Haim - Something to tell you

Haim- Something to tell you

Vertigo / Universal
VÖ: 07.07.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Zwischen gestern und morgen

Vor mittlerweile vier Jahren sorgten drei Schwestern aus Los Angeles für eine Menge Trubel in der Musikwelt: Für den popverliebten R'n'B-Rock ihres tollen Debüts "Days are gone" erhielten Haim nicht nur hierzuseits euphorisches Kritiken. Was nicht heißen soll, dass alle begeistert waren: Es gab durchaus auch skeptische Stimmen, die mit den catchy Songs von Danielle, Este und Alana wenig bis gar nichts anfangen konnten beziehungsweise wollten. Sei's drum. Der Aufstieg zu einem global gefeierten Pop-Act war unaufhaltbar und ist es noch immer. Doch kann der nun erscheinende Nachfolger "Something to tell you" die hohen Erwartungen erfüllen? Oder scheitern die Musikerinnen, wie so viele vor ihnen, am Mythos der schwierigen zweiten Platte?

Bereits vorab veröffentlichten Haim mit "Right now" eine angenehm druckvolle, rhythmisch verspielte Nummer, die auch im Albumkontext positiv hervorzuheben ist, gerade weil sie einen etwas anderen Ton anschlägt. Eine Marschrichtung kann man daraus indes nicht ablesen: Die Schwestern fühlen sich in den anderen zehn Stücken der Platte schon sehr deutlich dem hittigen Sommerpop verpflichtet, der sich meist an Beziehungsthemen entlanghangelt, ansonsten aber so erfrischend daherkommt wie ein Calippo im Hochsommer. Interessant bleiben die Einflussgrößen: Freilich schwebt eine Menge 70s- und 80s-Pop mit, Fleetwood Mac hier, Belinda Carlisle dort, eh klar. Der Fokus hat sich jedoch ein wenig in Richtung 90s-R'n'B verschoben, TLC, frühe Destiny's Child, Aaliyah, sie alle haben Aktien im aktuellen Haim-Sound. Insbesondere das fingerschnippende "Ready for you" sollte man an dieser Stelle nennen: Man fühlt sich auf angenehme Weise an den Klang der Jahrtausendwende erinnert, als MTV noch relevant war und man selbst tage- und nächtelang auf den einen neuen Videoclip der Lieblingsband gewartet hat.

"Something to tell you" weckt also teilweise nostalgische Gefühle, ist auf der anderen Seite aber ein sehr zeitgemäße, heutige Platte. Schon allein der Opener "Want you back" wirkt wie frisch aus dem Ei gepellt, auf der Höhe der Zeit, locker, flockig, you name it. Das totzitierte Händchen für Hits kann man Haim letzten Endes einfach nicht absprechen, ganz gleich wie abgeschmackt eine solche Aussage klingen mag. Auch "Little of your love" geht ohne Umwege ins Ohr und lässt spielend leicht obsolete Grenzen zu vermeintlich herkömmlichen Pop-Acts verschwimmen. Logo: Wer diesen Song mag, der packt sich womöglich auch Katy Perrys "Bon appétit" auf den Sampler für die großen Ferien. Warum auch nicht? Für "You never knew" zitieren sich Haim dann direkt selbst, das eigene Werk ist schließlich immer noch die beste Referenz. Die neue Nummer versteht sich als eine Korrespondenz zum vermutlich größten Hit des Debüts, "The wire", wiederholt wohlbekannte Textzeilen in einem neuen Kontext und schlägt somit die Brücke zu "Days are gone".

Doch auch der feinen Melancholie wird auf dem zweiten Album ein wenig Platz eingeräumt: "Kept me crying" klingt dabei weitaus weniger weinerlich als es der Titel vermuten lässt. Und das folgende "Found it in silence" entwickelt in seiner leicht wolkenverhangenen Nachdenklichkeit regelrechte Hitqualitäten, die selbst den kritischen Chefredakteur euphorisch stimmen. Klar, all diese Ingredienzen waren in leicht veränderter Dosierung schon für den Erfolg des Erstlings verantwortlich, die große stilistische Weiterentwicklung treiben Haim mit dem zweiten Album also nicht voran. Vielmehr feilen Danielle, Alana und Este hier an ihrer Version großer Pop-Musik, die sich offen und klar zu ihren Wurzeln bekennt, dabei aber eben nicht zu oberflächlich und farblos bleibt. Künstlerischer Anspruch und Eingängigkeit sind hier also keine Antipoden, sondern gehen Hand in Hand. Leichter als Haim kriegt das derzeit wohl kaum jemand auf die Kette.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Want you back
  • Ready for you
  • Found it in silence
  • Right now

Tracklist

  1. Want you back
  2. Nothing's wrong
  3. Little of your love
  4. Ready for you
  5. Something to tell you
  6. You never knew
  7. Kept me crying
  8. Found it in silence
  9. Walking away
  10. Right now
  11. Night so long

Gesamtspielzeit: 42:34 min.

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musie

Postings: 1873

Registriert seit 14.06.2013

2017-07-11 08:34:53 Uhr
Mich erinnerts eklatant an Wilson Philips respektive eine moderne Variante davon. Bei jedem Lied von Haim hab ich Hold on im Kopf. Das kanns dann ja auch nicht sein.

Felix H

Postings: 1489

Registriert seit 26.02.2016

2017-07-11 00:49:11 Uhr
Haim ist mit Sicherheit kein Rock. Auch kein Indierock, was auch immer dieses Genre ausmachen soll.
@captain kidd
2017-07-10 23:44:30 Uhr
Nein.

captain kidd

Postings: 1539

Registriert seit 13.06.2013

2017-07-10 23:28:15 Uhr
Weil der von dir beschriebene Sound der Indierock-Sound der Stunde ist?
Pudels Kern
2017-07-10 23:17:08 Uhr
"Indierockgegenstück zu Helene Fischer"

Da sind ja mal wieder Musikexperten am Start. Indierock ist wohl so ziemlich die Musikrichtung, die am wenigsten auf Haim zutrifft. Das ist vom Mainstream-Softrock und Radiopop der 80er und vom RnB der 90er beeinflusst, aber so ziemlich null von Indierock. Wie kommt man nur auf so was?
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