Ulrika Spacek - Modern English decoration

Ulrika Spacek- Modern English decoration

Tough Love / Cargo
VÖ: 02.06.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Bei Anruf Geräusch

Immer dieser Ton. Geht es nicht freundlicher? Aber nein: "RUF! MICH! AN!" blafft einem die wenig zartbesaitet wirkende Frau in den Werbeblöcken während der Dart-Meisterschaften entgegen, und der Rezensent gesteht freimütig: Es gab schon Abende, an denen er das ob dieser unverschämten Art einfach nicht gemacht hat. Sondern lieber Musik gehört. Geht sogar am Telefon – wie einst in den Achtzigern, als They Might Be Giants ihren "Dial-a-song"-Service aufsetzten, und dank Ulrika Spacek auch rund 30 Jahre später. Jedoch handelt es sich beim Anbieter nicht um eine resolute, nun ja Dame, sondern um ein britisches Quintett, das Auszüge aus seinem zweiten Album unter einer Londoner Rufnummer bereitstellt. Wobei der Sound aufgrund von Verbindungsqualität und vorsintflutlichem Wiedergabegerät im Sinne der Band sein dürfte. Wer Lo sagt, muss auch Fi sagen beziehungsweise singen und schrammeln. Man sieht oder vielmehr hört: Mit der Dekoration ist es nicht allzu weit her. Mit den Songs aber umso weiter.

Trotz Lo-Fi steht eine schluffige "Komm ich heut nicht, komm ich morgen"-Haltung beim Fünfer um Rhys Edwards und Rhys Williams nämlich nicht zur Debatte: Die zehn streng der Reihe nach eingespielten Stücke folgen wie auf dem Debüt "The album paranoia" einer wohlüberlegten Dramaturgie mit Art-School-Background, die sowohl einen Hang zu psychedelischem Post-Punk der New Yorker Schule als auch zum motorischen Flair des Krautrock widerspiegeln. Doch obwohl eine ehemalige Kunstgalerie als Hauptquartier und Aufnahmeort diente, macht "Modern English decoration" diverse Abstecher in Brooklyner Industriebarock-Lofts: Die Gitarren modellieren oft das prägnante Spiel von Televisions Tom Verlaine nach, das Titelstück lässt die Harmonien von Sonic Youths "Little trouble girl" aufseufzen, und auch dass Ulrika Spacek bereits "Lady Godiva's operation" von The Velvet Underground coverten, passt ins stets etwas vernebelte Bild. David Byrne? Näselt sich gesanglich auch noch irgendwie verstohlen durch die Hintertür.

Traditionelle Bezugspunkte, die "Modern English decoration" dennoch nicht zur rückwärtsgerichteten Veranstaltung machen. Dafür sorgt schon das drahtig aufgesetzte Stakkato von "Silvertonic" oder "Full of men", die selbstvergessen um blumig kreisende Leads rotieren und sich ähnlich treffsicher erweisen wie die Atlanta-Fraktion um Deerhunter und Omni in ihren besten Momenten. Wenig britische Zurückhaltung üben auch "Ziggy" oder die Single "Everything, all the time" und überbraten mit trockenen, raumgreifenden Riffs geräuschvoll alles, das sich Edwards, Williams und Kollegen zuvor in rhythmisch kompakten Strophen mühsam aufgebaut haben. Der unterschwellig elektronisch kokelnde Abschluss "Protestant work slump" lässt dieses Album genauso enden, wie es mit "Mimi pretend" begonnen hat: repetitiv, beweglich und ansatzweise kosmisch. Da möchte man gleich oben erwähnte Nummer wählen – denn wenn die Bandmaschine rangeht, kann sich wenigstens niemand im Ton vergreifen. Tun Ulrika Spacek schließlich auch nicht.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Silvertonic
  • Ziggy
  • Everything, all the time
  • Modern English decoration

Tracklist

  1. Mimi pretend
  2. Silvertonic
  3. Dead museum
  4. Ziggy
  5. Everything, all the time
  6. Modern English decoration
  7. Full of men
  8. Saw a habit forming
  9. Victorian acid
  10. Protestant work slump

Gesamtspielzeit: 46:14 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-05-31 21:07:19 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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