Harry Styles - Harry Styles

Harry Styles- Harry Styles

Erskine / Columbia / Sony
VÖ: 12.05.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Andere Richtung

Wenn Boys ihre Boygroups verlassen – oder die Band komplett auf Eis gelegt wird –, sind meist die gleichen Mechanismen zu beobachten. Am Anfang vorm Ende stand die einsetzende Erfolglosigkeit, Differenzen mit den anderen Jungs oder das Pochen auf die eigene Künstlerpersönlichkeit. Dann folgt meist ein schnell gemachtes Solo-Album mit angesagten Sounds und Produzenten. Zum Kehraus wartet die Versenkung und das Aufreiben an der Härte der Realität. Es hat schon seine Gründe, warum manche hochgeflogenen Sternchen nun den ehrenhaften Job des Strippers ergreifen oder auf die tausendste Reunion-Tour für mitgealterte Ex-Groupies gehen müssen. Kein Plan B nach all dem Ruhm ist ein Branchenstandard. So richtig geschafft haben es nur wenige, etwa Justin Timberlake oder Robbie Williams. Und das, obwohl die Voraussetzungen ziemlich deckungsgleich erscheinen: "optisch süß" und "gesanglich passabel" schreiten sie irgendwie fast alle durch dieses Kreisch-Mädchen-Universum. Nun schickt sich ein gewisser Harry Styles an, dem stets drohenden Schicksal kurzweiliger Teenie-Idole zu entkommen. Im Gegensatz zu seinem ehemaligen One-Direction-Kumpel Zayn klingt er nämlich nicht wie eine schlüpfrige Discokugel. Er gibt sich eher wie die spitzbübische Variante von toten und lebendigen Ikonen einer Generation, die noch ohne Smartphone klarkam.

Was Styles auf schlanken zehn Songs auspackt, ist nämlich aller Rock-Ehren wert. Es blubbern keine neumodischen Synthieflächen oder Halleffekte durch die Kompositionen. Der Sänger beschwört auch keine sexy Clubnacht im EDM-Style. Vielmehr zitiert sich die Platte durch 40 Jahre Rockgeschichte, ohne dabei flach oder unehrlich zu klingen. Er inszeniert sich als Art Nestbeschmutzer in einer Welt der Überangepassten. Der Verschlissene von Taylor Swift röhrt mal wie Wolfmother im rifflastigen "Kiwi", nähert sich Fleet Foxes in "Meet me in the hallway" oder orientiert sich am Songwriting der Beatles in "Sweet creature". Das hat alles zwei Hände, zwei Füße und einen Wuschelkopf. Kein Vergleich zu der Stangenware, die gerade bei Casting-Bands oft produziert wird. Und dann wäre da ja auch noch die erste Single-Auskopplung "Sign of the times", eine der unpeinlichsten Powerballaden seit Robbie Williams' "Angels" von 1997. Die Dramaturgie dieses Songs kratzt an der Perfektion. Aus Adeles Mund vorgetragen, flippte wahrscheinlich der halbe Erdball aus. Bei Harry Styles sind es zunächst vornehmlich die Fanscharen von früher.

Ganz abstreifen lässt sich die Vergangenheit dann doch nicht. Einige Nummern wie "Women" oder "Carolina" atmen nicht den ganz großen Spirit der Referenzjahre. Trotzdem wirkt diese Abkehr von den aktuellen Sounds, die Teenieherzen höher schlagen lassen, immer aufrichtig. Der junge Brite brilliert in seiner Rolle als Bowie-Bubi und greift live auch selbst zur Gitarre. Diese grundsolide Haltung macht ihn jetzt schon fast zu so etwas wie einem schwarzen Schaf zwischen all den glatten Schönlingen der Popwelt. Ohne die Nebeninformationen über den beschrittenen Karriereweg des 23-Jährigen wäre der Genuss der Platte wohl noch einfacher. Einfach mal testweise dem Vater ins Musik-Regal mogeln und abwarten, was passiert. Es dürfte gar nicht so unwahrscheinlich sein, dass der ergraute Siebzigerjahre-Rockfan anerkennend nickt. Damit und mit mehr solcher Alben steigen die Chancen immens, dass Styles um die menschenunwürdige Zweitverwertung seiner Prominenz herumkommt.

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Meet me in the hallway
  • Sign of the times
  • Sweet creature
  • Ever since New York

Tracklist

  1. Meet me in the hallway
  2. Sign of the times
  3. Carolina
  4. Two ghosts
  5. Sweet creature
  6. Only angel
  7. Kiwi
  8. Ever since New York
  9. Woman
  10. From the dining table

Gesamtspielzeit: 40:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
www
2017-09-26 09:04:25 Uhr
Kann man wirklich hören, aber...is das eigentlich von Guy Chambers produziert? ^^

Mister X

Postings: 2565

Registriert seit 30.10.2013

2017-08-24 23:57:50 Uhr
meet me in the hallway steht bei mir mittlerweile auf einer stufe (song des jahres) mit sign of the times. dazu die tolle performance bei dunkirk. wird wohl meine person des jahres. haette ich drueber gelacht, haette man mir dies vor 3 jahren vorausgesagt. schlimm wie starkt man von außen ausgebremst werden kann
@An den: An den Rezensenten:
2017-05-28 12:50:57 Uhr
Doch, eine Dramaturgie kann nicht am Perfektionismus kratzen, das ist semantisch unsinnig.
An den: An den Rezensenten:
2017-05-28 12:36:23 Uhr
Der Satz ist nicht inhaltlich unsinnig. Im vom Autor verwendeten Zusammenhang ist er jedoch falsch formuliert, das stimmt.
An den Rezensenten:
2017-05-28 10:27:42 Uhr
Der Satz "Die Dramaturgie dieses Songs kratzt am Perfektionismus." ist inhaltlich unsinnig. Gemeint ist "Die Dramaturgie dieses Songs kratzt an der Perfektion."
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