Captain Gips - Klar zum Kentern

Captain Gips- Klar zum Kentern

Audiolith / Broken Silence
VÖ: 01.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Subversion und Sarkasmus

"Wie kannst Du der neuen Antilopen Gang nur 5/10 geben?", fragte der beste Kumpel des Rezensenten Anfang 2017 kopfschüttelnd bis anklagend. Die beiden Freunde vereint vieles, etwa ihr Starrsinn, ihre L.Y.B.E. zur Musik oder ihre linke Einstellung. Mucke und Politik sind so auch die hart diskutierten Hauptthemen in ihren aus Gründen örtlicher Distanz oft stundenlangen Telefonaten. Das Thema "Zeckenrap" passt da dann logischerweise bestens ins Schema. Eine adäquate Antwort auf die obige Fragestellung bleibt indes offen. Captain Gips aber veröffentlicht mit "Klar zum Kentern" nunmehr das Album, das sich der Rezensent womöglich sieben Monate zuvor von der Antilopen Gang gewünscht hätte.

Der Hamburger schafft es in knappen und knackigen 38 Minuten auf seinem vierten Studioalbum, bei allem Humor die Ernsthaftigkeit zu bewahren. Ähnlich wie die Kollegen mit dem Huftier-Wappen denkt er über einen atomaren Erstschlag gegen die "Menschheit" nach, wagt aber im entsprechenden Track auch einen kritischen Blick hinter die Fassade Linksdenkender, statt nur eindimensional nach rechts zu tadeln – bitter nötig mahnt er Elitarismus genauso wie unreflektiertes Dagegensein oder Bigotterie unter Punks an. Mit Gitarren, Handclaps, der schmissigen Hook und einer starken, Wale-rettenden, Bläser-herbeirufenden Bridge gen Ende besitzt der Titel genauso musikalisch Song-des-Jahres-Qualitäten.

Auch ansonsten: "Klar zum Kentern" hat keinerlei Ausfälle und eine unglaubliche Dynamik, die schon "Metropolis", das letzte Album seiner Crew Neonschwarz, mit sich brachte. Gleich das Piano im Opener "Reich und schön" gräbt sich fies in die Gehörgänge, "Rotz und Schmutz" ballert durch Hood und Hook, träumt von einem dreckigeren, will sagen toleranteren Hamburg, während der dicke Beat brandschatzend durch die Hansestadt rollt. Demgegenüber steht "Malediven", wo sich Gips bei loungigem Geklimper wie ein Spießer in die Südsee wünscht. Im fixen "Hug the police" feiert sich Captain Gips zu orientalischen Saiten selbstironisch: "Morgens lese ich Adorno, abends guck' ich Dschungelcamp."

In "Kopfkino" packt er schließlich den Skill-Vorschlaghammer aus, puncht seine Lines in Double Time und sehnt dabei ein Ende der eigenen Vorstellungskraft herbei, die ihn in "Der schwarze Hund" innerhalb der drastischen Soundkulisse als Gejagten der Angst, der Depression und der Meinung anderer brandmarkt. Von letzterer macht sich er in "Wahwahwah" frei, steckt die Finger in die Ohren und hört einfach nicht mehr hin, während sich ein funky Gitarrensample zum erneut schwungvollen Tempo austoben darf und ein heißes Scratch-Solo den Track langsam ausleitet. Den Abschluss macht das zwischen Müdigkeit und Hyperaktivität divergierende "Party is over". Bläser begleiten Gips bei seiner Zukunftsvision: Fußballgucken und Sofagammeln statt Rebellion und Saufen, denn: "Wir haben damals noch gekämpft, gegen die Norm / Gegen Bullen und Nazis / Aber immer verlor'n." Sarkasmus und Subversion bleiben Gips' Markenzeichen – und so darf man sich sicher sein, dass der Rapper noch lange nicht in den Ruhestand tritt.

Übrigens: Das Erscheinen dieser Rezension könnte zu einer handfesten Krise im Hause Neonschwarz führen. Denn zeitgleich mit "Klar zum Kentern" veröffentlicht Crew-Kollege Johnny Mauser "Mausmission", welches knapp nur an der 7/10-Hürde scheiterte. Dass der Rezensent dabei nicht immer richtig liegen muss, sei an dieser Stelle ruhig eingeräumt, deswegen sei das Mauser-Album dem Leser an dieser Stelle dennoch ans Herz gelegt, zumal die beiden Rapper auch gemeinsam auf Tour gehen. Und, in diesem Sinne: Flo, Du hattest Recht "Anarchie und Alltag" hätte vielleicht doch ein, zwei Punkte mehr verdient gehabt.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Rotz und Schmutz
  • Menschheit
  • Hug the police
  • Kopfkino
  • Der schwarze Hund

Tracklist

  1. Reich und schön
  2. Rotz und Schmutz
  3. Was ein Opfer
  4. Menschheit
  5. Hug the police
  6. Oh ha!
  7. Malediven
  8. Kopfkino
  9. Cap is back
  10. Der schwarze Hund
  11. Wahwahwah
  12. Party is over

Gesamtspielzeit: 37:52 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-08-23 21:29:11 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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