Aye Nako - Silver haze

Aye Nako- Silver haze

Don Giovanni / H'art
VÖ: 07.04.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Meine Kunst

Einfach wollen sie es ganz bestimmt nicht haben. Das fängt schon beim Namen Aye Nako an, dessen richtige Aussprache ("EYE nuh-co") man ohne Hilfestellung seitens der Band nur mit viel Glück erraten kann. Und geht direkt weiter, blickt man auf die Ausrichtung und die Themen, die sich das Quartett aus Brooklyn gegeben hat. "Sad punk songs about being queer, trans and black", verrät die Info auf der bandeigenen Facebook-Seite lapidar. Das meint dann auch beim zweiten Album "Silver haze" Songs über Missbrauch, Rassismus und Diskriminierung ohne Netz und doppelten Boden. Oft persönlich, immer schmerzlich direkt, nie unnötig verklausuliert oder gar weichgezeichnet. Diese ungefilterte Mischung mag sicherlich manche abschrecken. Zumindest beim Lesen dieser Zeilen. Die ja zweifelsohne schwere Kost vermuten lassen.

Doch was ist das? "We're different now" führt vielleicht noch ein Stück weit in die Irre, wenn es um die Aufnahmen eines spielenden Kindes ein loses Gerüst aus Gitarre und Schlagzeug stellt, nicht ohne aber schon eine gewisse Zutraulichkeit anzudeuten. Die sich in "Sissy" dann furios Bahn bricht. Der Song schreibt voll wüster, ungezügelter Energie das Wort "Punk" in die Luft, zelebriert aber gleichsam die Vorsilbe "Pop" in jeder hingeworfenen Note. Nebenbei wird klar, was Sänger Mars Ganito meinte, als er in Interviews verriet, er habe durch seine Testosteron-Behandlungen das Singen neu erlernen müssen. Eine Stufe tiefer ist der Vortrag nun angelegt. Und merklich rotziger. Das macht ungemein Spaß, nicht ohne aber mit Zeilen wie "Tell me what I need / To stay safe on the streets" die Ernsthaftigkeit aus den Augen zu verlieren. Und noch während man derlei Auffälligkeiten registriert, setzt "Half dome" den großartigen Auftakt nahtlos fort. Mit Gitarrenlinien, die sich jede Indie-Band der letzten zwanzig Jahre gerne ausgedacht hätte, diesmal mit Sängerin Jade Payne am Mikro und vor allem mit atemloser Geschwindigkeit.

In genau dieser reiht die Band dann auch die Highlights aneinander. Dabei nimmt "Nightcrawler" sogar ein wenig Speed heraus. Und macht sich auf, ein wundervolles, melodieverliebtes Midtempostück zu werden, das einen schmerzhaft daran erinnert, wie gut Weezer in ihren besten Zeiten waren. So klingt das Ganze nämlich. Und irgendwo denkt Rivers Cuomo an "Pinkerton" und verdückt voller Scham im Studio eine Träne. Bevor man aber zu weit in Richtung früher mal guter Pop-Punk-Bands abschweift, lässt das Doppel aus "Muck" und "The gift of hell" das Fest der harmonischen Melodien implodieren und schielt ein wenig hin zu Sonic Youth und einer Menge Krach. Der der Band auch hervorragend steht. Weil Aye Nako nicht den Fehler machen, einfach nur freudig Dissonantes aneinander zu reihen. Im Gegenteil, "The gift of hell" kommt so zugänglich daher, wie es nur irgendwie geht, nimmt dann aber die Abzweigungen, mit denen man eben nicht gerechnet hat. Berechenbar sollen doch andere Bands sein.

Da ist es nur konsequent, dass auf den Ausflug in schroffere Gefilde gleich direkt "Particle mace" folgt. Das sucht und findet nicht nur zurück in den Pop, es offenbart sich vielmehr als der prädestinierte Hit der Platte. Hier kommt alles zusammen – ein einnehmendes musikalisches Gerüst, ein großartiges Soundgewand und pointierte Lyrics mit Zeilen wie “The chemtrails leak the conspiracy / But you'll keep playing along ‘til the saddle tips the sleeve”. Ein waschechtes Highlight. Und bestimmt nicht das letzte. Während man derlei Beobachtungen festhält, ist nämlich längst klar, dass "Silver haze" ein Album ist, mit dem man es nicht alle Tage zu tun bekommt. Weil hier eine Band ihre bisherige Höchstform erreicht hat, logisch. Vor allem aber, weil Aye Nako hier eigentlich immer das richtige Verhältnis geschaffen haben. "Silver haze" ist gleichsam schroff und anschmiegsam, gleichsam ein persönliches wie politisches Statement und ein kunstvolles Album voll großartiger Kleinode zwischen Pop und Punk. Oder ganz kurz: Kunst halt.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Half dome
  • Nightcrawler
  • Muck
  • Particle mace

Tracklist

  1. We're different now
  2. Sissy
  3. Half dome
  4. Nightcrawler
  5. Muck
  6. The gift of hell
  7. Particle mace
  8. Arrow island
  9. Spare me
  10. Nothin nice
  11. Tourmaline
  12. Maybe she's bored with it

Gesamtspielzeit: 37:08 min.

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User Beitrag

Leatherface

Postings: 1628

Registriert seit 13.06.2013

2017-05-24 21:23:17 Uhr
Spitzenplatte.

Armin

Postings: 14507

Registriert seit 08.01.2012

2017-05-24 21:21:24 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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