg in der Ostukraine in "Osten", diesem beklemmend-großartigen Stück, schildern. Szenen, die sich über sieben Minuten ins Hirn brennen: "Hunde ziehen umher / Lecken Blut aus grauem Schnee und von Beton / Bleiche Körper liegen dort / Leer und gefroren / Starr und stumm." Geradezu berührend fängt auch die musikalische Ausgestaltung diese Momente ein: Zunächst führen Belgrad sprechsingend in die Szenerie ein, bevor eine monotone Gitarre einsetzt und der langsam aufkommende, stoisch-scheppernde Beat klarmacht, was die Menschen von diesem nutzlosen militärischen Konflikt haben: Schrecken ohne Ende. Zu all dem Irrsinn garnieren Belgrad die Szenerie mit einer wunderbaren Melodie und einer sehnsüchtigen Posaune. Frieden? Bloß eine Utopie.

"Sie zogen Richtung Westen / Auf der Suche nach dem Lachen" bringt das Epos "Westen" die Flucht vor dem Krieg als logische Folge der Gebaren auf den Plan, während die feine Melodie die Handlung des Songs harmonisch konterkariert. Solch stoische, in ihrer Vehemenz strahlende Beobachtungen prägen sämtliche Stücke. "Eisengesicht" reiht sich nahtlos ein und beschreibt das Antlitz eines Soldaten, innerlich voller Angst, doch äußerlich bereit zu einem Gefecht, welches auch sein letztes sein könnte: "Dieser Weg führt nur nach unten / Und er geht allein" lautet das ernüchternde Credo, welches sich zu wavigem Post-Punk ins Mark brennt, bis Belgrad den Protagonisten schließlich in elektronischer Ekstase begraben. Musikalisch hält sich der Vierer nah an den düsteren Vorbildern der frühen 80er, agiert mit mehr Wave als Punk. Keyboards sind prominent, die Gitarren dürfen manchmal nur kläffendes Beiwerk sein, und die elektronischen Schnipsel lassen durchweg EDM-Elemente zu, wie in "Fremde", was die andauernden kalten Schauer nasser und den verzweifelten Donnergroll der Platte lauter wirken lässt.

Exzellent ist auch "Schellack und Gewalt" geraten, eine Geschichte über das Ausgeliefertsein in Zeiten von Alleinherrschern und willkürlicher Gewalt, zu dem die Truppe auch ein eindringliches Video gedreht hat. Der Song erzählt eine Geschichte aus der Stalin-Zeit, als der Despot eine liebgewonnene Pianistin aus dem Ural-Gebirge gegen ihren Willen verschleppen lässt und sie dazu zwingt, eine Platte für ihn aufzunehmen: "Sie weint / Und er träumt." Nur eine Anekdote, und doch eine Warnung, wohin die jüngsten Entwicklungen dieser Welt führen können. "Belgrad" lässt die inzwischen normale Angewohnheit, Kriegs- und Terrormeldungen als alltägliche Randnotizen abzutun, im grellen Licht der Realität grotesk erblinden. Wer nichts mehr sieht, der höre. Hier und jetzt.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Osten
  • Eisengesicht
  • Westen
  • Schellack und Gewalt

Tracklist

  1. Osten
  2. Eisengesicht
  3. Fratze
  4. Fremde
  5. Westen
  6. Schellack und Gewalt
  7. Niemand
  8. Kahlberg

Gesamtspielzeit: 45:57 min.

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User Beitrag

tjsifi

Postings: 45

Registriert seit 22.09.2015

2017-09-12 17:21:15 Uhr
Wow, sehr starkes Album!

Westen läuft bei mir gerade in Dauerschleife.
wilson (ausgeloggt)
2017-09-07 20:27:50 Uhr
schellack und gewalt ist in der tat ziemlich cool, ansonsten noch "eisengesicht" und "fremde".

MasterOfDisaster69

Postings: 260

Registriert seit 19.05.2014

2017-09-07 18:15:22 Uhr
"Schellack und Gewalt" ist wirklich gut. Musste bei Song/Stimme komischerweise sofort an
Psychedelic Furs "Pretty In Pink" denken, keine Ahnung warum.
https://www.youtube.com/watch?v=rKvshXcsT-M

Danke für den Tipp!
m.k.
2017-09-02 21:11:52 Uhr
super Album. Osten ( vor allem das Video dabei) ist richtig gut. Ist sicher nicht die Musik zur Sommerparty, eher leiser...
...
2017-09-01 10:34:37 Uhr
Ich bin voll edgy und höre nur knallharten stonerrock von männern mit großen hoden!
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