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Arcade Fire - Everything now

Arcade Fire- Everything now

Columbia / Sony
VÖ: 28.07.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Tanz nah am Abgrund

Ein beherzter Daumen-Wischer durch die Timeline, schnell noch ein Posting liken, dann ein unüberlegter Kommentar. Eilmeldungen quasi im Minutentakt, ein Live-Ticker hier, "Breaking News" da: Everything now, sozusagen. Das digitale Leben hat eine Geschwindigkeit entwickelt, die einen überrumpelt wie die jüngsten weltpolitischen Entwicklungen. Nachhaltige Momente, die in positiver Erinnerung bleiben, sind rar gesät, und doch gibt es sie. In musikalischer Hinsicht dürfte man sich 2017 zumindest an den 31. Mai erinnern. Jenen Tag, an dem dieses dreiste Klavier-Thema von "Everything now", dem ersten Vorboten zu Arcade Fires gleichnamigen fünftem Album, erstmals in hunderttausende Ohren kroch – und über Monate nicht mehr heraus wollte. Selten pirschte sich dieser bandgewordene Everybody's Darling aus Montreal, Kanada, in dessen Backkatalog sich weiß Gott schon das ein oder andere prägnante Stück Pop eingenistet hat, so unvermittelt in die Synapsen ihrer Gefolgschaft.

Und die? Frohlockt, schwelgt, hüpft und tanzt. Wozu einen diese fantastische Band eben so animiert. Jedoch waren Irritationen zu vernehmen: "Das klingt schon fast nach Flippers", war dabei wohl eine der originellsten. Klar klingt die Single "Everything now" einigermaßen käsig. Doch auch deshalb so großartig: Der Mut zum unumschweiflichen Siebzigerjahre-Disco-Pop, den einst ABBA und heute Daft Punk hätten kaum klarer fassen können – logisch, saß deren Thomas Bangalter doch mit an den Reglern –, garniert mit Panflöte und "Na na na"-Chor, in den Strophen konterkariert von der typischen, bittersüßen Melancholie in Win Butlers Stimme. Und natürlich von den Lyrics, die den lieblichen Wohlklang splitternackt ins bittere Scheinwerferlicht rücken. Heile Welt? Mitnichten. "We turn the speakers up till they break / 'Cause everytime you smile it's a fake." Hinter der Fassade lauert doch meistens das Abgründige.

Mediale Hektik jedenfalls ist für Butler, seine Frau Régine Chassagne und ihr Kollektiv kein Terrain, wenngleich es ohne Teaser heutzutage natürlich nicht geht. Ironisch-überspitzte Promo-Aktionen wie die Intiative der "Everything-Now-Corp", die den ach so promo-unwilligen Musikern ihre Kampagne aufzwingen muss, oder die aufwändige Wüsten-Installation für das Video zu "Everything now", ließen Like- und Retweet-Zahlen explodieren. Ob der bildgewaltigen Momente übersah man fast, dass Arcade Fire tatsächlich vier neue Songs schon vorab auskoppelten. Viel Gutes? Oder zu viel des Guten? Zunächst jedenfalls reichlich Futter für die Diskussion in den Musikforen. Über "Signs of life" etwa, dieses funky Tanzbonbon, im Refrain leicht penetrant geschwitzt, hintenraus aber ausdauernd genug, Discokugel und Strobo-"Reflektor" noch einmal auf Hochtouren zu bringen. Oder "Electric blue", dieses allein von Régines Pieps-Organ regierte, funkelnde Electronica-Stück, das den besonderen Charme, den einst "Sprawl II" im "The suburbs"-Kosmos entfachte, schuldig bleibt.

Schuldig sprechen für die hohen Erwartungen dagegen sollte man "Creature comfort", ein wahrhaftig großartiges Beat-Monster mit Killer-Keyboard und bissigem, zähnefletschendem Text, welches das Dilemma der modernen Konsumgesellschaft spiegelt: "God, make me famous! / If you can't / Just make it painless." Das sitzt. Fortan jedoch ist es eine nicht allzu leichte Aufgabe, "Everything now" als Gesamtwerk einzuordnen. Für erste Stirnfalten sorgt der Mittelteil: Der Dub-beschwipste "Peter Pan" schwingt sich nebst allerlei akustisch-exotischem Hintergrundgetöse auf zum juvenilen Abenteuer, kann in seiner kitschig-monotonen Behäbigkeit aber nicht so recht für Aufbruchstimmung sorgen. "Chemistry" gelingt das etwas besser, doch muss sich als Funk-infiziertes Stück, das auf einem Offbeat um die Magie der Begierde herumhüpft, schon bald vom ersten Teil des post-punkigen (und anscheinend unfertigen) Interlude-Duos "Infinite content" in die Schranken weisen lassen: "On infinite content / We're infinitely content / All your money has already spent." Das Individuum in seiner Komfortzone, als unmündige Marionette. Und Butler lässt die Gitarre trotzig aufbrausen.

