Ansa Sauermann - Weiße Liebe

Ansa Sauermann- Weiße Liebe

Columbia / Sony
VÖ: 18.08.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Wider die Gossenpoesie

Eine nervige Kettcarisierung der Musik. Sinngemäß ungefähr so hatte sich vor vielen Jahren mal ein gewisser Nagel, damals noch Sänger der bis heute nicht adäquat ersetzten Muff Potter, zur Entwicklung deutschsprachiger Popmusik geäußert. Und wie recht er hatte! Im Formatradio batteln sich die Tawils und Giesingers dieser Welt knallhart um die größte Beliebigkeit, Thees Uhlmanns letztes Werk schmeckte nicht allen, und wo besagte Kettcar hin wollen, war bis vor kurzen auch höchst unklar. Auf der anderen Seite macht sich die Gosse breit, dürfen Wanda mit guten Songs und nerviger Attitüde ins Rampenlicht und wird sogar Schmonz wie Faber mancherorts abgefeiert. Man goutiert das Ungehobelte, das vermeintlich echte. Kann man machen.

Muss man aber nicht. Weil man kein Spießer sein muss, um das Gros der Zeilen von eben Wanda oder Faber ziemlich platt zu finden. Abhilfe? In letzter Zeit eher rar gesät. Ein Vorschlag: Ansa Sauermann. Der heißt eigentlich André Sauermann, machte mal unter dem Pseudonym "Ansa." Musik und hat sich nun zum Hybrid aus Künster- und Nachnamen durchgerungen, weil ihn ansonsten keine Sau bei Google gefunden hätte. Das Piano hätte angeblich eigentlich sein Instrument werden sollen, es wurden letzten Endes aber Schlagzeug und Gitarre. Und ein Job als Barkeeper. All das hört man schließlich auf dem Debüt "Weiße Liebe". Das tönt nämlich gleichsam nach sorgsam geplantem Songwriting und mal eben improvisierter Straßen- und Barmusik. Vor allem aber wirkt alles, was Ansa Sauermann in den zwölf Stücken einfällt, erst mal wundervoll altmodisch. Wundervoll, weil genau dadurch zum Beispiel der Titeltrack erst vergoldet wird. Dort kommen nämlich in einem schön gezupften Akustikstück Streicher vorbei, die sich definitiv im Jahrzehnt verirrt haben. Und gesellen sich zu Sauermanns Ausdrucksweise, die manche vielleicht altbacken nennen würden, die aber einfach nur charmant ist.

Weil sich 2017 keiner mehr mit Zeilen wie "Doch in meinem Herzen stürmt Glut / Und der Teufel lebt" vor die Haustür wagen würde. Sauermann schon. Und zwar zu einem schwungvollen Piano-Auftakt, mit dem "Der Teufel lebt" zum Start einen guten Eindruck von dem vermittelt, was man auf "Weiße Liebe" noch zu erwarten hat. Das bedeutet nicht, dass Sauermann zwölf mal Geschichten von gestern erzählt. Im Gegenteil, "Tal der Ahnungslosen" blickt aus persönlicher Perspektive auf das Zeitgeschehen und wird durchaus deutlich: "Wenn ich sie höre / Die hasserfüllten Sprechchöre / Dieses Pack musst Du besiegen." Und doch zieht Sauermann andere Schlüsse, wenn er letztlich konstatiert: "Ich probe den Aufstand / Wir brauchen mehr Anstand." Das klingt simpel, trifft aber den Kern der Sache. Und auch sonst sitzen die Songs. "Reise" vertont die Rastlosigkeit auf denkbar optimistische Art und Weise, "Geist" lotet aus, wie eingängig das eigene Schaffen werden kann, und "Treptower Park" winkt in Richtung Gisbert zu Knyphausen. Und am Ende steht ein Album, das aus dem Rahmen fällt. Weil es schlichtweg völlig normal ist. Ohne Ironie, Sarkasmus, ohne Gossenpoesie. Vor allem aber, ohne anbiedernd oder prätentiös zu sein. Geht doch.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Der Teufel lebt
  • Reise
  • Weiße Liebe
  • Tal der Ahnungslosen

Tracklist

  1. Der Teufel lebt
  2. Reise
  3. Geist
  4. Sieben Leben
  5. Ich bin ein Kind
  6. Weiße Liebe
  7. Tal der Ahnungslosen
  8. Tanzt
  9. Julia
  10. Treptower Park
  11. Fliegen
  12. So weit

Gesamtspielzeit: 43:57 min.

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Maria1991
2017-08-18 01:25:09 Uhr
Super Kritik!! Endlich wieder neue Musik mit Anspruch und guten Texten. Weiter so
Ron
2017-08-17 16:33:06 Uhr
Extrem zutreffendend geschrieben.
Auch die Bühnenpräsenz von Ansa (wenn er seine "fantastische Band" im Rücken weiß) ist echt sehenswert. Nix für Langweiler.

Armin

Postings: 9798

Registriert seit 08.01.2012

2017-08-16 21:22:57 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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