J. Bernardt - Running days

J. Bernardt- Running days

PIAS / Rough Trade
VÖ: 16.06.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Linke Hand, rechtes Ohr

Irgendetwas vergessen auf dem Weg zur Soloalbum? Sich einen Künstlernamen ausdenken, den vielleicht nicht jeder auf Anhieb zuordnen kann? Check. Vollbart stehen lassen? Check. Und ist das da etwa eine Pornobrille? Falls ja, sollte Jinte Deprez sie lieber an seinen Balthazar-Kollegen Maarten Devoldere weiterreichen – der kann damit womöglich mehr anfangen, nachdem er das Debüt seines Projekts Warhaus ausgerechnet "We fucked a flame into being" betitelte. Denn Deprez denkt gar nicht daran, als J. Bernardt das gleiche sexy-schwüle Sixties-Croonertum aufzufahren wie Devoldere im Prachtstück "The good lie", das zudem mit einem phänomenalen Video punktete. Oder sich am melodiös ausladenden Indie-Rock seiner Hauptband zu orientieren. Will der Belgier mit "Running days" am Ende nur das eine?

Gemeint ist die sagenumwobene 10/10 bei Plattentests.de für Alt-J – und der Rezensent beneidet an dieser Stelle Kollegin Bähring mal kurz um ihre Fyfe-Überschrift "Strg + Alt-J + Entf". Diese wäre hier nämlich ebenso angemessen, da Deprez auf seinem Solo-Trip in die gleißende Salzwüste auch die streng strukturierten Knurpseleien des hochdekorierten Trios aus Leeds im Hinterkopf gehabt haben dürfte. "On fire" ist dabei vor allem der überhitzte Laptop, auf dem Deprez die zehn Stücke vornehmlich zusammenschraubt hat: Hinaus quillen schon im Opener knatternde Rhythmen und als zitterndes Metronom eine tonlose Gitarrenfigur, an denen sich der Chor der Geister entlanghangelt. HipHop hüpft auf einem Bein, R'n'B zieht das andere nach und gleichzeitig eine träge aufblühende Pop-Melodie hinter sich her.

Überhaupt kennt sich Deprez mit Pop vorzüglich aus – und weiß genau, wie weit er ihn auf skelettierte Beat-Spitzfindigkeiten herunterbrechen darf, damit die Songs weder an Eingängigkeit noch an über Stock und Stein rollendem Groove verlieren. "Calm down" will mit schmatzigen Synthie-Linien und selbstvergessener Vocal-Harmonie trotz minimalistischer Instrumentierung das gleiche große Drama wie "Madder red" von Yeasayer und hat sogar eine "Left hand free", um sich den Haarwuchs am rechten Ohrläppchen zu frisieren. Auch die Bläsersektion, die Deprez zuvor wohlweislich ins Powerbook gesperrt hat, läuft in der Folge heiß: beim trocken ächzenden, das Intro von Outkasts "Rosa Parks" zitierenden Hit "Wicked streets" zu windschiefer Streicherfläche, in "The other man" mit tapsigem Dubstep-Unterbau und strengen Klavier-Akkorden.

Trotz sparsamer Mittel mündet "Running days" also in oft bunt schillernde Vielfalt – ein präziser Gitarren-Loop macht "The question" gar zum Django-Django-Shuffle aus einem kosmischen Spaghetti-Western, in dem ständig desorientierte Rapper durch die Szenerie stolpern. Deprez brummelt dazu immer wieder missmutig "The joke's on me" – braucht sich jedoch nicht zu grämen, denn es handelt sich um einen von den Witzen, die immer besser werden, je öfter man sie erzählt. Und ist das somnambul an der Rezeption vorbeitorkelnde Piano-Hop-Interlude "Motel" verklungen, posaunt das Titelstück nach behutsamem Spannungsaufbau mit hochfahrendem Getröte noch einmal alles raus, was J. Bernardt an kontrollierter Opulenz zu bieten hat. Die 10/10 können wir zwar wieder vergessen – dieses Album aber keineswegs.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Calm down
  • The other man
  • The question
  • Wicked streets

Tracklist

  1. On fire
  2. Calm down
  3. The other man
  4. The question
  5. High low (Interlude)
  6. Wicked streets
  7. My own game
  8. The direction
  9. Motel
  10. Running days

Gesamtspielzeit: 40:52 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 15449

Registriert seit 08.01.2012

2017-07-05 21:07:38 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Otto Lenk

Postings: 523

Registriert seit 14.06.2013

2017-07-05 21:01:54 Uhr
Das Album klingt wie die logische Fortsetzung von 'This is all yours'. Ist die Scheibe, die sich Alt-J nicht getraut haben zu machen.

8/10

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