Lea Porcelain - Hymns to the night

Lea Porcelain- Hymns to the night

Lea Porcelain / Kobalt / Rough Trade
VÖ: 16.06.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Well known pleasures

Der Start markiert den Anfang. "Out is in", der Opener von Lea Porcelains Debütalbum, war der erste gemeinsam aufgenommene Track von Markus Nikolaus und Julien Bracht. Beide kommen aus Frankfurt, wo Bracht auf Sven Väths Label Cocoon erfolgreich als Techno-Tüftler operierte und Nikolaus als Singer-Songwriter agierte. Sie zogen aus nach Berlin, fanden aber erst in London richtig zusammen. Seit ihrer Gründung und seit "Out is in", bei dem voluminöses Schiffsdampfer-Brummen mit distortiver Synthetik und rhythmischer Triebfeder kulminieren, erarbeiteten sich Lea Porcelain etappenweise das, was nun "Hymns to the night" heißt.

"Bones" könnte sich für ein paar Sekunden bei "Mountain at my gates" von Foals verlaufen haben, dann aber beschreibt die Zeile "Distraction in that romance" die gedämpft euphorische und sanft melancholische Stimmung des Tracks sehr passend. Unmittelbar im Anschluss folgt der Song, bei dem es 2015 um den Rezensenten geschehen war: Selten dürfte sich eine Ukulele weltfremder gefühlt haben als in "A year from here". Aber die Kombination aus repetitiver Miniatur der gezupften Saiten, weltumarmender Sehnsucht und fast leicht überdrehendem Background kreiert einen hypnotischen Dreiminüter allererster Güte.

Schnell fallen bei Lea Porcelain mehrere Begriffe aus der Kultur des Post-Punk. "Warsaw Street" lässt allein im Titel seinen Klang erahnen: die Warschauer Straße unweit des Berghain in Berlin einerseits und anderseits Joy Division, auf deren Vorläufer der Songtitel mehr oder weniger offen hinweist. Ein gesangliches Memorial für Robert Smith findet sich in "The love", dessen federnder Basslauf unter höchstmöglicher Spannung steht. Neben all diesen nicht wegzudiskutierenden Einflüssen verpasst das Duo mit elektronischer Hilfe jedem Stück seine ureigene Atmosphäre mit Elementen des Dream-Pop und Shoegaze. "Endlessly" fischt gar im Teich von Psychedelia und Kraut-Pop, könnte aber auch Lea Porcelains Neuzeit-Vorstellung der Doors sein. "White noise" hingegen ist von Lärm in etwa so weit entfernt wie Mutter Beimer von Mutter Natur, aber das Lo-Fi-Piano-Stück von gerade einmal eineinhalb Minuten Länge funktioniert trotzdem tadellos.

Was bei Lea Porcelain stets wiederkehrt, sind breitflächige, synthetische Klänge. Mit nuancierten Steigerungen erbaut sich "Similar familiar" eine dystopische Landschaft, während "A far away land" eine Urgewalt entfacht, zu Bewegung wider den Stillstand animiert, in das pralle Leben entführt – und wenn es nur für eine Nacht ist. Wie sagt das Duo so schön im mit Stör- und Nebengeräuschen versehenen "Loose life", das nebenbei gesagt in einem Set prächtig auf eine entschleunigte Version von Trust folgen sollte: "And all I hear is that sound." Dieser Klang, diese Geräusche, das sind in diesem Fall keine dysfunktionalen Synapsen, sondern der Nachhall von Deutschlands bestem musikalischen Export seit Jahren.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • A year from here
  • Warsaw Street
  • Similar familiar
  • A far away land
  • Loose life

Tracklist

  1. Out is in
  2. Bones
  3. A year from here
  4. Warsaw Street
  5. Similar familiar
  6. White noise
  7. The love
  8. A far away land
  9. Remember
  10. 12th of September
  11. Loose life
  12. Endlessly

Gesamtspielzeit: 48:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Horst Flusshofer I
2017-06-29 08:28:52 Uhr
Klasse Album, 8/10 nach dem ersten Durchlauf. Dream Syndicate trifft Sigur Ros trifft David Bowie.Danke für den Tipp, wäre sonst wegen des Covers weggefiltert worden.

Der Untergeher

Postings: 936

Registriert seit 04.12.2015

2017-06-28 19:55:59 Uhr
dämlicher bandname (da erwartet man doch eine solokünstlerin), unfassbar hässliches cover. da verliert man gleich die lust reinzuhören.

Exakt. Reinhören lohnt aber! In der Tat überdurchschnittlich gut, das Ganze.
mikkel
2017-06-28 19:32:04 Uhr
dämlicher bandname (da erwartet man doch eine solokünstlerin), unfassbar hässliches cover. da verliert man gleich die lust reinzuhören.
dude83
2017-06-28 09:25:42 Uhr
Mega Platte. Wird ausnahmsweise mal dem Hype gerecht. Similar Familiar ist für mich der beste Song.
Jerry Horne
2017-06-28 00:39:41 Uhr
"Loose Life" ist toll.
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