Trevor Sensor - Andy Warhol's dream

Trevor Sensor- Andy Warhol's dream

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 16.06.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das Leben als Kunstwerk

Dabei sein ist alles? Pah, so ein käsiger Quatsch. Berühmt sein, das ist alles! Und heutzutage ist es nun wirklich einfacher denn je. Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt – scheinbar vor allem, wenn sie richtig dumm sind. Klar, dass man sich mit Müll nur selten ewig an der Spitze der Fame-Skala halten kann. Manchen Menschen reichen ja aber auch ihre 15 Minuten des Ruhms. Jener Ausdruck stammt von Andy Warhol, der damit bereits 1968 eine mittlerweile erschreckend realistische Zukunftsvision ausgeschmückt hat. Ebendiese berüchtigte Viertelstunde ist auch die Inspiration hinter "Andy Warhol's dream", dem Debütalbum von Trevor Sensor. Der braucht für seinen Standpunkt etwas mehr Zeit: Nur gut 36 Minuten benötigen die elf Songs, in denen es um den stetigen Drang nach Aufmerksamkeit geht. Oder auch um die Ambivalenz der strengen Gottesfurcht in weiten Teilen der USA und der ebenfalls dort wie kaum in einem anderen Land vorherrschenden Verehrung irgendwelcher Reality-TV-Sternchen.

"Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" ist mittlerweile eben mehr Vorschlag als Gebot, und Sensor nimmt ihn gern an: Auf "Andy Warhol's dream" wandelt der 23-Jährige tatsächlich geradezu traumartig zwischen den Kontrasten. Gesichter werden zu Fratzen, vermeintlich poppige Melodien zu Horror-Arien. Mit der Unterstützung von Richard Swift (The Shins), Brandon Darner (Imagine Dragons) und Foxygens Jonathan Rado schuf er ein Album, das nicht nur thematisch, sondern auch musikalisch durchaus in Warhols 1960er passt – und doch aktuell wie eh und je ist. Rados Einfluss hört man dem Werk bereits von der ersten Minute an, wenn der flowerpoppige Opener "High beams" seine Emotionen ablädt. Nicht selten verwandelt sich der besungene Traum von Warhol ins Gegenteil: "In Hollywood, everyone is plastic" heißt etwa einer der Songs und gar nicht lustig ist auch das, was der Spiegel im düsteren Titeltrack des Albums zurückwirft. Die Welt wirkt silbern und doch unecht, alles und jeder ist kaputt – und das Spiegelbild ist nüchtern, nackt und verängstigt. Da kann es einem schon anders werden.

Lieber schnell an was Schönes denken, zum Beispiel an das bezaubernd hübsche Model Edie Sedgwick. Die war Teil von Warhols "Superstar"-Gang, wohl das erste It-Girl überhaupt – und starb 1971 viel zu früh im Alter von 28 Jahren an einer Überdosis. Himmel trifft Hölle, auch im mutmaßlich nach ihr benannten Song "Sedgwick", in dem Sensor sich die Glam-Rock-Kutte überwirft und scheinbar nebenbei die mitunter traurigsten Zeilen des Albums ausspricht: "I can't live here no more." Manche Sterne verglühen eben zu schnell. Sensor selbst sieht sich offenbar nicht als solcher, viel lieber greift er danach: "It wasn't good enough" startet akustisch und steigert sich immer wahnwitziger hinauf in die Wolken, explodiert kurz vorm Mond und regnet als beeindruckendes Feuerwerk wieder auf die Erde hinab. Derweil setzt "The money gets bigger" von Anfang an auf die ausladende Geste und rockt sich breitbeinig und mit offenem Blümchenhemd quer die TV-Landschaft, direkt auf die große Bühne des Lebens, um dort kurz vor Schluss erschöpft zu Boden zu gehen. Für Warhol war die Kunst sein Leben – für andere ist das Leben eine Kunst. Und hier stimmt es wirklich: Dabei sein ist alles.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • High beams
  • It wasn't good enough
  • Sedgwick
  • The money gets bigger

Tracklist

  1. High beams
  2. Lion's pride
  3. On your side
  4. The reaper man
  5. Stolen boots
  6. Andy Warhol's dream
  7. It wasn't good enough
  8. Sedgwick
  9. In Hollywood, everyone is plastic
  10. The money gets bigger
  11. Starborne eyes

Gesamtspielzeit: 36:24 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-07-05 21:10:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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