Kacy Hill - Like a woman

Kacy Hill- Like a woman

G.O.O.D. / Def Jam / Universal
VÖ: 30.06.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Heldin in Strumpfhosen

Wer ist Kacy Hill? Diese Frage hätte auch der Rezensent bis vor einer Woche nur mit einem Schulterzucken beantworten können. Vor ein paar Jahren noch war sie Tänzerin auf Kanye Wests "Yeezus"-Tour, unkenntlich gemacht und entmenschlicht, in einem hautengen Bodysuit und mit einer Strumpfhose über dem Kopf. Mittlerweile ist sie aus ihrem Nylonkokon geschlüpft und wurde als Musikerin von Wests Label gesignt. Trotz dieser gewaltigen Präsenz im Hintergrund wäre ihr Debütalbum "Like a woman" fast untergegangen, wurde auf Promotion seitens des Labels und seines aktuellen Chefs Pusha T fast vollständig verzichtet. Einerseits schade, da es definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, andererseits kann die Musik so vollständig für sich sprechen, was in Zeiten immer aufdringlicheren Hypes einen angenehm unbeschwerten Umgang mit dem Werk ermöglicht.

Dieses Adjektiv umschreibt auch den musikalischen Charakter des Albums sehr gut, denn das neben Wests Hausproduzenten unter anderem auch Zoot Womans Stuart Price umfassende Team hat für Hill ein minimalistisches, nur selten überladenes Klangbild konstruiert. Das erinnert in seiner reduzierten Unterkühlung und fragmentarischen Detailverliebtheit nicht nur an The xx und James Blake, es gibt Hills einnehmender Stimme auch allen Raum, den sie zur Entfaltung benötigt. Der eröffnende Titeltrack besteht fast nur aus Piano- und Basstupfern, doch ihr atemloser Sopran haucht dem Klanggerüst im wahrsten Sinne des Wortes Leben ein. Dieser Kontrast zwischen organisch und mechanisch wird an anderen Stellen von "Like a woman" noch konkreter aufgearbeitet. So doppeln "First time" oder "Keep me sane" Hills cleane Vocals mit elektronisch bearbeiteten Gesangslinien, und es scheint, als würde der Mensch Kacy Hill gegen sein roboterhaftes, strumpf-maskiertes Alter Ego ansingen – noch unklar, wer am Ende dieser gut 40 Minuten schließlich die Oberhand behalten wird.

Auch der durchgehend homogene Sound setzt immer wieder interessante Reizpunkte, oft nur sehr pointiert, wenn der Titeltrack zum Beispiel für einzelne Takte das Tempo anzieht und aus dem Nichts auftauchende Soundschichten das karge Gerüst erweitern. Die offensichtlichsten Ausbrüche liefern aber "Hard to love" und "Arm’s length", zwei geradezu absurd eingängige Powerpop-Nummern, die wahrscheinlich noch nicht mal eine Kelly Clarkson kaputtbekommen hätte. Zwar stören diese Songs den Albumfluss, was angesichts ihrer herausragenden Qualität aber mehr als zu verschmerzen ist. Gesanglich meistert Hill diese Eruptionen ebenso meisterhaft wie die zarteren Momente, etwa wenn in "Static" bei der zentralen Zeile "I can’t be your hand to hold" ihre Stimme kurz wegbricht und ihre Unsicherheit und Fragilität greifbar wird. Die Vielseitigkeit ihres Organs zeigt sich auch in dem in Sachen Struktur und Arrangement wohl besten Track "Clarity", in dem Hills Vibrato sogar an Enya erinnert.

Wer ist Kacy Hill? Auch nach dem Ende von "Like a woman" lässt sich diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten. Ihrer Aussage nach sollte das Album eine Ergründung ihrer eigenen Sexualität und Weiblichkeit sein, doch um das wirklich ausdifferenziert leisten zu können, fehlt ihr leider schlicht die textliche Raffinesse. Das heißt aber nicht, dass das Album ohne Aussage im inhaltsleeren Raum schwebt. Im Hinblick auf den Konflikt zwischen dem wahren und dem fremdartigen, von äußeren Einflüssen bestimmten Ich liegt der Schluss nahe, dass beide Instanzen nicht ohneeinander sein können. Hills Debüt wäre nichts ohne die fundamentale Arbeit seiner Produzenten und Songschreiber, ebensowenig wie die Kompositionen ohne Hills Vortrag irgendeine Form von Existenzgrundlage hätten. Auch wenn sie erst am Anfang ihrer künstlerischen Selbstfindung steht, ist es eine Freude, dass sich Kacy Hill dazu entschlossen hat, ihre Maske abzunehmen und die Welt an ihrer großartigen Musik teilhaben zu lassen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Like a woman
  • Hard to love
  • Arm’s length
  • Clarity

Tracklist

  1. Like a woman
  2. Keep me sane
  3. Cruel
  4. Hard to love
  5. Static
  6. First time
  7. Arm's length
  8. Interlude
  9. Clarity
  10. Lion
  11. Say you're wrong
  12. Am I

Gesamtspielzeit: 40:26 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-07-19 21:46:33 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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