Casper - Lang lebe der Tod

Casper- Lang lebe der Tod

Columbia / Sony
VÖ: 01.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Hör zu

Was darf die Öffentlichkeit ihren Protagonisten zumuten? Wenige Wochen nach dem Tod Chester Benningtons steckt diese Frage vielen Musik-Fans noch immer wie ein Kloß im Hals. Einige Monate vor seinem Freitod gab der Linkin-Park-Frontmann dem US-Radio-Sender "102.7 KIIS-FM" ein Interview, in dem er offen seine psychische Verfassung thematisierte. Und der Moderator, der kicherte. Zwar lachte er Bennington nicht aus, aber den Ernst der Lage, den durchschaute er nicht. Suizid und Kunst existieren miteinander, seitdem es Künstler gibt. Weil die Kreation von Außergewöhnlichem oft mit einer außergewöhnlichen Sensibilität einhergeht, wodurch die Tragik einer solchen Situation noch einmal mehr gesteigert wird. Der Schmerz sitzt tief. "Lang lebe der Tod", wirklich?

Casper wurde im Vorfeld der Veröffentlichung seines vierten Studioalbums viel gescholten. Wegen der Verschiebung des ersten Release-Datums auf unbestimmte Zeit, oder auch für die zweite, von vielen als misslungen betitelte Auskopplung "Sirenen". Die Bild-Zeitung tat obendrein das, was sie eben tut, und kehrte etwas aus seinem Liebesleben ungefragt nach außen. Für Benjamin Griffey war es zuletzt weiß Gott nicht immer einfach, zumal die VÖ-Verzögerung auch höchstpersönliche Gründe hatte: eine Depression, die er im Interview in der Juice Nr. 182 vom 24.8.2017 und kurz später auch mit dem Diffus Magazin selbst thematisiert, wobei er dort auch den Eindruck erweckt, wieder vollständig genesen zu sein. Ein Glück.

Man kann Casper vorwerfen, dass er Textzeilen kreiere, die bisweilen Kalendersprüchen gleichen, aber mitnichten, dass er ein stumpfsinniges Gemüt habe. Geprägt von den negativen Erfahrungen der letzten Monate und Jahre unterscheidet sich "Lang lebe der Tod" essenziell von seinen Vorgängern. Das Album "Hin zur Sonne" präsentierte sich als Ausdruck eines Lebensgefühls zur Zeit seiner Erschaffung, "XOXO" wagte eine jugendliche Rückschau, und "Hinterland" schloss den Zyklus im Zuge des Erwachsenwerdens. Sein neuestes Werk hingegen konzentriert sich auf Missstände im Jetzt, draußen in der Welt, aber auch im eigenen seelischen Milieu Caspers.

Die elf Titel auf "Lang lebe der Tod" wirken angesichts dessen fast ausnahmslos programmatisch: Der zuerst veröffentlichte Titel-Track "Lang lebe der Tod" spielt in Zeiten, in denen Morde live bei Facebook gestreamt werden. Die Geilheit aufs Leid anderer, so scheint es zumindest, hat sich mit dem Siegeszug der Sozialen Medien noch verstärkt. Das Stück mit der ballernden Instrumentierung, zwischen doomigen Drones den Untergang herbeikeifend, unterstützt von einem wirren wie wunderbaren Ensemble um Blixa Bargeld, Dagobert und Sizarr, hat den Albumkontext nach über einem Jahr Wartezeit nun endlich gefunden. Dort angekommen, lädt das hymnenhafte "Alles ist erleuchtet" den Hörer ein, sich in Caspers Lage zu versetzen und illustriert eine Blitzlichtgewitter-Situation. Eine helle Gitarre, die Chöre in der Hook und die Bläser am tumultartigen Ende begleiten Casper, wenn er das Flutlicht anknipst und das letzte verbliebene Intime aus den entlegensten Winkeln saugt. "Doch wo Licht am hellsten leuchtet, werden Schatten immer länger", erkennt der Bielefelder und lässt schließlich Lil B in dessen ureigener, durchaus bemerkenswerter Weise ein paar Verse der Ermutigung sprechen.

