Nickelback - Feed the machine

Nickelback- Feed the machine

BMG / Warner
VÖ: 16.06.2017

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Käse im Rand der Gesellschaft

Wenn wir über Nickelback sprechen, kommt eine Kleinigkeit stets viel zu kurz. Sie heißt "Leader of men" und ist einfach ein verdammt toller Song! Und nicht nur "für Nickelback", nein: überhaupt. Eine wahre Freude, wie sich der Track über den unruhig lauernden Beginn bis hin zu einem energischen Rock-Teil steigert. Man verstehe diese Einleitung als Plädoyer für einen zu unrecht untergegangenen Song. Und um auch mal etwas Positives über Nickelback zu sagen. Leider, leider ist das nun bald 20 Jahre her. Seitdem wurden die Kanadier übermäßig groß und erfolgreich und in gleichem Maße das Gesicht für austauschbaren, seelenlosen Formatradio-Rock und Hassband Nummer eins weltweit. Der Rezensent erntete morgens in der U-Bahn sogar Blicke und Kommentare zwischen Mitleid und Abscheu, als Kollegen zufällig auf dem Smartphone den groß auf dem Cover prangenden Band-Schriftzug erblickten. Allein nur Nickelback zu hören – in diesem Fall ja nicht mal ganz "freiwillig" für diese Rezension – führt zum gesellschaftlichen Stigma.

Dabei machen Chad Kroeger und Gefährten auf ihrem neunten Album "Feed the machine" (ein Schelm, wer bei diesem Titel Böses denkt) zumindest in den ersten zehn Minuten einiges richtig. Der Titeltrack rauscht mit einer energischen Wucht durch die Boxen, dass man sich stellenweise fast bei Metallica wähnt. Noch weniger radiotauglich ist das schreddernde Gitarrensolo im folgenden "Coin for the ferryman". Geniestreiche sind das vielleicht keine. Aber so unverkrampft hat man Nickelback lange nicht gehört. Auch wenn der Opener mit seiner stumpfen und unspezifischen Die-da-oben-Kritik ("Adressing those in need from high above") den Kreis zum plakativen Albumcover schließt, bei dem offenbar "Drones" von Muse das schlechte Vorbild war. Aber bei einem solch seltenen Grund zur Freude wie den zwei Eröffnungsstücken will man nicht knauserig sein. Also Rehabilitierung für die geschmähten Milchreisrocker? Keine Sorge, auf Nickelback ist Verlass.

Schon bei Teilnehmer Numero drei, "Song on fire", geht das Elend in Form von Dicke-Eier-Stadionrock mit den abgegriffensten Akkordfolgen los. "I could set this song on fire / Send it up in smoke" – sämtliche Rauchmelder in deutschen Arenen können schon mal vorsorglich die Sirene anwerfen. Besser wird es im Anschluss auch nicht mehr. Mal schneller, mal langsamer, natürlich lyrisch immer ultra-inspirierend, nachdenkliche Sprüche mit Ohrenfolter: "Never too late to write the best of your story." Tolle Stilblüten treibt das, in etwa wenn "A coward can save the day / When the bravest of men just bend" irgendwie ein Widerspruch in sich ist. Oder man sich im missgünstigen "Must be nice" anhand das Neidfaktors im Text gegenüber einem – natürlich – nicht näher spezifiziertem Adressaten unweigerlich auf die andere Seite schlägt. "Your life's a goddamn fairytale." Vielleicht muss derjenige auch schlichtweg kein Nickelback hören.

Nicht mal einen annähernd tragbaren oder memorablen Dudel-Hit kann "Feed the machine" zwischen Track drei und elf präsentieren, alles geht links rein, rechts raus. Wenn man "How you remind me", "Photograph" & Co. eines zugute halten oder je nach Sichtweise vorwerfen musste, dann, dass sie verdammte Ohrwürmer waren. Nicht einmal das bekommen die Kanadier diesmal hin. Trotz der beiden gelungenen Bretter zu Beginn, die tatsächlich qualitativ in die Nähe von "Leader of men" kommen, dürfte sogar fraglich sein, ob das Album bei der anvisierten, immer noch gigantischen Zielgruppe landen kann. Aber die müssten in der Zwischenzeit sowieso komplett abgehärtet sein.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Feed the machine
  • Coin for the ferryman

Tracklist

  1. Feed the machine
  2. Coin for the ferryman
  3. Song on fire
  4. Must be nice
  5. After the rain
  6. For the river
  7. Home
  8. The betrayal (Act III)
  9. Silent majority
  10. Every time we're together
  11. The betrayal (Act I)

Gesamtspielzeit: 43:09 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Der Frosch mit der Gurkenmaske
2017-06-26 13:50:04 Uhr
Die da oben zitierte Aussage von Chad Kroeger gibt schon zu denken. Mir ist es immer lieber, wenn Leute sich wenigstens realistisch einschätzen können. Robbie Williams sagte auf dem Höhepunkt seiner Karriere mal, er würde gerne so Musik wie Radiohead machen, aber er kann es halt nicht. Obs erstrebenswert ist, Musik wie Radiohead zu machen, sei mal dahingestellt, aber da wusste man wenigstens: Der Mann weiß genau, wo und für was er steht.

Watchful_Eye

Postings: 682

Registriert seit 13.06.2013

2017-06-26 12:28:41 Uhr
Es nervt generell auf dieser Seite, dass musikalische Qualität hier immer in Radiohead, Swans und Arcade Fire gemessen wird (obwohl die Bands für sich schon toll sind).

Nickelback muss man eher mit Pearl Jam/Audioslave/Soundgarden/etc. vergleichen, wenn man über ein Niveau sprechen will, was sie nicht erreichen.
Äpfel und Birnen
2017-06-26 11:43:18 Uhr
Nickelback mit Radiohead vergleichen ist entweder genial oder unverantwortlich

hubschrauberpilot

Postings: 2558

Registriert seit 13.06.2013

2017-06-25 19:22:28 Uhr
Vielleicht kennt Chad Kroeger auch nur 5-10 Bands, dann würde seine Aussage Sinn ergeben. Oder er glaubt tatsächlich daran, dass sein Schlager-Rock total kreativ ist. Dann müsste er eingeliefert werden.
Master
2017-06-22 14:32:19 Uhr
Gute Rezension. Natürlich schwingen da auch gleich ein wenig Vorurteile mit, die man mit Nickelback verbindet. Hierzu folgende Frage und Antwort:

Q: Is Nickelback WAY too hated ?
A: NOOOOO !

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