Alvvays - Antisocialites

Alvvays- Antisocialites

Transgressive / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die Zeitlosigkeit im Augenblick

Seien wir mal ehrlich: Kaum jemand träumt so schön, so nahbar, so herzerweichend offen, quasi mit allen Organen vor sich ausgebreitet auf dem Tisch wie Molly Rankin. Die Frontfrau des kanadischen Quintetts Alvvays schaffte es schon auf dem gehypten, selbstbetitelten Debüt von 2014, sämtliche Anhänger melancholischer Indie- und Surf-Pop-Melodien um den Finger zu wickeln. Das lag nicht zuletzt an bombensicheren Hits wie der Charme-Offensive "Archie, marry me" oder dem Freigeist von "Next of kin", nein, Rankins glasklarer Gesang und ihre zwischen bitterer Süße und beinahe kindlicher Naivität wechselnde Attitüde erledigten den Rest, und das auch noch scheinbar mühelos.

Auch der Nachfolger "Antisocialites" macht sich die stimmlichen und emotionalen Stärken der Sängerin zunutze, wirkt im Gegensatz zu "Alvvays" aber besser, wenn man das Album in seine Einzelteile zerlegt, statt es als Ganzes zu betrachten. Dann erst entfalten sich Rankins vorgetragene Fantasien vor dem geistigen Auge, dann spürt man ihre Wärme, fürchtet man sich vor ihrer Kälte – und glaubt doch, dass man sie wie eine gute Freundin schon viel länger und besser kennt. Wenn sie sich im entspannt-poppigen "Dreams tonite" aus der Ferne nach jenem sehnt, das unerreichbar scheint, erinnert man sich fast schon gern mit Herzklopfen an die eigene Schulzeit zurück, als der Blick aus dem Bus nur dem großen Schwarm an der Haltestelle galt – und ganz sicher nicht der verhassten Person an seiner oder ihrer Hand.

Ganz anders blüht "Not my baby" auf, das die mit Inbrunst gewünschte Beziehung längst hinter sich hat und nicht nur mit dem abschließt, was mal war, sondern vor allem mit dem, was nie sein wird. Bei so viel Schwermut kommt das polternde "Lollipop (Ode to Jim)" gerade recht, eine glattweg ausgelassen-himmlische Vertonung sämtlicher John-Hughes-Filme – so bleibt das Thema auf "Antisocialites" ganz klar die Liebe, in all ihren dunklen und hellen Schattierungen. Und ab und zu singt Rankin nicht mal ansatzweise um den heißen Brei herum: "You find a wave and try to hold on for as long as you can / You made a mistake you'd like to erase and I understand / What's next for you and me? / I'll take suggestions we toss and turn in undertow / Time to let go", stellt sie in der grandiosen Single "In undertow" fest und träumt sich schon weiter zum nächsten Sonnenuntergang.

Obgleich "Antisocialites" etwas mehr unter der Lupe betrachtet werden muss, wirken alle zehn Stücke erstaunlich homogen und wie aus einem Guss. Von Monotonie kann hier trotzdem nie die Rede sein: Das hauchzarte, in seiner Zurückhaltung sogar regelrecht zerbrechlich wirkende "Already gone" sticht genauso hervor wie der abschließende Melodrama-Brocken "Forget about life", der in den letzten Momenten dieses Albums jene zweite Welle anrollen lässt, auf die man am Ende von "Alvvays" gewartet hat: "When the failures of the past multiply / And you trivialize the things that keep your hand from mine / Did you want to forget about life with me tonight", fragt Rankin da noch. Eigentlich schamlos, kann es doch nur eine einzige Antwort darauf geben.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • In undertow
  • Dreams tonite
  • Lollipop (Ode to Jim)
  • Forget about life

Tracklist

  1. In undertow
  2. Dreams tonite
  3. Plimsoll punks
  4. Your type
  5. Not my baby
  6. Hey
  7. Lollipop (Ode to Jim)
  8. Already gone
  9. Saved by a waif
  10. Forget about life

Gesamtspielzeit: 32:40 min.

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The Hungry Ghost

Postings: 674

Registriert seit 15.06.2013

2017-09-23 11:55:52 Uhr
@Gordon Fraser:

Das von dir so geschätzte "Undertow" sowie die Single "Dreams Tonite" gibt es seit Kurzem auch noch in dieser tollen Studio-Live-Version:

Alvvays - "In Undertow" (Live at WFUV)
https://www.youtube.com/watch?v=egToFBJTKeA

Alvvays - "Dreams Tonite" (Live at WFUV)
https://www.youtube.com/watch?v=RepD-xpszLs

The Hungry Ghost

Postings: 674

Registriert seit 15.06.2013

2017-09-23 11:52:35 Uhr
Ich mag das zweite Album sehr, bin aber auch schon dem Debüt auf Anhieb verfallen.

Die Vorab-Singles fand ich sofort sehr vielversprechend, das shoegaze-ige "Undertow" ist ein perfekter Einstieg in das Album und "Dreams Tonite" könnte glatt mein Lieblingssong des Jahres werden.

Die Band hat sich gut weiterentwickelt, ohne sich völlig mit einem völlig neuen Ansatz zu überwerfen. Die Synthesizer-Melodien und Spielereien (wie z.B. den Loop in Lollipop) sind alle sehr wohldosiert und fügen sich gut in den Sound ein, die (mich teilweise an die Smiths erinnernden) Gitarren und der Gesang wirken auch sehr ausgefeit.

"Not My Baby" hat auch riesiges Hit-Potential, aber die Band macht zum Glück einen angenehm unaufgeregten Eindruck, mit dem Zweitwerk alles richtig gemacht wie ich finde.

Habe Alvvays am 13. September auch im Molotow in Hamburg gesehen und die Songs überzeugten mich auch live auf ganzer Linie. "Forget about Life" wirkte live sehr ergreifend intim.

Alvvays - "Forget About Life" (Live @Molotow, Hamburg 13.9.2017):

https://www.youtube.com/watch?v=_sL84ZHleCM


Außerdem sei noch wärmstens das neue Video zu "Dreams Tonite" empfohlen:

https://www.youtube.com/watch?v=ZXu6q-6JKjA




Gordon Fraser

Postings: 866

Registriert seit 14.06.2013

2017-09-23 07:57:40 Uhr
Angenehm kurzweilige Platte. Finde auch die zwei, drei Bubblegum-Pop-Momente hübsch. DER Hit der Platte ist aber immer noch "In Undertow".
Dennisoll
2017-09-22 08:07:42 Uhr
Ich erhöhe auf drei gute Stücke zu Beginn, "Dreams tonite" sogar ein heimlicher Sommerhit, danach wird´s dann langsam aber sicher langweilig. Schade.

Gordon Fraser

Postings: 866

Registriert seit 14.06.2013

2017-09-08 16:06:57 Uhr
Erster Durchgang gefällt.
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