Auch "Keine Angst", gefeatured von Drangsal und einer Johnny-Marr-Gitarre, lässt Schmerz durchblicken. "Lieber sterben als nach Hause gehen", das klingt an dieser Stelle wie eine Zusammenfassung von Nagels Buch "Wo die wilden Maden graben", welchem Griffey auch den namensgleichen Titel auf seiner neuen Platte widmet. Ebendieser klingt zwar mehr nach Die Toten Hosen als nach Muff Potter, der Pogo beim Live-Auftritt scheint indes aber sicher. "Lass mich allein, ich will mein Leben zurück", lautet die maßgebliche Zeile des Tracks. In "Lass sie gehen" steuert Ahzumjot die gesungene Hook bei, die Instrumentierung entstammt einem Demo von Portugal. The Man, deren Sänger John Gourley gen Ende auch noch eine Line einbringt. Dazwischen fatalistische Drones und Abgesang: Mittelfinger hoch, aber smooth verpackt. Insgesamt wohl der stärkste Song auf der neuen Cas-Scheibe – entweder trotz oder aber auch wegen des Kanye-Outros. Mit Aussagen wie "Bin eingeladen / Aber geh' zu der Preis-Gala da nicht hin / Will die Scheiß-Nazis gar nicht seh'n / Dann ohne mich" beweist der Rapper eine gesunde Haltung, die auch in "Morgellon" zum Tragen kommt. Selbiges prangert Verschwörungstheorien an und pendelt musikalisch irgendwo zwischen NDW und Boom Bap.

Am Ende von "Lang lebe der Tod" steht ein musikalisches Triptychon, in welchem sich Casper ganz klar positioniert – indem er zu sich selbst steht. In "Deborah" personifiziert er die Depression, platziert seine Verse in musikalischer Taubheit, die keine klaren Tonabfolgen fassen kann, die klackert und kratzt, aber niemals den Weg ans Licht findet. "Meine Kündigung" plant den Abgang, lässt die Gitarre klimpern. Es ist vielmehr ein klassisches Singer-Songwriter-Stück als HipHop, auch weil Casper hier wie so oft auf seinem neuesten Release mehr singt als rappt. Das Grande Finale bildet "Flackern, Flimmern": Eine ätherische Gitarre verschiebt die Stimmung ins Nimmerland, Cas fordert sein Schicksal heraus, zeigt Mitgefühl für sein Gegenüber und möchte es noch einmal richtig wissen. Die Instrumentierung steigert sich hin zum Chorus, lässt ab da nicht mehr locker und kulminiert in einem Drum- und Gitarren-Gewitter, das schon auf Platte nach Pyro-Show schreit und einen entsprechend fulminanten Punkt hinter ein Album setzt, das trotz dieses furiosen Abschlusses viele auch enttäuschen wird – so ehrlich muss man schon sein.

Musikalisch erreicht "Lang lebe der Tod" nicht die Konsistenz seiner Vorgänger, allen voran "XOXO". Man befindet sich hier durchaus im Gemischtwarenladen. Ob das nun Stärke oder Schwäche ist, gilt es auszudebattieren. Dass beispielsweise "Sirenen" eine recht eindeutige Blaupause von Dizzee Rascals "Sirens" ist, darum muss man keinen Hehl machen, und die Frage ob das Trimmen auf Grime bzw. Dubstep so zeitgemäß ist, darf sicher gestellt werden, thematisch aber hat der Track durchaus etwas zu melden – und wenn es nur die Referenzen an Die Goldenen Zitronen ("Das bisschen Totschlag bringt euch nicht um") und Ton Steine Scherben ("Zehn Flaschen Wein könnten zehn Waffen sein") sind, die Caspers ausführliche Beschäftigung mit der Materie bestätigen. Daran wie der Bielefelder durch die Genres hüpft, lässt sich nicht zuletzt doch auch seine Leidenschaft für die Musik ablesen. Sicher ist, dass jedes Arrangement und jeder Text der Gewissenhaftigkeit eines Mannes unterliegt, der sich als Getriebener bis Geplagter zeigt, der im Diffus-Interview zur Platte das Gesicht verzieht, wenn er auf die Zeit um die Albumabgabe angesprochen wird, für den es eine Qual ist zu produzieren, weil er die Ansprüche der Öffentlichkeit auf sich selbst überträgt. Statt sich ihm laut entgegenzustellen, ihn zu verlachen und sofort wieder alles in 140 Zeichen zu verreißen, sollte man sich die Zeit nehmen und ihm zuhören.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Lang lebe der Tod (feat. Blixa Bargeld, Dagobert, Sizarr)
  • Lass sie gehen (feat. Ahzumjot & Portugal. The Man)
  • Deborah
  • Flackern, Flimmern

