Callejon - Fandigo

Callejon- Fandigo

People Like You / Century Media / Sony
VÖ: 28.07.2017

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Mit Biegen und Brechen

Vergessen wir einfach mal alles, was passiert ist. Lassen wir die anbiedernden Kooperationen mit K.I.Z. oder Bela B beiseite. Kehren wir die sonderbare Deutschtümelei, als sich "Kallejon" quer durch die größten Party-Hits aus deutschen Landen coverten, unter den Teppich. Ja, auch die für das Genre ungewöhnlich hohen Chartplatzierungen berücksichtigen wir nicht – wen kümmern diese ohnehin? Lassen wir auch die abgrundtiefe Vergötterung seitens vieler Post-Emocore-Teenager für die ewig wilden Kerle aus dem Rheinland außer Acht, denn diese werden bei "Fandigo" sowieso erst einmal mit offener Kinnlade dastehen. Lassen wir das alles hinter uns, alle Vorbehalte, Klischees und Emotionen, die Callejon so umschwirren, und betrachten wir, was sich auf dem sechsten Studioalbum der fünf Metalcore-Shootingstars so abspielt.

Wie jetzt, wabernde Synthies, dramatische Vocoder-Stimmen, hingezupfte Flanger-Gitarren? Wo bleibt bitte das Brett? Dazu presst Sänger Bastian "BastiBasti" Sobtzick die gequälten Zeilen hervor: "Zwischen mir und Dir liegt mehr als nur der Himmel / Zwischen mir und dir liegt der Riss in uns". Der Intro-Track markiert auch gleich die neue Stoßrichtung. Denn Callejon haben die 80er für sich entdeckt, und kombinieren sie nun mit dem, was sie schon immer gemacht haben: hyperemotionalen Lyrics und dicken Riffs, irgendwo zwischen Killerpilze, Tokio Hotel und Rammstein. Wobei die Drogen-sehnsüchtige Single "Utopia", einer der besseren Tracks auf dem Album, die alte Wut verinnerlicht hat. Doch sie kommt konserviert und wohldosiert und daher, keine volle Breitseite. Stattdessen riesige Kontraste zwischen zerbrechlich und massiv, stets im edlen Gewand der Hochglanz-Produktion mit Feinschliff von Kraftklub-Veredler Moritz Enders.

Beim dritten Track "Pinocchio" ist es in der zweiten Minute soweit: Der erste Metalcore-Brüllschrei. Dazu gechoppte Synthies und stumpfe Riffs, aber keine Sorge – gleich gibt's wieder die Überdosis Melodie. Das gleiche Konzept zieht sich auch durch "Hölle Stufe 4": Große Gefühle über schwerem Elektro-Bass und breitbeinigem Stadion-Rock – "ich ficke meine Seele". Alles klar, wir haben verstanden. Die kurze, aber willkommene Verschnaufpause "Ø" erinnert an den Soundtrack des Arthouse-Western "Dead man", nur dass dabei Neil Young die erdigen Gitarren-Akkorde schöner flirren lässt. Dieses Zwischenspiel ist insofern auch nötig, da beim folgenden "Das gelebte Nichts" der Name Programm ist. Anspielungen auf innere Plan- und Ziellosigkeit in Zeiten der Selbstoptimierung kreisen um sinnbildliche musikalische Belanglosigkeit. Doch beim Up-Beat-Partykracher "Noch einmal" darf wieder gesprungen werden: Hände hoch, "Woo-hoo"-Gesänge. Die fast schon wehmütig-schmalzige Zeile "Erwachsensein, um alt zu werden, ist immer noch nicht leicht" klingt aus der Feder der ewig Berufsjugendlichen etwas sonderbar. Und bei Titeln wie der Düster-Hymne "Powertrauer" ist die Frage, ob Callejon überhaupt ernst genommen werden wollen, durchaus berechtigt. Beim Schlusslicht "Fandigo umami" rumpelt dann noch ein kurzer Blastbeat-Einwurf herein, der von sphärisch-düsteren Synthies abgelöst wird, um die musikalische Fortentwicklung noch einmal auf den Punkt zu bringen. Es geht um Kannibalismus und Vergänglichkeit – die Geschichte eines fanatischen Fans, der seine Idole verspeist. Und hiervon können Callejon mit Sicherheit ein Lied singen.

