Vince Staples - Big fish theory

Vince Staples- Big fish theory

Def Jam / Universal
VÖ: 23.06.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das nächste Level

In jungen Jahren Großes zu vollbringen, kann zum Fluch werden. Die Liste der Künstler, die ein Lied davon singen können, ist lang. Mit "Summertime '06" machte sich der damals 22-Jährige Vince Staples nach einer Reihe von Mixtapes endgültig einen Namen in der HipHop-Welt. Das Album vereinte komplexe Beats mit dichtem Storytelling wie kaum ein anderer Release des Jahres 2015. Kendrick war vielleicht der King, Vince aber mindestens der Kronprinz. Mit "Big fish theory" legt Staples nun ein Zweitwerk vor, das derlei Vergleiche ad absurdum führt. Hier werden Türen nicht nur aufgestoßen, sondern aus den Angeln gesprengt. Über dieses Album wird noch in einigen Jahren gesprochen werden.

Eines der absoluten Highlights ist "Yeah right". Gemeinsam mit Kendrick Lamar zerlegt Staples einen wüsten Beat von Sophie und Flume in alle Einzelteile. Die Art und Weise, wie die beiden MCs mühelos diverse Flows binnen weniger Verse durchexerzieren, macht sprachlos. Die den Track in der Mitte zerschneidende Bridge von Kucka setzt dem Ganzen dann die Krone der Schöpfung auf. Überhaupt, die Beats: Was Produzenten wie GTA, Zack Sekoff und Jimmy Edgar veranstalten, hat man so noch nicht gehört. Stark beeinflusst von House und Techno vereinen sie klassische Westcoast-Elemente mit zeitgenössischen Trademarks wie kristallinen Handclaps oder durch den Effektwolf gedrehten Stimmsamples. So bleibt von Damon Albarns Organ in "Love can be ..." nicht viel mehr als ein im Mix versinkendes Blubbern zurück.

Trotz diverser namhafter Gäste steht jederzeit Staples im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Bei manchen Tracks erfährt man ohnehin nur durch den Blick auf die Gästeliste, wer beteiligt war. Dem Opener "Crabs in a bucket" hört man beispielsweise das Mitwirken von Justin Vernon kaum an, stattdessen verewigt Staples Zeilen wie "Feds takin' pictures doin' play by play / They don’t ever want to see the black man eat" auf einem astreinen UK-Garage-Beat. Die Lyrics auf "Big fish theory" sind allerdings selten so eindeutig. Der Kalifornier agiert im Vergleich zu "Summertime '06" deutlich vager und bildhafter. Immer wieder lässt er Assoziationen freien Lauf, weshalb sich eine intensivere Beschäftigung mit den Texten wirklich lohnt.

So wirkt "Homage" zunächst wie klassisches Gebooste. "These niggas won't hold me back", wiederholt der Rapper in der treibenden Hook. Erst ganz am Ende wird offenbart, dass der Schein trügt. Kilo Kish haucht ebenso unbeteiligt wie boshaft "Your face, that smile, I see you / Nowadays I don't see you / Mostly 'cause I don't need to" und entlarvt Staples' Selbstbeweihräucherung als leere Phrasendrescherei. Am eindeutigsten wird der Rapper in dem Banger "BagBak": "Tell the government to suck a dick, because we on now / Tell the president to suck a dick, because we on now" spuckt er ins Mikro. Ob das jetzt unter jugendlichem Revoluzzertum oder verkürzter Kritik verbucht wird, liegt im Ermessen des Rezipienten.

Das, was "Big fish theory" aus der Masse der Rap-Alben herausragen lässt, ist seine künstlerische Vision. Musik, Text und Style ergeben eine Einheit. Staples greift nicht einfach Trends auf, sondern setzt neue. Ist das jetzt "Afro-Futurism"? Etikettierungen mögen bisweilen nützlich sein, in diesem Fall sind sie jedoch überflüssig. Das hier ist HipHop in seiner reinsten und unverfälschtesten Form. Beats und Raps und Attitüde. Oder um es mit den Worten des Künstlers zu sagen: "This day forward, I ain't takin' photos / And we wear our own clothes, we ain't givin' promo no mo'." Damn.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Crabs in a bucket
  • Yeah right
  • Homage
  • BagBak

Tracklist

  1. Crabs in a bucket
  2. Big fish
  3. Alyssa interlude
  4. Love can be ...
  5. 745
  6. Ramona Park is Yankee Stadium
  7. Yeah right
  8. Homage
  9. SAMO
  10. Party people
  11. BagBak
  12. Rain come down

Gesamtspielzeit: 35:56 min.

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User Beitrag

MopedTobias

Postings: 7886

Registriert seit 10.09.2013

2017-07-08 14:54:01 Uhr
Finde Big Fish Theory musikalisch interessanter als Damn, letzteres war aber atmosphärisch etwas dichter. Würde die Alben ungern gegeneinander gewichten wollen, sind beide solide 8er, ebenso wie Loyle Carners Yesterday's Gone. Summertime '06 hätte sie dieses Jahr aber alle kassiert.

MopedTobias

Postings: 7886

Registriert seit 10.09.2013

2017-07-06 21:10:07 Uhr
Das Beyonce-Album hab ich mir gekauft und es nicht bereut.
Schwarz (der echte)
2017-07-06 20:48:41 Uhr
Hab das Beyoncé Album ja immer noch nicht gehört wegen diesem Exklusiv-Quatsch.

Cocoon

Postings: 27

Registriert seit 09.06.2014

2017-07-06 19:26:44 Uhr
das enzige album, das da bisher mithalten kann, ist 4:44, dabei mag jay-z nicht mal wirklich.

wundert mich ehrlich gesagt auch, warum das hier bisher auch noch nicht so groß erwähnt wurde. aber pitchie gab ja heute BNM, von daher kommt es hier wohl auch bald an...


Solange das nur exklusiv bei einem Nischen-Streaming-Dienst zu hören ist, hat der Artist wohl auch kein Interesse daran, dass möglichst viele Leute das Teil hören. Neugierig drauf bin ich aber auch.
Schwarz (der echte)
2017-07-06 18:58:32 Uhr
Naja, Fantano fand ja auch DAMN eher nicht so geil. Auf seine Hip Hop Reviews geb ich allgemein nicht viel.

Staples konnte mich aber tatsächlich nur auf Summertime überzeugen.
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