Mary Epworth - Elytral

Mary Epworth- Elytral

Sunday Best / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 01.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Sister of night

Auch doof, aber einfach zu naheliegend als Referenzpunkt: Mary Epworth ist die Schwester von Paul Epworth – Produzent von Adele, Coldplay U2, und zig anderen, millionenschwer in Geld und Plattenverkäufen gerechnet. Sie selbst brachte es immerhin auf einen Band-Auftritt in einem Harry-Potter-Film. All das sollte man ganz schnell vergessen, wenn man sich ihrem zweiten Soloalbum "Elytral" nähern will. Das zeigt allen Schönwetter-Pop-Hörern mit seinen Einstiegstracks nämlich demonstrativ den Weg zum Ausgang. "Gone rogue" bollert unruhig umher, brummiger Bass, ein Beat wie ein Skalpell und Epworth als stimmungsschwankende Göttin aus den Wolken darüber. Nicht genug damit. "Last night" hat wahrscheinlich den größten internen Dynamiksprung seit Mogwais "Like Herod" – der albtraumhaften Flüsterton-Erzählung ist nicht zu trauen: "Last night I dreamt that I was drowning." Wie sich das anfühlt, davon berichtet der Noise-Schwall, der unvermittelt ab der Hälfte einsetzt. Zunächst aggressiv, dann aus der harten Schale einen harmonischen Kern herausschälend, ohne im Ansatz leiser zu werden. Wie will man so etwas zu einem normalen Ende führen? Gar nicht, richtig. Der Song fährt mit 180 abrupt gegen die Wand und stoppt.

Dass danach der – wenn man es so will – Hit der Platte folgt, ist das erste Zugeständnis, das Epworth macht. Alles relativ zu sehen, natürlich, "Me swimming" ist mit seinen sechs ausgedehnten Minuten nicht gerade formattauglich. Der zackige Rhythmus und die wässrigen Vocals fräsen sich jedoch in die Hirnrinde. "Look! / It's me swimming!" Vollkommen frei, wie man hört. "Elytral" wird von hier an versöhnlicher, wenn auch noch lange nicht einfach. Aber in harmonieseliger Döseligkeit wie "Watching the sun go down" oder in den angenehmen Klangwelten von "Towards the dawn" verliert man sich gerne. Epworths stark elektronisch geprägte Songs fühlen sich dabei immer mehr wie Songwriter-Stücke an. Das Saxophon spielt ebenfalls eine Schlüsselrolle, verdichtet in intensiven Phasen die Lärmwand oder sorgt in ruhigen Momenten für entspannte Töne. Kontrast ist sowieso Trumpf auf "Elytral". Alles, was ihn verstärkt, ist als Mittel recht.

Das führt zwangsläufig zu einem Album der Extreme, der Unbeständigkeit. "Bring me the fever" reicht eine Minimalhook – wenn Epworth zu sturem, düsterem Beat verhuscht "I'm so hungry" in die Nacht haucht, glaubt man ihr aufs Wort. "Burned it down" ist so etwas wie die Zombie-Version eines WhoMadeWho-Songs. Und nachdem "Lost everything" den schönsten Moment dieser Platte markiert, schubst das poppige, aber für Gefälligkeit zu grelle "Surprise yourself" den Hörer unsanft aus diesem Album hinaus. Im Vergleich zu den lichtdurchfluteteren, folklastigeren Stücken ihrer bisherigen Singles oder ihres Debütalbums "Dream life" ist "Elytral" ein unberechenbares Biest, das sich in pechschwarzer Nacht wohl fühlt. Trotz der Krallen darf man sich allerdings nähern und es ganz vorsichtig streicheln. Dann schnurrt es sogar manchmal richtig angenehm.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Last night
  • Me swimming
  • Bring me the fever
  • Lost everything

Tracklist

  1. Gone rogue
  2. Last night
  3. Me swimming
  4. Watching the sun go down
  5. One big wave
  6. Bring me the fever
  7. Burned it down
  8. Towards the dawn
  9. Lost everything
  10. Surprise yourself

Gesamtspielzeit: 37:11 min.

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Armin

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2017-08-23 21:30:06 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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