The Prosecution - The unfollowing

The Prosecution- The unfollowing

Long Beach / Broken Silence
VÖ: 11.08.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zusammen

"Ein Wort bringt die einen dazu, sich zu bekämpfen / Ein anderes hallt in den Köpfen hin und her / Es wird wirklich Zeit / Anzufangen, damit aufzuhören / Je kleiner wir sind / Desto größer der Drang / Sich aufzuspalten."
(Slime - "Zusammen")

Slime wussten es schon vor über zwanzig Jahren. Beherzigt haben derlei Zeilen aber doch eher die Wenigsten, so scheint es, werden doch gefühlt von allen Seiten Keile zwischen die Menschen getrieben. Von Gesellschaft mag man gar nicht so richtig sprechen. Nie wirkte es einfacher, zu bennenen, wogegen man so den ganzen Tag ist, was man nicht alles fürchterlich beschissen findet, wessen Freibiergesicht man eigentlich schon lange nicht mehr sehen kann. Man möchte fairerweise einwenden, dass dies "nur" die Konsequenz aus der täglich größer werdenden Auswahl an veritablen Feindbildern sein könnte. Trotzdem kann man oftmals nicht beiseite wischen, dass sich der Mechanismus aus erkennen, bennenen und verächtlich beurteilen beängstigend tief in so manchen Alltag eingegraben hat.

"Ich bin dafür, dass wir uns mehr als nur einmal verstehen / Dass wir zusammen Charlie-Chaplin-Filme sehen / Für einen Humor, der den Wahnsinn kompensiert / Und dafür, dass Bayern zuhause verliert / Peinlich, wenn man sagt, wofür man ist / Peinlich, wenn man sagt, wofür man ist / Weil ihr es alle selber wisst."
(...But Alive - "Antimanifest")

The Prosecution machen bei all dem nicht mit. Auf Distinktionsgewinne ist das Septett kein Stück weit angewiesen. Und auch absolut nicht scharf darauf. Weil die Band noch nie dafür bekannt war, sich für die leichten Wege zu entscheiden. Das fängt bei den simplen Fakten an. Vom beschaulichen Abensberg aus lässt sich die Welt wohl am ehesten mit Spargel erobern. Mit Skacore hingegen eher weniger. Kein Grund natürlich, es nicht zu versuchen. Genau das macht die Band auf ihrem mittlerweile vierten Album "The unfollowing" mit einigem Nachdruck, womit sie sich in erster Linie ziemlich angreifbar macht, weil man 2017 ja allzu schnell verlacht wird. Für einen Akzent, der die Herkunft aus dem tiefen Süden nicht ganz zu verbergen vermag, zum Beispiel, oder für eine Textarbeit, die mit aller Konsequenz und Deutlichkeit das "We!" von Anti-Flag pflegt und bei aller transportierter Kritik stets alle mit einer optimistischen Grundhaltung mitzunehmen versucht. Natürlich auch mit musikalischen Mitteln, die nicht Wenige nur abwinken lassen. Aber das ist letztlich egal.

"Heute wie morgen / Im Großen wie im Kleinen / Zur Sonne / Zur Freiheit / Zu Fuß."
(Rantanplan - "Revolution (Emma G.)")

Weil The Prosecution nämlich in erster Linie für Haltung, Integrität und Engagement stehen. Ach, und weil ihre Musik sich ganz nebenbei auch keineswegs vor etwaigen Vorbildern verstecken muss. Dass die Band schon mit Gruppen wie Against Me! und Anti-Flag die Bühne teilten, ist sicherlich kein Zufall. Wenn "The state of hate" munter nach vorne galoppiert, können selbst Bands wie NOFX nur anerkennend mit dem Kopf nicken. Wenn "Where we belong" sich den schweren Themen Krieg, Flucht, Vertreibung und Zerstörung zunächst mit einer fast zu großen Menge Pathos annimmt und im Refrain doch gänzlich unvermutete Wege geht, merkt man einmal mehr, dass Songwriting von Format auch aus der Provinz kommen kann. Und ganz zum Schluss, wenn "Melodies of timeless stories" seinem großspurigen Titel alle Ehre macht und "The unfollowing" mit Feuerwerk, weit erhobenen Händen, Umarmungen, Freudentränen und allem Drum und Dran beschließt, haben einen The Prosecution ohnehin schon längst.

Den zwölf Stücken von "The unfollowing" kann man sich schließlich – eine gewisse Affinität für das Genre vorausgesetzt, natürlich – kaum entziehen. Zu dringlich ist die Darbietung dafür. Zu zwingend sind die Melodien, die einem die Band hier ein ums andere Mal in kaum überschaubarer Anzahl vor den Latz knallt. Zu gelungen ist die Produktion. Zu groß ist die Liebe zum Detail, die man hier allenthalben hören kann. Vor allem aber sind die Songs zu gut. Und die Nörgler, die hier den fehlenden doppelten Boden, die fehlende Ironie, die vermeintlich fehlende Cleverness monieren? Die werden kurzerhand mitgenommen. Ein stumpfes "Wir gegen die", eine rigide Abgrenzung, eine Profilierung auf Kosten anderer, all das gibt es auf diesem Album, ja im ganzen Schaffen dieser Band schlichtweg nicht. Man könnte das bisweilen "naiv" nennen. Oder kurzerhand herrlich finden.

"If the kids are united / They will never be divided."
(Sham 69 - "If the kids are united")

The Prosecution haben begriffen.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • The state of hate
  • My silent phone and me
  • Melodies of timeless stories

Tracklist

  1. The state of hate
  2. Forlorn
  3. Where we belong
  4. Alter ego
  5. 40 hours
  6. Angel for a moment (devil for a lifetime)
  7. My silent phone and me
  8. We are one
  9. Waiting for you
  10. Lifelines
  11. Ignite our passion
  12. Melodies of timeless stories

Gesamtspielzeit: 45:44 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Karl
2017-07-20 11:14:57 Uhr
Ich finde ja, dass sie nicht mehr ganz so unverbraucht klingen, wie auf den Vorgängern. Wirkt teilweise zu bemüht "besonders". Aber: Es ist immer noch Ska. Und immer noch gut.

Armin

Postings: 14508

Registriert seit 08.01.2012

2017-07-19 21:48:03 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


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