Ali As - Insomnia

Ali As- Insomnia

Embassy Of Music / Warner
VÖ: 30.06.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Deluxe Record

Kaum jemand versteht den Promo-Wahnsinn im Rapgeschäft so gut wie Ali As. In Strukturen, in denen sich Chartplatzierungen mittels Deluxe-Boxen pushen lassen, stellt sich der Münchner Rapper zwar mitten in die Manege der Produktvermarktung, aber zieht seinen Marktschreier-Job mit weitaus mehr Verve durch als viele seiner Kollegen. Es gibt bestimmt nicht wenige, die tatsächlich daran glauben, dass die Custom Made Cazal-Schlafbrille aus der Designer-Ausführung des Albums ihr Leben besser macht. Diesen Nachdruck muss man seinen Inhalten erstmal verleihen. Durch das Format "Dissen für Promo", das Ali As natürlich in die Kampagnen vor seinen Releases einbindet, erklärt er bereits im Titel, wie Deutschrap funktioniert. Die paar Tage länger in der Industrie erweisen sich als nützlicher Ratgeber. Wer die Rap-Blase sich ausdehnen und platzen gesehen hat, der versteht, welche Knöpfe er heutzutage drücken muss. Die Beweihräucherung der eigenen Person ist da seit jeher ein beliebtes und unterhaltsames Stilmittel.

An Talent hat es nie gemangelt. Schon Samy Deluxe erkannte das lyrische Potenzial und signte den Rapper, als dieser noch das "$"-Zeichen in seinem Namen trug. Infolge des krachenden Untergangs von Deluxe Records verschwand der wortgewandte MC ziemlich lange von der Bildfläche. Über die Alben "Amnesia" und "Euphoria" kämpfte er sich jedoch zurück ins Blickfeld und führt mit "Insomnia" nach Vergesslichkeit und Euphorie nun die Schlaflosigkeit als Thema ein. Zwischen diesen Veröffentlichungen lag jeweils nur der Zeitraum eines Jahres. Das mit diesem Arbeitspensum einhergehende Ruhedefizit scheint keine Phrase, sondern ein Zustand zu sein. Der Münchner pakistanischer Abstammung bleibt dabei trotzdem aufgeweckt und ist rhetorisch mindestens so geschickt wie Kollegah. Allerdings hat er es verpasst, sich ein unabwaschbares Etikett zu verpassen. Es ist fast unmöglich, ihm ein passendes Image zuzuschreiben. Für die meist junge Käuferschicht bleibt er ohne viele Anknüpfungspunkte. Anhimmelbare Posterboys und skizzenhafte Actionfiguren sind andere Protagonisten.

Dennoch erreicht er seine loyale Twitter-Gefolgschaft durch Wortneuschöpfungen und pointierten Social-Media-Humor. Trotz oder wegen der unbesetzten Schublade erhält er mittlerweile sein Stück vom Kuchen bzw. sein Hak (der rap-affine User kennt den Ausdruck). Von den übermäßig anbiedernden Radiosongs wie dem goldprämierten "Squaredance" des Vorgängers "Euphoria" ist zum Glück weniger auf der Platte zu finden. Der Punchline-Köcher hingegen ist gut gefüllt. "Pfeil & Bogen" nimmt die beliebten Doppeldeutigkeiten und kleinen Denkübungen ins Visier: "Auf dem Sprung wie ein Zehnkämpfer mit Luxussonnenbrill'n im Dezember / Weil ich den Jet erwischen muss wie Putzkolonnen beim VW-Händler." Mit besagtem Kollegah, mit dem Ali As sich regelmäßig in einer Whatsapp-Gruppe über Punchline-Ideen austauschen soll, steigert sich "Asche auf Balmain" zu einem Kräftemessen in Wortspielerei. Das "feudale Life" wird zünftig ausgeschmückt und der eigene Status irgendwo dorthin gehoben, wo keine Gegner mehr auszumachen sind. Das übliche Abgrenzungsspiel wird generell bedeutend kreativer bestritten als bei der Konkurrenz. Aus diesem Verbal-Turnen à la "Cobra Kai Dojo Style" ließe sich locker eine ganze Platte schustern. Es steht dem Rapper auch am besten, wenn er launig von seinen Vorzügen erzählt.

Der Tiefgang und die Sozialkritik treten ironischerweise mit dem eher krawalligen Rap-Duo SXTN auf den Plan. Samt der Hook-Melodie eines urdeutschen Volksliedes liefert "Von den fernen Bergen" sehr viel unbequeme Wahrheit über Einwanderung und antiquiertes Denken. Für die Beats zeigen sich größtenteils David x Eli verantwortlich, die es beherrschen, Ali As die Steilvorlagen für seine einschneidende Sprachakrobatik zu liefern. Dem Punchline-Experten werden diverse Ghostwriting-Aktivitäten nachgesagt. Allerdings hält er sich bedeckt, woran er so mitgeschrieben hat. Vermutlich war es eher Fließband-Arbeit für die Gema-Kohle als Vorzeige-Texte, die das Renommee erhöhen könnten. Die eigene Laufbahn entwickelt sich ja gerade in die richtige Richtung. Das Album schafft eine gelungene Balance aus Ego-Übungen und selbstreflexiven Passagen. Wenn das Tempo gleich bleiben sollte, kommt 2018 der Folgewurf und damit neue Premium-Bars und Designer-Stücke für die treuen "Moisolinis".

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Königshallen
  • Cobra Kai Dojo Style
  • Insomnia
  • Stuntman

Tracklist

  1. Königshallen
  2. Pfeil & Bogen
  3. Senden an alle
  4. Cobra Kai Dojo Style
  5. Asche auf Balmain (feat. Kollegah)
  6. Insomnia
  7. Kilimandscharo/Nachtwache feat. Kolja
  8. Von den fernen Bergen (feat. SXTN)
  9. Jasmina (feat. Joshi Mizu)
  10. Verfolgt von Ferraris
  11. Ich drifte (feat. Prinz Pi)
  12. Liebe in Zeiten des Krieges
  13. 111
  14. Stuntman
  15. Mercedes

Gesamtspielzeit: 51:41 min.

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Armin

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2017-07-19 21:45:16 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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