London Grammar - Truth is a beautiful thing

London Grammar- Truth is a beautiful thing

Island / Universal
VÖ: 09.06.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sicheres Ding

Das einzig Universelle an der Wahrheit ist, dass jeder ein Gespür für sie besitzt. Abgesehen davon sind die Wahrheiten des einen niemals die Wahrheiten des anderen. Jeder hat seine eigene Version der Geschichte. Dennoch ist relativ unumstößlich, dass London Grammar um Sängerin Hannah Reid ganze vier Jahre für den Nachfolger des viel umjubelten "If you wait " benötigt haben. Eine persönliche Wahrheit dazu ist, dass die junge Frau hinterm Mikro immer noch aussieht, wie aus der Vogue entsprungen. Mit dem ersten Song "Rooting for you" zeigt sich direkt, dass das mit Sicherheit nicht der entscheidende Faktor für den Erfolg von London Grammar sein kann. Die kraftvolle Stimme von Hannah Reid ist über jeden Zweifel erhaben. Ob sie oder Florence Welch über das mächtigere Organ verfügt, müssen irgendwann einmal noch zu bildende Vocal-Gremien unter sich klären.

Eine weitere subjektive Wahrheit ist, dass die Band aus London an den üblichen Schwierigkeiten eines Zweitwerks sich vielleicht aufreibt, aber nicht scheitert. Die Platte betreibt Stagnation auf hohem Niveau. Dafür greift das Trio auf Altbewährtes zurück. Jedes der Stücke kommt mit recht sparsamer Instrumentierung aus. Alles arbeitet für die Höhen und Tiefen, die Reid so gefühlvoll abzudecken vermag, wie kaum jemand anderes – außer die erwähnte Welch. Die offenen Songs zielen dahin, wo die labilen Punkte des Lebens liegen. Beziehungen beginnen, Beziehungen enden und zwischendrin macht die Liebe, was sie will. Die Klarheit setzt meist erst mit ein wenig Abstand ein. Das Panorama, das "Big picture" entfaltet sich frühestens auf den zweiten Blick. Insbesondere dieser Song fängt die Schönheit, aber auch die vertane Chance des Albums ein. Sorgfältig bäumt sich das Lied von Minute zu Minute auf. Jeder zusätzliche Instrumente-Einsatz und der klare Gesang von Reid steigern die Dramaturgie bis zur Spitze. Leider geht es von dort oben nicht weiter. Gerade dann, wenn es knallen könnte, ist meist Schluss. Ein Fadeout, ein bisschen Hall, ein bisschen Hauchen. Die Band spielt zuvorderst auf der sicheren Seite.

Die Auskopplung "Oh woman oh men" lässt sich schon im Titel in den Geschlechts-Fahrwassern treiben. Es ist ebenso ein formvollendeter Song, der in einer Reihe mit gleichwertigen anderen Nummern steht. "Hell to the liars" oder "Bones of ribbon" schaffen es am ehesten auf mehr zu setzen als auf Stimmgewalt. Diese Stücke offenbaren, was möglich gewesen wäre. Dreampoppige Strukturen kombiniert mit TripHop-Elementen bieten viel Fläche, in deren Freiheit man sich wunderbar verlieren kann. "Non believer" überrascht hingegen kaum, konzentriert sich dabei auf eine durchaus gängige Einsicht, die so oder so ähnlich sicher schon ein paar hundert Mal in Popsongs vorkam: "All that we are, all that we need / They're different things." Die Unverwechselbarkeit, mit der London Grammar vor vier Jahren "Nightcall" aus dem Soundtrack zu "Drive" gecovert haben, schwirrt dieses mal im Internet als "Bitter sweet symphony" herum. Dass so ein bekanntes Stück nicht auf dem Album landet, ist dann doch ein minimales Zugeständnis an das sonst gescheute Risiko. Was bleibt im Sinne der Wahrhaftigkeit übrig? Im Falle von "Truth is a beautiful thing" ein rundum gutes Album.

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Rooting for you
  • Big picture
  • Hell to the liars

Tracklist

  1. Rooting for you
  2. Big picture
  3. Wild eyed
  4. Oh woman oh man
  5. Hell to the liars
  6. Everyone else
  7. Non believer
  8. Bones of ribbon
  9. Who am I
  10. Leave the war with me
  11. Truth is a beautiful thing

Gesamtspielzeit: 52:06 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Total enttäuscht
2017-06-25 16:25:59 Uhr
Verstehe nicht, warum hier keiner das Mastering erwähnt. Hören alle nur noch Musik auf dem Smartphone? Das Album ist völlig kaputtkomprimiert, null Dynamik, dafür viel Verzerrung. Selbst wenn die Songs gut wären, was sie im Vergleich zum grandiosen Vorgänger überhaupt nicht sind, wurden sie letzten Endes beim Mastering zerstört. Beweis gefällig? Demo Version von “Trials“ anhören, das klingt spitze.

musie

Postings: 1843

Registriert seit 14.06.2013

2017-06-22 22:35:54 Uhr
Für mich leider eine Enttäuschung des Jahres...
Master
2017-06-22 17:44:11 Uhr
Sehr schön.
Ich mein, warum immer diese ständigen Vergleiche mit dem uU etwas besseren Erstling und dies Meckern (typisch deutsch btw).
Das hier ist immer noch einfach gute Musik. Herrlich diese Stimme. Gefällt mir immer besser.
18 Stücke lange Deluxe-Version, die 7 zusätzlichen Songs haben es in sich.
6/10 so so, also schlechter als der ganze Mist, der hier die Plattentests-Standard-Note 7/10 zu 80% bekommt…
Aber egal, dennoch vielen Dank, dass es diese Seite gibt und mir diese Perle beschert hat…

„Rooting for you“
“Leave the war with me”
“Truth is a beautiful thing”
“May the Best”
“Bitter sweet symphony"

8/10

The MACHINA of God

Postings: 8044

Registriert seit 07.06.2013

2017-06-17 12:05:12 Uhr
Plattentests, der Ort wo "rundrum gelungenen Alben" 6/10 bekommen.
dt
2017-06-16 13:23:12 Uhr
Die Bitter Sweet Symphony schwirrt nicht nur im Internet herum, sondern ist auch Teil der Limited Edition des Albums
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