Max Richard Leßmann - Liebe in Zeiten der Follower

Max Richard Leßmann- Liebe in Zeiten der Follower

Caroline / Universal
VÖ: 21.07.2017

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Tölpeleien & Tango

Für jeden schlechten Song eines ehemals respektierten Künstlers erlischt eine Kerze in der Herzens-Kathedrale des Rezensenten. In Zeiten, in denen Arcade Fire wie ABBA klingen, ist es um die Beleuchtung dort ohnehin recht schlecht bestellt. Und dann kommen auch noch Max Richard Leßmann und die Gebrüder Madsen und pusten noch mal kräftig. Ersterer, weil sein Name über "Liebe in Zeiten der Follower" steht, zweitere, weil sie es musikalisch verzapft haben.

Swing, Chanson und Schlager treffen sich auf dem Solo-Debüt des Vierkanttretlager-Sängers. Der Musikexpress behauptet, Leßmann schaffte es trotz seines Ausflugs in genannte Genres, einen Kotzreiz zu vermeiden, und laut.de beschreibt ihn als "sinnlichen Romantiker und mutigen Schlager-Neudenker". Tatsächlich aber scheint es, als hätte der 25-Jährige beim Entrümpeln von Omis alter Stube eine Comedian-Harmonists-LP entdeckt. Ende der Geschichte. Eins ergab halt das andere. Wo da die Sinnlichkeit steckt, bleibt fraglich, und wer Zeilen wie die folgende würgfrei übersteht, der ist wohl innerlich schon lange tot: "Eigentlich muss man nichts müssen / Außer küssen muss man nichts", heißt es etwa in "Küssen". Eine weitere unsagbare Worthülse: "Ich tue nichts lieber als warten / Im Stau, im Eis, im Wartesaal / Am Helikopterterminal" aus "Keine Langeweile".

"Lavendelfeld", dessen Melodie verdächtig geklaut klingt, erzählt eine vor Blödsinn strotzende Geschichte: Leßmann findet buntes Papier, das er nicht als Geld erkennt und verschürt es im Kamin, um sich zu wärmen – "Ich verbrenn' meine Papiere / Und Du, mein Schatz, stehst Schmiere." In "Einen im Tee" wird bis zehn gezählt und gebechert, die vorherrschende Plumpheit schlägt sich auch hier in Zeilen wie "Die Kneipe ist mein Pfandleihhaus / Hier leih' ich meine Freude aus" nieder. Eines dürfte mittlerweile klar sein: Die Texte auf "Liebe in Zeiten der Follower" sind durch die Bank von einer akuten Bedeutungslosigkeit gekennzeichnet. Dazu verleihen die orchestralen Arrangements, vor allem die aufdringlichen Bläser, der lyrischen Einfalt eine unfreiwillige Ironie, denn auch wenn die Inszenierungen noch so hochkochen, bleibt Leßmann textlich eindimensional.

Zwar macht er damit auch nichts anderes als die offenbaren Vorbilder für sein Schaffen, die Frage aber, warum ein junger, ambitionierter Indie-Musiker einen solchen Weg einschlägt, weiß keiner zu beantworten. Auch die angebliche Ansprache an seine Generation, die Digital Natives, das angebliche kunstvolle Verquicken von damals und heute, es bleibt aus, außer aber Leßmann möchte den absoluten Stumpfsinn seiner Mit-Millenials herausheben. Maximal sorgt er für den ein oder anderen trockenen Orgasmus bei Germanistikstudierenden, wenn er in der Erstauskopplung "Ich wünschte" zur gepfiffen Melodie den Konjunktiv II von "kennen" ohne "würde" zieht. Dennoch ist es natürlich kaum machbar, die 40 Minuten von "Liebe in Zeiten der Follower" ohne Ohrwurm zu überstehen. Nur handelt es sich ausnahmslos um solche, über die man sich dann den ganzen Tag ärgert – auch "Atemlos" hat man aus Versehen schon mal mitgesungen.

Also, lieber Fox-Tanzen zu Arcade Fire oder Tango zu "Die Welt hinter den Worten" von Max Richard Leßmann? Nun ja, während sich nach ein paar Durchläufen von "Everything now" ein paar Herzens-Kerzen wieder entzündeten, so werden die von Leßmann und den Madsens gelöschten für immer erloschen bleiben.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

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Tracklist

  1. Spuren auf dem Mond
  2. Ich wünschte
  3. Keine Langeweile
  4. Sie trinkt, sie raucht, sie riecht gut
  5. Lavendelfeld
  6. Einen im Tee
  7. Die Welt hinter den Worten
  8. Küssen (feat. Sebastian Madsen)
  9. Lippenstift
  10. Mann im Stream
  11. Ein Lied aus Dir (Für Wanda)
  12. Am Hafen brennt noch Licht

Gesamtspielzeit: 40:46 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Tom Green
2017-08-15 15:05:17 Uhr
Natürlich ist da kein tiefsinniger Ansatz bei dieser Platte zu erwarten, aber die Rolle des hoffnungslosen Romantikers füllt er doch perfekt aus. Klar sollte man ein Faible für die Ästhetik der 20er und Max Raabe mitbringen um das zu mögen, aber ihn gleich mit Stumpfen Schlager Barden zu vergleichen, finde ich dann doch sehr hart. Insgesamt super arrangiert, ein paar schöne Ohrwürmer (allen voran: "Ich wünschte").

Auch die Beschwerde, das Leßmann den Albumtitel "Liebe in Zeiten der Follower" inhaltlich nicht mehr aufgreift, halte ich leider für fehlinterpretiert. Tatsächlich besingt er doch hier die romantische Liebe, in ihrer Urform, es geht um das reine Empfinden eines Gefühls der Anziehung. Und das ist doch genau das, was den Digital Natives vorzuwerfen ist (sich nicht Festlegen wollen, Ökonomisierung von Beziehungen, Ablenkung...) - von daher hält er dieser Generation den Spiegel vor. Ihm geht es darum, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Von daher: Passender Titel!

7/10
wenig zielführende Sexyness
2017-08-15 14:58:55 Uhr
Romantik ohne Subtext geht völlig an der Platte vorbei.
Krassere Fehleinschätzungen als weichgespülte und stromlinienförmige Alben des Jahres.
Sieben Punkte? Aber immer.
Was schreibe ich hier für einen Unsinn?
hach plattentests...
2017-08-15 14:46:38 Uhr
und wieder meilenweit am ziel vorbei...

captain kidd

Postings: 1575

Registriert seit 13.06.2013

2017-08-08 13:16:40 Uhr
Aber immer. Weißte doch. Hör aber nochmal rein. Das ist eine ganz liebevolle Platte voller Liebe. Hätte ich den Beteiligten (Madsen, schrecklich) nie zugetraut.

Pascal

Postings: 319

Registriert seit 13.02.2013

2017-08-08 11:27:45 Uhr
1. Ich brauche keinen Subtext, aber ein zumindest einigermaßen durchdachter Text wäre schon gut. "Romantik" entdecke ich da wirklich wenig, eher Stumpfheit. Aber es ist ja bekannt, dass nicht jeder bei gleichem romantisch angesprochen wird. Bei Wanda oder auch Bilderbuch, kommt z.B. eine Sexyness mit wenig Subtext durchaus bei mir an.

2. Platten verschiedener Künstler in der Wertung untereinander zu vergleichen, ist wenig zielführend. Warum ist Prag für dich scheiße und Leßmann für mich? Weil wir ganz offenbar einen anderen Geschmack haben. Das ist legitim. Handshake? ;)
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