The Tangent - The slow rust of forgotten machinery

The Tangent- The slow rust of forgotten machinery

InsideOut / Sony
VÖ: 21.07.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Im Sinne der Anklage

Ah, wie schön ist es doch, wenn man mal wieder so richtig mit Klischees um sich werfen darf. Wie zum Beispiel mit dem, dass Progressive Rock allzu oft selbstverliebtes Gewi... äh... eher eigennützige Liebkosung des jeweiligen Musikinstruments ist. Was mitunter durchaus stimmt. Oder dass Prog-Alben bei der heutigen Aufmerksamkeitsspanne komplett an den Hörern vorbei laufen. Na klar: Wo findet man heutzutage noch Platten, die mit gerade einmal fünf Songs 74 Minuten Spielzeit füllen? Der schönste Gemeinplatz ist jedoch, dass Prog-Lyrics üblicherweise sinnentleertes bis bestenfalls eskapistisches Gelaber sind, ohne das man besagte 74 Minuten aber im Kopf nicht aushalten würde. Eine Ansicht, die Andy Tillison vermutlich nicht teilt. Denn jener ist dafür bekannt, dass er eben nicht nur von einsamen Einhörnern und fröhlich trällernden Elfen singt, sondern seiner Band The Tangent durchaus nachdenkenswerte Texte verordnet.

Nun könnte man wiederum unterstellen, in einem ohnehin tendenziell nerdigen Genre sei dies eher redundant. Doch das tangiert – Wortspiel nicht beabsichtigt – Tillison auch auf "The slow rust of forgotten machinery" bestenfalls marginal. Denn "Two ropes swing", der Opener des bereits neunten Studioalbums, brennt zwar direkt ein Feuerwerk höchsten musikalischen Niveaus ab. Gleichzeitig jedoch stellt der Prog-Veteran die in furiose Keyboard-Läufe eingebettete These auf, dass Afrika überwiegend aus einer bunten Kinderbuch-Fantasie besteht, in der absurderweise Löwen und Tiger im Dschungel fröhlich nebeneinander leben. Wie also soll da Empathie für den schwarzen Kontinent entstehen? Eine berechtigte Frage, die mit Hilfe des augenzwinkernd betitelten "Doctor Livingstone (I presume)" noch eine Weile im Raum stehen bleiben darf. Bis sich dann die Qualität des zwölfminütigen Instrumentals Bahn bricht, eine grandiose Mischung für den Kopfhörer aus neuzeitlichem Prog, der es bisweilen gar heftig krachen lässt, wilden Jazz-Improvisationen und verzwickten Canterbury-Rhythmen.

Richtig: Das klingt alles very british und very nach Einflüssen von Yes, Van Der Graaf Generator oder Emerson, Lake & Palmer. Ganz und gar nicht britisch allerdings ist die Deutlichkeit, mit der Tillison seinen Landsleuten in "Slow rust" die Leviten liest. Und ja, angesichts der Abrechnung mit der lokalen Presse, die bekanntermaßen einer zünftigen Sensationsmeldung inklusive Hatespeech und Fake News nicht abgeneigt ist, könnten hier auch einem gewissen Donald T. die Ohren klingeln. "When the helpless are a threat / What does that say about the rest of us?" – nur einer der diversen Anklagepunkte, die "Slow rust" in ihrem Zorn bisweilen zu einem durchaus aggressiven Rocker wachsen lassen, immer wieder angetrieben durch wütend peitschende Keyboard-Angriffe, unterfüttert vom wüst pumpenden Bass des schwedischen Prog-Urgesteins Jonas Reingold. Was sich aber zunächst nach zwei Minuten Punk-Gewitter liest, sind in Wahrheit über 22 Minuten Progressive Rock vom Feinsten. Langweiliges Gehobel? Nicht im Geringsten.

Beim abschließenden "A few steps down the wrong road" gehen The Tangent dann allerdings komplett in die Vollen. Nicht dass der Song zu Beginn schlecht wäre, beileibe nicht. Aber ab etwa Minute 13 bricht das Gewitter so richtig los. Plötzlich brettern wüste Punk-Riffs durch die Lautsprecher, werden von Querflöten abgelöst, nur um kurz danach weiter auszurasten. Bis dann die komplette politische Elite Großbritanniens ihr Fett wegbekommt: Mit hörbar geschwollener Halsschlagader geifert Tillison seinen Unmut über den Brexit und die Folgen heraus. Merke: Auch Progger können zornig sein. Die Zornesröte steigt dem Hörer beim Genuss von "The slow rust of forgotten machinery" hingegen ganz und gar nicht ins Gesicht, eher schon ein freudiges Lächeln. Denn The Tangent glückt der vor allem im Progressive Rock schwierige Spagat zwischen textlichem und musikalischem Anspruch äußerst eindrucksvoll. Besonders, da es den Briten gelingt, in ihren überlangen Songs so gut wie keine Langatmigkeiten aufkommen zu lassen. Die Botschaft mag irgendwann vom politischen Zeitgeschehen weggewischt werden. Die Klasse der Musik dürfte bestehen bleiben. Auch wenn sie nicht in 144 Zeichen passt.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Slow rust
  • A few steps down the wrong road

Tracklist

  1. Two ropes swing
  2. Doctor Livingstone (I presume)
  3. Slow rust
  4. The sad story of lead and astatine
  5. A few steps down the wrong road

Gesamtspielzeit: 74:31 min.

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Armin

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2017-07-12 21:07:27 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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