Randy Newman - Dark matter

Randy Newman- Dark matter

Nonesuch / Warner
VÖ: 04.08.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Bedingt komisch

Das beginnt schonmal gut: Randy Newman singt "Welcome, welcome, welcome / To this great arena" so perfektioniert Newman-typisch, also würde er zwei brühheiße Kartoffeln zwischen den Backen jonglieren. Ein Damengospel setzt ein, der Flair großer Filmmusik kommt auf. Streicher. Blechbläser. Konfettibombast. "Cabaret"-Stimmung. Dann gerät alles durcheinander, kaum verwunderlich bei den acht Minuten von "The great debate", einem Song, der mindestens vierzehn weitere verschluckt hat. Halleffekte gruseln über Newmans Stimme, was kurzzeitig so gestört wirkt, wie Scott Walker gerne freiwillig klingt. Es folgt: Boogie. Ein unwahrscheinliches Debakel, diese Debatte, in der Atheisten mit religiösen Eiferern und Klimawandel-Mahnern Zoten schwingen, als stünden sie im "Fox-News"-Colosseum.

"Dark matter", erstes Newman-Album seit neun Jahren, ist, das fällt zuallererst auf, so vieles, was dieser Künstler nie sein wollte: Glaubte er mal an das Lakonische, die kurzen Sentenzen, welche umso manischer interpretiert werden durften, wird er hier geschwätzig und verlabert. Auch ist ihm ein wenig die Empathie abhanden gekommen, die immer eng verknüpft war mit seinem Humor. Womöglich hat er beides auf dem Weg ins Studio verloren, unbewusst, beim Status-Blick am Zeitungskiosk. Natürlich hat Lustigkeit seine Grenzen und wer lustig ist, muss nicht unbedingt ein famoser Songwriter sein. Aber bei Newman war sein großmütiges Lachen gerade die Menschlichkeit, die seine Songs zu zigarettenlangen großen amerikanischen Romanen werden ließ. Die ihnen Leben einhauchte. Ist es wirklich so, dass Newman mit nun 74 Jahren von dem befallen wird, was ältere Männer häufig anstrengend bis unerträglich werden lässt, also dass sie schwatzhaft und griesgrämig werden? Nein, so schlimm ist es dann auch wieder nicht.

Und womöglich beruht das alles sowieso auf einem großen Missverständnis. "Dark matter" könnte Newmans amerikanischstes Album sein. Er huldigt der Blues-Legende Sonny Boy Williamson, er lässt sich über JFK aus, dessen Bruder Bobby und Liebe für die kubanische "Queen of Salsa" Celia Cruz. Der Religionsdisput im Eröffnungsstück: Ja, vielleicht ist auch das – Kreationisten hin oder her – alles ein wenig fernab unamerikanischer Ohren. Dass Newman nicht über Trump singen wollte oder gar konnte, erzählte er kürzlich dem Magazin "Galore". Einen Song hätte er über den vulgären US-Präsidenten geschrieben. Dieser sei nur selbst allzu vulgär geworden. Und so explizit, dass Feingefühl vermisst wurde. Dafür bekommen es nun andere ab.

Putin muss für eine Art Chuck-Norris-Witz herhalten: "He can power a nuclear reactor / With the left side of his brain." Der Freie-Oberkörper-Fetisch des russischen Staatsoberhauptes ist ja überhaupt ganz lachhaft: "And when he takes his shirt off / He drives the ladies crazy." Das ist aber nicht satirisch oder böse oder gallig, das ist eher trottelig oder gar blöde. Als würde Newman neuerdings bei "Family Guy" auftreten. Musikalisch ist wenig zu beanstanden, selbstredend bei Newman, gerade die dezente Liebesballade am Piano "She chose me" ist fein. Oder das lustvolle Aussteigerdrama "On the beach", welches die unterdrückten Tränen ans alte Hollywood der Fünfzigerjahre nachzählt, dabei den Swing schön orchestriert. Neu sind die Songs nicht alle: Zum Beispiel lief "It's a jungle out there (V2)" schon über acht Staffeln im Vorspann des liebevoll schrulligen TV-Detektiven "Monk". Auch "Putin" war live schon vor Jahren zu hören.

Ebenfalls gegenüber der "Galore" meinte Newman: "Wer keinen Sinn für Humor hat, läuft ständig Gefahr alles viel zu ernst zu sehen. Und das wird schnell sehr deprimierend." Dieses Bein hat sich der Großmeister selbst gestellt. "Dark matter" ist eher bierernst und engstirnig, als leicht, humorvoll und beglückend. Was er hier als Satire versteht, sind billige Nachtritte. Einen roten Faden hat das Album nicht. Klartext wird nicht gesungen oder gesprochen, weil das Textdurcheinander über Hörende einbricht. Im Ohr klingen noch "Short people", "Political science" oder auch "Love song (You and me)", diese monolithischen Songs, die Newman selbst erbaute. Verglichen damit wirkt hier mickrig, was womöglich gar nicht mal so klein ist. Und nur bedingt komisch, was vielleicht für einen der größten Witze überhaupt herhält: Den selbstreferentiellen.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • She chose me
  • On the beach

Tracklist

  1. The great debate
  2. Brothers
  3. Putin
  4. Lost without you
  5. Sonny boy
  6. It's a jungle out there (V2)
  7. She chose me
  8. On the beach
  9. Wandering boy

Gesamtspielzeit: 39:28 min.

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Armin

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2017-08-06 20:48:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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