Ride - Weather diaries

Ride- Weather diaries

Wichita / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 16.06.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 10/10

Gute Aussichten

Es scheint sich zu bewahrheiten: Alles Gute kommt irgendwann wieder. Womöglich nach längerer Wartezeit als gedacht, klar. Aber die Geduld siegt – und gerade im musikalischen Bereich werden die vor lauter Spannung oder Langeweile abgekauten Fingernägel gefühlt öfter belohnt als bestraft. Shoegaze-Fans erleben seit einigen Jahren ohnehin so etwas wie Dauer-Weihnachten. My Bloody Valentine, The Jesus And Mary Chain, Slowdive, alle sind sie nach längerer Abstinenz wieder da. Und weil es so schön ist, ziehen nun auch noch die Briten von Ride nach: Deren neues Album "Weather diaries" ist das erste seit dem 1996 veröffentlichten "Tarantula" und damit zugleich das erste richtige Lebenszeichen seit über 20 Jahren. Wie gut, dass wir die Partyhüte von der Slowdive-Comeback-Fete noch nicht weggepackt haben.

Und die Aussicht auf Heiterkeit scheint dank "Weather diaries" gar nicht schlecht. Das heißt, so ganz stimmt das freilich nicht: Das Quartett schimpft hier und da schon auch mal lautstark, etwa in der Vorab-Single "All I want". Die Band ließ verlauten, dass sie keineswegs vorhabe, plötzlich besonders politisch zu werden, sie aufgrund der derzeitig beschissenen Lage in ihrer Heimat Großbritannien aber ein Statement abgeben wolle – insbesondere gegen Theresa May. Ein repetitiv-abgehackter Beat gibt die Marschrichtung vor, der Einfluss des vornehmlich im Electro-Genre beheimateten Produzenten Erol Alkan macht sich gleich zu Beginn bemerkbar, und schon bricht das wütende Donnerwetter über die Hörerschaft los. Viel versöhnlicher und ruhiger gibt sich der darauffolgende Titeltrack, der getragen von einer düster-melancholischen Melodie nüchtern feststellt: "When I was younger / It was simple / You didn't need to question everything / It seems you never know / Which direction life will blow."

Vornehmlich sonnig wird es in "Cali", das den Sommer einleitet und alsbald selbst wieder beendet, dazwischen mit geradezu befreiendem Gitarrenspiel und allerlei Strandmetaphern aber immerhin für ein wenig Nostalgie sorgt. "Lateral Alice" zollt nicht nur der gleichnamigen Figur aus "Unendlicher Spaß" Tribut, sondern gleich noch dessen Schöpfer David Foster Wallace. Und während Mark Gardener und Andy Bell eben noch von dem Traum erzählen, in dem sie mit dem 2008 verstorbenen Schriftsteller um die Häuser zogen, kratzt sich der unterschwellige Noise mehr und mehr unter die Haut. Das ist fast so ansteckend wie der Opener "Lannoy Point", der sich deutlich klarer und poppiger von der ersten Sekunde an im Gehörgang verkriecht, ausbreitet und von dort aus den Rest des Körpers angreift. Die Suche nach einer Kur ist zwecklos – aber wer wollte das auch schon?

Diverse Demos habe die Band aufgenommen, als "Weather diaries" noch im Entstehungsprozess war, jedoch hat es nur eine Handvoll davon letzten Endes auch auf das Album geschafft. Warum "Home is a feeling" unter den Auserwählten war, erklärt sich nach wenigen Momenten quasi von selbst. Schicht um Schicht baut sich dessen Klangteppich weiter auf, erschließt sich der große musikalische Bogen – ein schaurig-schöner Shoegaze-Traum erster Güte. Das passende Gegenstück gibt es kurz vor Schluss mit dem opulenten Drama von "Impermanence", das statt auf Tiefe viel lieber auf Weite setzt, die große Geste nicht nur andeutet und das Ende der Welt ankündigt. Moment, jetzt schon? Nein nein, wir wollen das noch etwas genießen. Dieser Sturm voll wohlig-warmen Regens hat doch gerade erst begonnen. Liebe Apokalypse, komm später wieder! Lass Dir Zeit, gern auch länger als 20 Jahre.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Lannoy Point
  • Home is a feeling
  • Lateral Alice
  • Cali

