Ian Felice - In the kingdom of dreams

Ian Felice- In the kingdom of dreams

Loose / Rough Trade
VÖ: 25.08.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Erinnerungen sind diebische Verräter

Was ist, wenn sich niemand sicher sein kann, ob das, woran man sich erinnert, auch wirklich so passiert ist? Wenn einen quasi das eigene Gedächtnis an der Nase herumführt? Dann hat man mal kurz nicht aufgepasst und alles von den Träumen, alten wie neuen, wurde verschluckt. Ian Felice kennt das. Er zweifelt. Andauernd. Er leidet an einer Paranoia, die ihn fortwährend heimsucht. Und begibt sich mit seinem Solo-Debüt aufs Terrain der Möglichkeiten. Was alles möglich war und wäre: Hätte er mit seiner Band The Felice Brothers die Zeiten damals nicht überstanden, als sie in den harten Straßen New Yorks als Bettelband unterwegs waren, würde er sich heute womöglich als Prediger verdingen. Denn Geschichten erzählen konnte er schon immer. Oder würde er eher in einem Pub bedienen, einem der Orte, die alle Biografien aufsaugen und wieder auskotzen?

Es kam glücklicherweise anders. Denn The Felice Brothers boxten sich durch. Und sind heute das Gewissen der amerikanischen Folkszene, durch und durch traditionsversessen, schon ihrer Hartnäckigkeit wegen tausendmal authentischer als alle blondierten Country-Stars zusammen. Sie sind Mumford & Sons in gut, mit einem breiteren Verständnis für angrenzende Genres wie Gospel und einem weit raffinierteren Songwriting. Aber hier geht es nur am Rande um The Felice Brothers, auch wenn sie Felice bei den Aufnahmen zur Seite standen. Songs der Band handeln von Deklassierten und denjenigen, die von der Gesellschaft aufgegeben wurden, "In the kingdom of dreams" aber handelt von den größeren Zusammenhängen und Fallstricken. Felice holt weiter aus. Glaubt man ihm, etwa in "21st century", ist den Vereinigten Staaten nicht mehr zu helfen.

Denn sie sind psychotisch und gestört geworden, haben sich in ein verkommenes Land verwandelt, in dem jeder Vierte an irgendeiner psychischen Erkrankung laboriert. "They say your empire is about to fall", heißt es da. Die Dystopie war absehbar, nun ist sie unumkehrbar. Der American Dream liegt brach. Anstatt von ihm abzulassen, krallen sich all diese Blinden an leere Versprechen. Felice singt von den Enttäuschungen und Schatten, die sich über die Köpfe der Nation gelegt haben. Seine Bilder sind dabei klar, düster, eindrücklich. Verlässt er seine große Liebe, welken um ihn herum die Blumen, Schritt für Schritt mehr. "In memoriam" erzählt vom Tod des Stiefvaters. Erst kitzeln noch Sonnenstrahlen im Gesicht eines Achtjährigen. Seine Mutter ruft nach ihm. Sie erzählt, was er nicht verstehen kann: "It's a mystery so surreal / No newsman will ever reveal / How destiny spun the wheel / And killed my old man." Kurz zuvor war alles noch gut, plötzlich stürzt es ins Übel.

Ist der Tod noch surreal, das Erinnern selbst vage, wartet Felice auch verunsichert auf das Kommende. Denn er scheut sich auch ein wenig davor, Vater zu werden, in "Water street" ängstigt ihn die Rolle besonders. Es sind Versagensängste, die Befürchtung, nicht für den Sprössling da zu sein, ihm nicht gerecht zu werden, ihm nicht zu entsprechen, ihn zu enttäuschen. Musikalisch bleibt das äußerst reduziert: Pickings auf der Akustikgitarre, wenige Klavierakkorde, leicht schiefe Geigenspuren, Tupfer eines Schlagzeugs. Und ein andauerndes, hintergründiges Brummen in "Sings of spring", dem fabulösen Prunkstück des Albums. So würde ein weniger kryptischer Bob Dylan klingen. Auch stimmlich ähnelt Felice dem großen Songwriter, singt aber weniger kratzbürstig. In seinen Songs gibt es noch ein sanftes Flehen. "In the kingdom of dreams" ist daher nahbar, nicht selbstentblößend, sondern zutiefst menschlich.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • In the kingdom of dreams
  • 21st century
  • Sings of spring

Tracklist

  1. In the kingdom of dreams
  2. Will I ever reach Laredo
  3. 21st century
  4. In memoriam
  5. Sings of spring
  6. Mt. Despair
  7. Road to America
  8. Water street
  9. Ten to one
  10. In the final reckoning

Gesamtspielzeit: 40:20 min.

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User Beitrag
Klischee
2017-08-22 12:47:11 Uhr
hier ist doch die Hälfte des Textes aus dem Klischeebaukasten zusammengezimmert. Hat sich der Autor wirklich ernsthaft mit den FB beschäftigt?

Durch und durch traditionsversessen? Wirklich? Haben Sie mal "Celebration, Florida" gehört oder auf die Cover-Songs in den setlists der Band geschaut oder zumindest mal in Interviews recherchiert, welche Einflüsse die Band nennt und welche Ziele sie hat?

Und haben Sie wirklich ernsthaft den Bob Dylan-Vergleich wieder ausgebuddelt? Haben wir wieder 2006?

Schade, da veröffentlicht ein so großes Songwriter-Talent seine erste Solo-Platte und wird von PT-Kritikern nur mit oberflächlichen Worthülsen und Klischees albgefrühstückt. Da hätte er mehr verdient gehabt, der gute Ian.

Armin

Postings: 10358

Registriert seit 08.01.2012

2017-08-16 21:20:24 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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