SZA - Ctrl

SZA- Ctrl

Top Dawg / RCA / Sony
VÖ: 09.06.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schwester S

Als einzige Frau auf einem Label mit diversen US-Rap-Schwergewichten ist es sicherlich nicht einfach. Wenn man sich und seine Kunst nicht so richtig ernst genommen fühlt, wirkt jede Wut berechtigt. Solána Imani Rowe, die sich hinter dem Kürzel SZA verbirgt, hatte die Schnauze voll. Sie giftete gegen einen der Top-Dawg-Entertainment-Chefs auf Twitter, weil sie sich derart hingehalten fühlte. Die Veröffentlichungsstrategie des erfolgreichen HipHop-Unternehmens um die Zugpferde Kendrick Lamar und Schoolboy Q deckelte den Tatendrang der untriebigen Künstlerin, die einfach nur ihre Musik unter die Leute bringen wollte. Die Jahre zuvor rotierte sie mehr als Hilfskraft für jedermann durch verschiedene Diskografien. Wenn eine Hook oder eine unverbrauchte weibliche Stimme gebraucht wurde, war meist SZA da. Rihanna ist neben den Labelkollegen wohl die prominenteste Nutznießerin dieser Solokarriere in einer Sackgasse. Umso bemerkenswerter, dass "Ctrl" nach einigem Hin und Her nun doch noch das Tageslicht erblickt hat. Nicht nur deswegen ist das Album, das nach einer EP und zwei Mixtapes das erste Studiowerk der Mittzwanzigerin darstellt, besonders geraten. Und zwar besonders gut.

Mit ein wenig Glauben an Karma und den Grundsatz des Gebens und Nehmens wirkt die Trackliste von "Ctrl" auch wie eine Aufstellung der ausgleichenden Gerechtigkeit. In einer Rap-Welt, in der Kendrick Lamar wohl zum wichtigsten Sprachrohr avanciert ist, fügt er sich mit seinem Feature-Part in ein Gefüge, das männliche Genre-Dominanz nur als Kulisse nutzt, um die persönlichen Vorstellungen auszubreiten. Er ermutigt seine Songpartnerin sogar dazu, ihre weibliche Wahrheit zu verbreiten: "Solána, middle fingers up, speak your truth." Ein anderer ordnet sich der Sängerin schon vor diesem Appell fast sanftmütig unter. Der stets vor Energie überschäumende Travis Scott wird nicht nur im Video zu "Love galore" auf unorthodoxe Weise gezähmt. Dabei steht bereits der erste Song "Supermodel" nicht minder für den femininen Blickwinkel auf die Beziehungsmuster von heute. Das Stück erinnert in seiner Luftigkeit mit der Akustikgitarre des Öfteren an Frank Oceans "Blonde". Der Schlagzeugeinsatz kommt spät und das flehende "I need you" erst nachdem die Frau klargemacht hat, dass sie mit einem Kumpel des Ex-Freunds im Bett war.

Natürlich ist nicht überall eitel Sonnenschein für das vermeintlich schwache Geschlecht. Die Testosteron-Front der Musikwelt begreift die Triebjagd oft als Treibjagd in eine Richtung. Diesem fehlgeleiteten Gedanken sitzt SZA nicht auf. Ihre dominante Seite kippt mehrmals in Selbstzweifel. "Drew Barrymore" ist ein gesungenes Motiv für diese Unsicherheit. Ein ungefestigter Status, ein Taumeln in den Optionen des 21. Jahrhunderts haftet der Generation Smartphone per se an. Somit enthält das Dasein der Wochenend-Partie in "The weekend" keine Verteufelung eines Liebesdreiecks auf Zeit. Die Zeilen spiegeln sogar die Aussicht auf Glück, ohne dem kruden Ideal hinterhecheln zu müssen, dass der Mann im Zentrum allen Handelns stehe. Die Lyrics stechen größtenteils als impulsiv und lebensnah hervor. Die Rolle der momentanen Grand Dame des R'n'B ist sowieso an Beyoncé vergeben. Also nutzt SZA ihre Freiheit, um sich auf verwaschenen Produktionen auszutoben. "Pretty little birds" mit dem unterschätzten Isaiah Rashad erreicht beispielsweise in der Mitte den Status eines schmutzigen Jazz-Duetts. Sexuelle Ausschweifungen kommen auf dieser Platte zu Genüge vor, aber meiden das allzu Mystische, das The Weeknd zum Superstar gemacht hat. Es ist durch und durch das echte Leben einer "20 something". So heißt der letzte Song, der wieder an "Blonde" erinnert und die Klammer schließt – ein Album wie eine herzliche Umarmung.

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Supermodel
  • Love galore (feat. Travis Scott)
  • Drew Barrymore
  • Pretty little birds (feat. Isaiah Rashad)
  • 20 something

Tracklist

  1. Supermodel
  2. Love galore (feat. Travis Scott)
  3. Doves in the wind (feat. Kendrick Lamar)
  4. Drew Barrymore
  5. Prom
  6. The weekend
  7. Go Gina
  8. Garden (Say it like dat)
  9. Broken clocks
  10. Anything
  11. Wavy (Interlude) (feat. James Fauntleroy)
  12. Normal girl
  13. Pretty little birds (feat. Isaiah Rashad)
  14. 20 something

Gesamtspielzeit: 49:13 min.

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User Beitrag

Otto Lenk

Postings: 516

Registriert seit 14.06.2013

2019-01-08 23:05:20 Uhr
Das Album hat echt mehr Beachtung verdient. Mittlerweile tendieren meine Ohren zu einer 8,5. Dieses Jahr wird ihr neues Album erscheinen. Ich freue mich schon riesig auf dieses RnB/HipHop-Highlight.

Mister X

Postings: 2459

Registriert seit 30.10.2013

2017-11-21 08:52:30 Uhr
den refrain von drew barrymore hat es in aehnlicher form schon mal gegen
god bless us
2017-07-06 16:49:00 Uhr
höre das album nach wie vor gerne. ist sogar noch ein stück gewachsen. rezi okay, wenn auch 1-2 punkte zu wenig in der bewertung.
ihre stimme ragt sicherlich nicht sonderlich raus aber es sind dennoch so viele gute tracks mit großartigen melodien drauf, die es nach oben reißen. 20 something berührt mich gerade doch sehr. dieser "god bless us"-moment am ende hat was.

hätte es jedenfalls hier gerne als album der woche gesehen. aber das ging ja ungerechter weise an vincent stummel.

Armin

Postings: 15175

Registriert seit 08.01.2012

2017-07-05 21:11:06 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
Schwarz (der echte)
2017-06-27 23:51:14 Uhr
Hatte mich schon gewundert, warum es hier gar keinen Thread gibt. Bisher noch vor Kendrick mein Album des Jahres. So hätte ich mir Blond(e) gewünscht.
Zum kompletten Thread

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