Tracklist

  1. Lannoy Point
  2. Charm assault
  3. All I want
  4. Home is a feeling
  5. Weather diaries
  6. Rocket silver symphony
  7. Lateral Alice
  8. Cali
  9. Integration tape
  10. Impermanence
  11. White sand

Gesamtspielzeit: 52:21 min.

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XTRMNTR

Postings: 318

Registriert seit 08.02.2015

2017-07-01 17:13:33 Uhr
Ist das, der selbe Andy Bell, der fast 10 Jahre gelangweilt bei Oasis Bass gespielt und auf deren Alben nur grottige Songs ("Nature of Reality") geschrieben hat?
Kaum zu glauben.

musie

Postings: 1957

Registriert seit 14.06.2013

2017-06-08 09:56:47 Uhr
Gleichzeitig äusserst gelungene neue Alben von Slowdive, Ride und den Charlatans zu haben ist ja fast ein kleines Musikwunder.

Slowdive wird bei mir weit weit vorne landen in den Jahres-Albumcharts und Ride ebenso beim besten Song. Auch die Charlatans sind davon für einmal nicht meilenweit entfernt.

Hey Sunrise!! Gute Zeiten...

Armin

Postings: 10028

Registriert seit 08.01.2012

2017-06-07 22:01:28 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 10028

Registriert seit 08.01.2012

2017-03-24 17:59:29 Uhr - Newsbeitrag
Ride veröffentlichen am 16. Juni mit “Weather Diaries” nach über 20 Jahren ein neues Studioalbum auf Wichita!
Das reformierte Quartett - namentlich Andy Bell, Mark Gardener, Laurence Colbert und Steve Queralt - sind 2014 zunächst live auf die Bühnen zurückgekehrt. Laut Andy Bell “a good way of reminding us what we were good at in the first place”, sodass die Band sich 2016 im The Vale Studio in Worcestershire wiederfand. “Weather Diaries” wurde von DJ-, Produzenten- und Remixer-Legende Erol Alkan produziert und von Alan Moulder (Arctic Monkeys, Smashing Pumpkins, The Killers) gemischt, der den Job schon beim bahnbrechenden 1990 “Nowhere” übernommen hatte, und den Nachfolger “Going Back Again” produzierte.
Und damit nicht genug zum Thema Reunion: Das Album erscheint auf Wichita Recordings, deren Mitbegründer Mark Owen und Dick Green schon in den frühen Jahren bei Creation Records mit Ride zusammengearbeitet haben.
"Weather Diaries” hat all die klassichen Elemente, die Ride zu einer der prägenden Bands der frühen 90er machte: verzerrte Gitarren, breite Klangflächen, hypnotisch stampfende Rhythmen und dazu butterweiche Harmonien.

Nachdem Ride in uns den vergangenen Wochen schon “Home Is A Feeling” und “Charm Assault” auf die Ohren gegeben haben, gibt’s jetzt zu “Charm Assault” auch was auf die Augen. Die flickernde Palette nicht greifbarer Bilder untermalen den psychedelischen Rhythmus des Songs, in dem es um die “focused, raw, reptilian ambition” nicht spezifizierter Menschen geht, "set fire to your world, and let it burn”.


fakeboy
2017-02-24 11:06:21 Uhr
Das Intro des neuen Ride-Songs ist nicht so toll, die Bridge ist langweilig, aber Strophe und Refrain sind schön. Insgesamt eine leichte Enttäuschung, denn eigentlich waren Ride-Songs immer durchweg grossartig.
Zum kompletten Thread

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