Das Schlussdrittel beginnt atmosphärisch, schickt das düstere, mit markantem Basslauf bestückte "Good God damn" voraus, gefolgt vom feinen Siebzigerjahre-Schunkler "Put your money on me" und dem tollen, berührend-resignativen Finale "We don't deserve love". Möchte man dieses Dreigestirn mit den Vorab-Stücken in Bezug setzen, verhärten sich die Stirn-Furchen: Ungeachtet der Qualität der neuen Stücke fehlt "Everything now" musikalisch der kleinste gemeinsame Nenner, der etwa das ähnlich sprunghafte "The suburbs" zusammenhielt. Die spezielle Arcade-Fire-Atmosphäre, der einzigartige Sog, den diese Band für gewöhnlich entfacht, all das gibt es dieses Mal auch nur auf Sparflamme. Gilt "Everything now" in einigen Jahren als launisches Song-Sammelsurium aus zynischer, gesellschaftskritischer Triebfeder? Schwer zu sagen, wir meckern schließlich auf hohem Niveau. Während Butler leicht resignierend die Misere des großen Ganzen greifbar macht: "I'm in the black again / Can't make it back again", haucht er zu In- und Outro. Wie bloß das Blatt umkehren? Ein radikaler Schnitt ist nötig. Arcade Fire jedenfalls rütteln auf, tanzen unbeirrt der gesellschaflichen Apokalypse entgegen, und haben angesichts des Zustands der Welt das wohl logischste Album aufgenommen, das möglich war.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Everything now
  • Creature comfort
  • Put your money on me
  • We don't deserve love

Tracklist

  1. Everything_now (continued)
  2. Everything now
  3. Signs of life
  4. Creature comfort
  5. Peter Pan
  6. Chemistry
  7. Infinite content
  8. Infinite_content
  9. Electric blue
  10. Good God damn
  11. Put your money on me
  12. We don't deserve love
  13. Everything now (continued)

Gesamtspielzeit: 47:11 min.

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User Beitrag

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7677

Registriert seit 26.02.2016

2021-09-13 16:30:27 Uhr
Also meine ist eher lauter als die Vorgänger gemastert.

Telecaster

Postings: 1108

Registriert seit 14.06.2013

2021-09-13 15:48:44 Uhr
Täusche ich mich, oder ist die CD echt ziemlich leise gemastert?

ijb

Postings: 1902

Registriert seit 30.12.2018

2021-09-10 19:44:53 Uhr
@Fiep
Ahja, alles klar, hab verstanden. Geht mir ähnlich. ~50 bis >80 Euro für 90 Minuten Livemusik ist bei mir auch echt nicht drin. Die letzte Male, als ich bei so teuren Konzerten war – und es sich echt gelohnt hat, war PJ Harvey (Karte ~60 Euro war ein Geburtstagsgeschenk), Wilco (50-Euro-Karte für ~20 bei Ebay erworben) und David Byrne (ebenfalls gefühlt geschenkt bei ebay)... All diese Konzerte würden den Eintrittspreis lohnen, aber für mein Budget kaufe ich für +150 Euro eher 12 bis 15 Alben.

@fakeboy
Das stimmt natürlich, und das kenne ich selbstredend auch. Etwa von den frühen Konzerten von GY!BE u.a. Interessanterweise war nur mein Radiohead-Konzerterlebnis weit von den sagenhaften Berichten entfernt, die so viele andere immer zu berichten haben. Lag aber wahrscheinlich auch daran, dass es Open Air war; das packt meistens nicht so wie Hallenkonzerte.
Letzte Woche sah ich übrigens Eivind Aarsets Band, und da bin ich auch ein wenig ängstlich, dass mich das Album dann nicht so mitreißen wird wie die Band live jedes Mal mitreißt. Absolute Empfehlung übrigens an alle, die Band mit dem neuen Album 2022 auf Tour zu besuchen. Die sind einfach immer klasse.

Mir fällt nur auf, wie extrem oft ich hier im Forum so was lese, dass viele ein Album besonders hervorheben oder nicht so gut finden, weil's im Konzert so toll war oder eben nicht so toll. Erst kürzlich z.B. schrieb jemand, er überlege, wegen des nicht so tollen Albums seine Karte fürs Lorde-Konzert wieder zu verkaufen. Das finde ich schon echt bemerkenswert, wie eng das eine mit dem anderen verknüpft ist.

fakeboy

Postings: 1518

Registriert seit 21.08.2019

2021-09-10 15:25:07 Uhr
Alben funktionieren für mich grundsätzlich auch eigenständig. Aber manchmal gewinnt ein Album oder ein Song nach einem Konzert einfach noch an Bedeutung, weil die Live-Umsetzung so gut war. Funeral werde ich nie mehr hören können ohne an das wahnsinnig gute Konzert im Mai 2005 in Zürich zu denken, bei dem ich die Konzert in einem 300er Club gesehen habe. Und Everything Now hat sehr vom Konzert profitiert weil sich die Songs live wunderbar ins Gesamtwerk einfügten und die Band den Pop-Approach der Platte wunderbar umsetzten. Bei "We Don't Deserve Love" der ganz grosse Moment, als Win durchs Publikum lief, zur Bar ging, sich dort ein Bier einschenken liess und es auf dem Tresen austrank. Solche Momente fliessen nachher untrennbar in den Zugang zu einem Album ein.

Fiep

Postings: 777

Registriert seit 29.04.2014

2021-09-10 15:21:37 Uhr
Wenn du dich auf meinen kommentar zu chemistry und live beziehst...ich sonst auch nicht (einzig bei radiohead und swans fand ich den vergleich interessant, weil sich da so viel tut bzw swans vorab live ersionen veröffentlicht haben)

Aber bei arcade fire wars mir besonders auffällig, da ich auf einem konzert direkt vor release (2-3 wochen) war, und die songs somit zum ersten mal am konzert gehört habe, mit vielen der leute da. Und da fiel Chemistry eben auf, weil da die masse wenig mitging, und anfing zu plappern und zu reden, war sehr eigenartig das ganze...
Sonst n gutes konzert.

Aber ja, bin selbst nicht auf so vielen, die meistn währen in wien, das für mich nochmal ein kostenfaktor für zug, ubahn, übernachtung (oder freunde nerven), und mehr zeit (am nächsten tag frei haben) vorraussetzt... ist es mit ausnahmen eigentlich nicht wert für mich, 80-120€ für ein konzert zu investieren.
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