Im Vorfeld verkündete BastiBasti, dass "Fandigo" nicht jeder verkraften wird. Die Frage ist: Muss man es überhaupt? Die Düsseldorfer haben wieder einmal versucht, sich auf biegen und brechen neu zu erfinden – nachdem sie damit schon in mehreren Versuchen, sagen wir mal, nicht unbedingt erfolgreich waren. Doch Callejon – das muss man ihnen zu Gute halten – lassen seit mehr als 15 Jahren nicht locker. Da wird so lange optimiert, "bis es geil ist". Das Ergebnis kommt schließlich im Hochglanz-Limited-Deluxe-Paket inklusive Badetier und Regenschirm. Die Fans wollen schließlich bedient werden. Und für alle anderen ist "Fandigo" wahrscheinlich sowieso nichts.

(Felix Mildner)

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Highlights

  • Utopia

Tracklist

  1. Der Riss in uns
  2. Utopia
  3. Pinocchio
  4. Hölle Stufe 4
  5. Monroe
  6. Ø
  7. Das gelebte Nichts
  8. Noch einmal
  9. MIt Vollgas vor die Wand
  10. Powertrauer
  11. 11°19'0"N, 142°15'0"O
  12. Nautilus
  13. Fandigo umami

Gesamtspielzeit: 52:44 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
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2017-07-23 22:53:11 Uhr
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Armin

Postings: 9540

Registriert seit 08.01.2012

2017-07-19 21:45:38 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 9540

Registriert seit 08.01.2012

2017-05-26 16:27:43 Uhr - Newsbeitrag

Callejon werden am 28. Juli 2017 ihr neues Album "Fandigo" bei People Like You Records/Century Media veröffentlichen. Das Video zur ersten Single "Utopia" ist ab sofort online. Im Sommer und Herbst sind Callejon live zu sehen.

Berlin, 26.05.2017
Callejon kündigen ihr neues Album für den 28. Juli 2017 bei People Like You Records an. "Fandigo" wurde von der Band selbst produziert und von Moritz Enders gemischt. Die fünfköpfige Band aus Düsseldorf veröffentlicht den Song "Utopia" als erste Single samt Musikvideo. Regie führte Sänger BastiBasti, der neben seiner Rolle als Frontmann auch der visuelle Kopf der Band ist.



"Fandigo" ist das sechste Studioalbum von Callejon, die sich in den letzten Jahren zu einer echten Institution in der deutschen Rockmusik-Landschaft entwickelten. Die letzten drei Alben erreichten allesamt die Top10 der deutschen Albumcharts.

Im Sommer werden Callejon auf einigen Festivals zu sehen sein, unter anderem dem Hurricane/Southside und With Full Force. Im Herbst werden Callejon dann gemeinsam mit Papa Roach und Frank Carter & The Rattlesnakes auf Tour sein.

09.06.2017 CH-Interlaken, Greenfield Festival
16.06.2017 AT-Nickelsdorf, Nova Rock
22.-24.06.2017 Gräfenhainichen, With Full Force
23.06.2017 Neuhausen ob Eck, Southside Festival
25.06.2017 Scheeßel, Hurricane Festival
01.07.2017 Münster, Vainstream Festival
07.07.2017 IT-Klobenstein, Rock im Ring
08.07.2017 Bonn, Rockaue
15.09.2017 Hamburg, Sporthalle*
16.09.2017 Berlin, Velodrom UFO*
20.09.2017 AT-Wien, Gasometer*
21.09.2017 München, Zenith*
23.09.2017 CH-Winterthur, Eulachhalle*
25.09.2017 Ludwigsburg, MHP Arena*
27.09.2017 Fürth, Stadthalle*
28.09.2017 Offenbach, Stadthalle*
03.10.2017 Oberhausen, Turbinenhalle*
*mit Papa Roach, Frank Carter & The Rattlesnakes

"Fandigo" von Callejon erscheint am 28. Juli 2017.
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