Tori Amos - Native invader

Tori Amos- Native invader

Decca / Universal
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Mit Magie

Tori Amos kann zaubern. Blödsinn? Niemals. Jeder, der schon einmal eines ihrer Konzerte ohne Begleitband besucht hat, wird dies bestätigen. Was die Frau nur mit Stimme und Flügel veranstaltet, sucht seinesgleichen. Nun währt die Karriere der Sängerin und Songwriterin beinahe 30 Jahre. Eine verdammt lange Zeit, in der sich eine Menge Material angesammelt hat. Und man muss ehrlicherweise zugeben, dass seit "Scarlet's walk" nur noch vereinzelt Gänsehautsongs zu all den Klassikern der Neunziger- und frühen Nullerjahre hinzugekommen sind. Mit "Native invader" legt Amos endlich ein Album vor, das diesen Notstand beseitigt.

Eine absolute Sensation ist der Eröffnungstrack "Reindeer king". Derart intensiv klang die Pianistin zuletzt auf "Boys for Pelé" — und das ist nicht gerade gestern erschienen. Die Grundlage für die Komposition bildet Amos' charakteristisches Klavierspiel, ihr Gesang fungiert als frei darüber hinwegschwebender Kontrapunkt. "You're the roof of the waves / Layer after layer" haucht sie ins Mikrophon, während sich langsam aber unaufhaltsam Streicherflirren in den Vordergrund schiebt. Für sieben wundervolle Minuten steht die Welt still. Allein dieses Meisterstück ist jedes Eintrittsgeld wert.

Dieses Niveau zu halten, ist kaum möglich. Jedoch befindet sich kein einziger schwacher Song auf "Native invader". Ähnlich wie auf den letzten Werken bleibt das Tempo eher gediegen. Die Zeit der großen Knalleffekte ist vorbei. Paradebeispiele hierfür sind das verträumte "Mary's eyes" und die an "From the choirgirl hotel" erinnernde Ballade "Cloud riders". Auffällig häufig setzt die Künstlerin Rhodes und Akustikgitarren ein, was dem Album im Gesamten einen warmen und organischen Klang verleiht. Passé sind die Tage der halbgaren Ausflüge in elektronische Gefilde. Zum Glück.

Wenn Amos im Jahr 2017 doch Synthesizer nutzt, dann mit viel Fingerspitzengefühl. So ringen in "Up the creek" einige Pluckermaschinen mit den Geigen um die Vorherrschaft. Als Sieger geht der Song hervor, was vor allem der herausragenden Gesangsmelodie zu verdanken ist, welche die widerspenstigen Elemente zusammenhält. Auch wenn es so richtig melancholisch wird, scheint die Chanteuse in den Jungbrunnen gefallen zu sein. Die Intimität von "Breakaway" dürfte so manchem Fan die Freudentränen in die Augen treiben.

Ein Album der rothaarigen Künstlerin wäre natürlich unvollständig ohne eine dramatisch dahinrollende Klavierballade. "Bang" erfüllt diese Funktion ausgezeichnet, hätte aber ruhig noch ein wenig extremer ausfallen dürfen. Überhaupt dürften jene, die den exaltierten Werken der Neunziger nachtrauern, auch mit "Native invader" wenig Freude haben. Als Künstlerin ist Tori Amos nicht nur gereift, sondern ausgeglichener geworden. Der Eleganz und der Präzision ihres Songwritings hat das Älterwerden in keiner Weise geschadet. Alles andere wäre bei einer Zauberin auch unglaubwürdig.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Reindeer king
  • Cloud riders
  • Up the creek
  • Breakaway

Tracklist

  1. Reindeer king
  2. Wings
  3. Broken arrow
  4. Cloud riders
  5. Up the creek
  6. Breakaway
  7. Wildwood
  8. Chocolate song
  9. Bang
  10. Climb
  11. Bats
  12. Benjamin
  13. Mary's eyes

Gesamtspielzeit: 61:43 min.

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User Beitrag

musie

Postings: 1924

Registriert seit 14.06.2013

2017-09-21 14:00:19 Uhr
heute live. bin gespannt...

Major

Postings: 322

Registriert seit 14.06.2013

2017-09-21 12:54:04 Uhr
"Scarlet enthält viele tolle Songs, funktioniert aber anders als Little Earthquakes nicht gut auf Albumlänge, da 1. zu lang und 2. nur aus Midtempo-Songs bestehend. "

Gut formuliert.
Es ist die Gleichförmigkeit die,
79 Minuten lang, zur Abwertung führt.
Bei Beekeeper entsteht auf gleicher Länge deutlich mehr Abwechslung, mehr Ideen und deutlich mehr große Songs. Vielleicht ist das aber auch eine Überforderung.
Insofern verhält sich "Beekeeper" zu "Scarlet" wie "Pele" zu "Pink", nur auf anderem Niveau:
Die drei ersten TA-Alben sind absolut große Statements, vergleichbar mit den drei/vier ersten Alben von Björk und Fiona Apple - einzigartig und zeitlos.
Dead Horse
2017-09-16 23:55:01 Uhr
Ich sehe Scarlet als eines ihrer besten Alben. Vielleicht sogar mein Lieblingsalbum von ihr, da es noch reifer als ihre früheren Werke wirkt. Die Länge stört mich hier auch nicht, da es eine lange Reise durch die USA und eine Lebensreise verdeutlicht. Und es enthält ausschließlich gute bis fantastische Songs. Selbst die, die ich anfangs für schwächer hielt, wuchsen bei mir mit der Zeit immer weiter (z. B. Virginia). Ich schätze es auch deutlich mehr als das imho durchwachsenere Beekeeper, aber natürlich sind das Geschmacksfragen. Irgendwie zeigte es eine Facette von Tori Amos, die mir besonders gut gefiel.
Anmerker Jörg
2017-09-16 19:57:46 Uhr
Scarlet enthält viele tolle Songs, funktioniert aber anders als Little Earthquakes nicht gut auf Albumlänge, da 1. zu lang und 2. nur aus Midtempo-Songs bestehend.
Dead Horse
2017-09-16 15:34:16 Uhr
Mein erster Eindruck vom neuen Album ist so wie erwartet. Ich brauchte selbst bei ihren Großtaten aus den 90ern einige Zeit, um mich in ihre Alben reinzuhören. Denn ihr Songwriting war ja oft ziemlich ausgefuchst und subtil. Nur dass die Sachen aus den 90ern dann nach einiger Zeit immer zu etwas von 8-10/10 heranwuchsen.

Während ihre Alben aus den 00er- und 10er-Jahren auch nach einiger Zeit zu etwas von 5 bis maximal 8/10 sich steigern. "Reindeer King" hat mich mittlerweile gepackt. Ich finde auch die Rezi-Überschrift "mit Magie" irgendwie lustig. Denn diese besagte Magie hatte sie früher sozusagen immer, inzwischen aber leider nur noch dann und wann. Bin mir auch noch nicht sicher, ob es an "Geraldines" herankommt. Das stellte sich nach einiger Zeit doch als recht feines Album heraus. Auf jeden Fall genau das was ich erwartet hatte.

Mein Favorit seit "Scarlet" war auf jeden Fall "Abnormally Attracted To Sin".
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