Ryan Adams - Prisoner B-sides

Ryan Adams- Prisoner B-sides

PAX-AM / Blue Note
VÖ: 28.04.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Anti-Bullshit

Der wirklich wahre Wert eines Künstlers lässt sich häufig anhand dessen B-Seiten abwiegen, also dem ganzen unveröffentlichten Kram, der dann doch eines Tages auf den Markt geworfen wird. So lautet zumindest eine alte Kritikerbinse und falsch liegt sie nicht. Gerade bei diesem in Jeansjacke verpackten Spargelstängel namens Ryan Adams. Dessen "Prisoner" hinterließ im Februar 2017 mehr Fragen denn Antworten. "Wie soft willst du noch werden?", wunderten sich aromantisch veranlagte Hörer. "Und wo ist der Rest?", kopfkratzten sich fetischistische Ryan-Adams-Archivare. Schließlich wurde ein Doppelwerk versprochen, das eben nicht vorlag und die momentan bei Apple Music auffindbaren 810 Titel (sicher, einige doppelt und dreifach) stillen eben nicht die Großgier nach Adams-Melodien. Die sündhaft teure "End of world edition" von "Prisoner" bot 17 Songs extra, die nun ihrer schikanenhaften Exklusivität entrissen und mit "Prisoner B-sides" langsam in die Äther der Welt gestreut werden.

"Prisoner" hätte diese 17 Songs so dringend gebraucht, zumal es sich eben nicht bloße Ergänzungen handelt, die mal eben irgendwelchen angestaubten Aufnahmebändern entnommen wurden – wobei es womöglich schon so war, es sich aber nicht derart anfühlt. Denn die "B-sides" sind der Schlüssel, das Begleitband, die Erklärung, um "Prisoner" besser zu verstehen, tiefer nachzuempfinden und ja, auch zu verehren. Die Produktion, wenn überhaupt von einer die Rede sein kann, ist Gegenstück zum Hauptwerk: nicht länger schummrig-geglättet und poliert, dafür rustikal, imperfekt und brüchig. Alles Kaputte klafft weit offen. Weichmacher-Synthesizer sind weggeräumt, dafür spielt eine meist klassische Viererband den Rock mal schnell, mal langsamer. Schnell, wie in "Where will you run?" mit schlingernder E-Gitarrenspur und Classic-Rock-Gestampfe. Langsamer in "Are you home", das sich wie neu aufgelegt einem der ikonischsten Adams-Stücke überhaupt ("This house is not for sale" von "Love is hell, pt. 1") annähert.

Die Motive bleiben gleich: Alles Geschimpfe ums Herz, der ganze Schmerz, dessen Leid auf der Zunge liegt und raus muss. Adams ist der geknickt dahin schlürfende Impressionist. "The empty bed", "Broken things" und "It will never be the same" heißen daher die Songs, die sich lesen wie Themenabende einer Kreuzfahrt für depressive Dauersingles. Dabei bleiben es Adams-typische, sich schwerbeinig voraus schiebende Balladen an der Akustikgitarre. Der Herzensbrecher hockt da, kummervoll damit beschäftigt die zerborstene Pumpe wieder zusammen zu schnüren, aber er hat noch wundervolle Melodien, die er sonst wo herzaubert. Diese sind nicht unbedingt einzigartig, dafür sind die Referenzen zu klar. Aber sie haben eine ähnliche Offensichtlichkeit wie bei Springsteen oder Neil Young, wenn beim Hören sofort auffällt, dass diese Songs nicht hätten anders sein dürfen, weil sie sich so richtig anhören, in jedem einzelnen Takt. "Hanging on to hope" tapst ebenso los und kulminiert im Crosby-Stills-Nash-Country.

Das sind mehr als Randnotizen der unübersichtlichen arbeitswütigen Adams-Biographie als Diskographie. Das beobachtbare work-in-progress und die Songs in Frühstadien verzücken. "Too tired to cry" kramt hervor, wozu es käme, würde Adams mit Thom Yorke rumhängen. Beide griffen übernächtigt zur Gitarre, kaum in der Lage noch Silben zwischen den Lippen hervor zu quetschen, aber das braucht es auch nicht, weil es entsteht trotzdem dieser große Song. Nebenher und Zwischendurch hat keine derartige Kraft. Denn bei allem Niedergeschmetterten, worüber Adams zu singen weiß, was in Klatschblättern über seine Scheidung noch weiter ausgebreitet wird, ist er doch nicht ausgelaugt genug, um mit dem Tiefergraben ins eigene, elendige Gemüt aufzuhören, das bei ihm mit einem besseren Verstehen einhergeht. Er meinte mal, Songs zu schreiben, die von irgendetwas handeln, das fernab vom selbst Erlebtem und Wahrem geschieht, also quasi Fiktion, halte er für langweiligen, nutzlosen Bullshit. Darüber könnte gestritten werden. Aber die "Prisoner B-sides" sind definitiv Anti-Bullshit.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Where will you run?
  • No words
  • Too tired to cry

Tracklist

  1. Where will you run?
  2. Juli
  3. Are you home?
  4. No words
  5. Halo
  6. It will never be the same
  7. What if we're wrong
  8. Broken things
  9. Stop you
  10. Hanging on to hope
  11. Let it burn
  12. Crazy now
  13. You said
  14. Please help me
  15. Too tired to cry
  16. Stop talking
  17. The empty bed

Gesamtspielzeit: 61:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Aber
2017-06-27 01:05:46 Uhr
Gerade das ist hier doch eigentlich nicht der Fall. Die Produktion ist vielleicht etwas rauer als das eigentliche Album, aber dennoch weit entfernt von dem Klang von Demoaufnahmen.

Weiterhin ein schönes Teil - und weiterhin natürlich bei der Version mit 19 Songs ;).

myvision

Postings: 22

Registriert seit 15.06.2013

2017-06-26 09:36:22 Uhr
Nach mehreren Durchläufen muss ich sagen: Die Platte ist besser als die "Prisoners". Schade nur, dass die Produktion auf bescheidenem Level ist und die Songs zum Teil wie Demos klingen.
Timmy
2017-05-28 15:51:15 Uhr
Dachte der ist schon lange in Rente.

myvision

Postings: 22

Registriert seit 15.06.2013

2017-05-28 15:36:51 Uhr
Wird das Ganze noch auf CD erscheinen?

Stephan

Postings: 640

Registriert seit 11.06.2013

2017-05-28 13:33:16 Uhr
Ich kenne jetzt nur 17 Songs, möchte aber nicht die Existenz der beiden weiteren Nummern infragestellen. :-)
Die Stücke nach "You said" brauche ich persönlich nicht mehr zwingend. Aber bis dahin ist die B-Seiten-Ausgabe wohl eine 8/10 und damit imho zwei Punkte besser als "Prisoner" selbst.
Favoriten bislang: "Are you home?", "Halo" und "Stop you"
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