Tracklist

  1. Lang lebe der Tod (feat. Blixa Bargeld, Dagobert, Sizarr)
  2. Alles ist erleuchtet
  3. Keine Angst (feat. Drangsal)
  4. Sirenen (Prolog)
  5. Sirenen
  6. Lass sie gehen (feat. Ahzumjot & Portugal. The Man)
  7. Morgellon
  8. Wo die wilden Maden graben
  9. Deborah
  10. Meine Kündigung
  11. Flackern, Flimmern

Gesamtspielzeit: 40:51 min.

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solea

Postings: 247

Registriert seit 15.06.2013

2017-09-14 12:27:51 Uhr
Hab mir das Interview angeschaut. Ja, hier und da sympathisch. Mich nervt aber auch mit zunehmender Dauer des Interviews an, wie die beiden auf einer Art Meta-Eben herumhüpfen und so insider-verkopft mäßig über seine oder andere Musik reden. Klingt dann auch ziemlich gewollt.

Pascal

Postings: 306

Registriert seit 13.02.2013

2017-09-13 23:23:11 Uhr
Unterschreib ich wie es da steht, mit der Ausnahme, dass ich dann ja doch bei 7/10 gelandet bin.

Zum Thema "nett": Man kann ja durchaus jemanden, den man nur aus dem Bewegtbild kennt als symapthisch empfinden, wenn man da eine gewisse Echtheit wahrnimmt. Was ist das Problem? Casper-Interviews sind zudem oft durchaus gescheit und es beeindruckt, wie er durch die Musikthemen hüpft. Auch hier sei noch mal das Diffus-Interview ans Herz gelegt, da ist wenig für "Snapchat-Girls" dabei.

MopedTobias

Postings: 8207

Registriert seit 10.09.2013

2017-09-13 17:43:52 Uhr
Ich finds okay. Textlich gibt er mir nichts mehr, aber das war auch zu erwarten. Musikalisch ist eigentlich jeder Song bis auf das ganz, ganz schlimme "Sirenen" gelungen, das Problem ist, dass alles extrem zerfahren und zusammengeklaut wirkt. Mit dieser Grenze zwischen liebevoller Hommage und lieblosem Rip-Off hatte er schon immer Probleme, aber hier kommt es mir so schlimm wie noch nie vor. Er schmeißt einfach alle möglichen Genres in einen Topf und schafft es weder, ein kohärentes Stimmungs- oder Soundgefüge herzustellen, noch den meisten Songs seinen Stempel aufzudrücken. Es gibt zu viele Stellen, an denen man seine Parts durch irgendwen anders ersetzen könnte und es keinen Unterschied machen würde. Ich finde dieses Album charakterlos, es gibt nichts, was die Songs irgendwie zusammenhält und wenn mich jemand fragen würde, wie Casper 2017 so klingt, ich könnte keine adäquate Antwort darauf geben.

Trotzdem würde ich nicht weniger als 6/10 geben, wie gesagt gibt es nur einen Ausfall und mit dem Titelsong, "Lass sie gehen" und "Flackern, Flimmern" ein paar sehr starke Highlights.
side
2017-09-12 15:55:08 Uhr
Models fliegen ja auf den.

Nur Lena hat ihn damals durchschaut...

Felix H

Postings: 1835

Registriert seit 26.02.2016

2017-09-12 10:00:53 Uhr
Frage mich, wo die da die "musikalischen Überraschungen" hören, aber naja.
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