Paul Weller - A kind revolution

Paul Weller- A kind revolution

Parlophone / Warner
VÖ: 12.05.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Kranich scheucht auf

Stell Dir vor, es ist Revolution und keiner geht hin. So desillusionierend fielen die Reaktionen auf bemühte Revoluzzer in diesem Jahr aus. Depeche Mode schrien müde, Hurray For The Riff Raff fletschten die Zähne, überhaupt ließen Künstler keine Gelegenheit aus, die Übel der Welt zumindest zurechtzukommentieren. Veränderungen? Blieben aus. Das Umparken im Kopf obliegt der Werbung. Wer holterdipolter mit den Massen zündeln wollte, verbrannte sich eher die Fingerkuppen. Paul Weller startet nun "A kind revolution", was schon einmal Kokettieren auf hohen Niveau ist. Der Weller sei neuerdings kind, also nett oder liebenswert? Ein gezähmter Jemand, der in den 40 Jahren seit dem Debüt seiner Stammband The Jam alles versuchte, um eben nicht nett zu sein, denn nett steht bei ihm für langweilig und überflüssig? Iwo.

2017 ist ein Weller-Jahr für Weller-Fans: Sein erster schmucker Soundtrack, eine neue, noch feschere Modekollektion, die große Tournee und eben ein 13. Album. Es darf davon ausgegangen werden, dass er auch am 25. Mai, seinem 59. Geburtstag, alles tun wird, nur nicht feiern. Ewig schindet sich, wer nicht rosten mag. Wofür "A kind revolution" wunderbar herhalten kann. Weller klingt frisch und zeitgemäß in dieser kristallklaren Produktion. Dabei sind seine Hauptbezüge alt. Revolutionsmusik war häufig die Musik der Schwarzen, also Blues, Jazz, Soul, Gospel. Einflüsse, die schon früher beim The-Style-Council-Weller hervorschimmerten. Das sind die stilprägenden Fragmente für "A kind revolution", geradezu eklektisch zusammengesetzt, was stellenweise ein wenig überzogen wirkt, doch grosso modo passt. Auch, weil der Brite die richtigen Cameos ausgesucht und überredet hat: Robert Wyatt setzt seinen Ruhestand kurz aus, um den mit Streichern verdickten Soul von "She moves with the fayre" anzureichern; PP Arnold und Madeline Bell, Soulobere aus den Sechzigerjahren, schwingen mit im enervierenden Opener "Woo sé mama". Und Boy George, genau der eskapadentüchtige Boy George, mit dem sich Weller in den Achtzigern als Zeitschriftencoverboy wetzte, verhallt im Funk von "One tear". Nostalgie zieht auf, die glücklicherweise nicht larmoyant wird.

Weller pflegte stets einen eigenen Stil der schlichten Eleganz. Den er kurzfristig aufbricht. Marineblauer Anzug mit erbsengrünen Socken etwa. Mondän wie seine zehn Songs auch. In "Hopper" verweist Weller direkt auf die Gemälde Edward Hoppers mit ihrer depressiv strahlenden Einsamkeit und Melancholie. Menschen sind dort zu finden, die verloren scheinen in den Bars, Wohnzimmern und Betten dieser Welt. Doch Weller streckt pragmatisch das Kinn nach oben. "The cranes are back" spielt um die Frühlingsmetapher zurückkehrender Kraniche, mit denen Sonne und Wärme heimkehrt, wonnigen Gospel. Mit "Long long road" hat Weller sein noch schwerfälligeres "Let it be" eingespielt. "New York" reckt den ehrfürchtigen, bebenden Finger in Richtung New Orleans, Dr. John und Voodoo-Rock. Das Ende besiedelt "The impossible idea" als schlendernder Walzer mit kapitulierenden Sohlen: "Til my eyes fix on the impossible idea / That I'll change the world / Maybe I'll come to the conclusion / I can't even change my own life / And there I fall." "A kind revolution" pocht stark auf solche Momente des Erhabenen, hat viel Hymnisches und einem Peter Gabriel ähnelnde Weltmusikansprüche.

Denn die zugrunde liegende Idee ist ebenso beflügelnd wie essenziell. Weller fragt sich, ob es für diese globale Gesellschaft nicht auch eines globalen Gedankenguts bedarf, welches eben verbreitet wird durch eine Form globaler Musik, die sich genre- und länderübergreifend zusammensteckt. Geradezu rührselig wird der Obermod, wenn er darüber philosophiert, dass seine Revolution niemanden tötet, sondern von Innen aufmuckt, eine notgedrungene Barmherzigkeit predigt, die Politik und Religion abhanden kamen. Vielleicht mag Weller daher die Idee des Eurovision Song Contest. Für England würde er antraten und gewinnen, knurrte er kürzlich. Was zumindest altersmilder wirkt. Wie das akustische Album, an dem er derzeit mitsamt Orchester arbeitet. Veröffentlichen möchte er es zu seinem 60. Geburtstag 2018, wenn die Kraniche wiederkehren und in die nächste Revolte scheuchen. Splendid!

(Maximilian Ginter)

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Woo sé mama
  • The cranes are back
  • The impossible idea

Tracklist

  1. Woo sé mama
  2. Nova
  3. Long long road
  4. She moves with the fayre
  5. The cranes are back
  6. Hopper
  7. New York
  8. One tear
  9. Satellite kid
  10. The impossible idea

Gesamtspielzeit: 42:49 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Postings: 8688

Registriert seit 08.01.2012

2017-05-17 21:07:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 8688

Registriert seit 08.01.2012

2017-05-10 19:07:26 Uhr - Newsbeitrag
Paul Weller bestätigt weitere Auftritte im September
Ein paar Tage Vorfreude noch, dann kommt bekanntlich Paul Weller zu uns auf Tour. Der Modfather persönlich wird nicht nur nonchalant wie eh und je seine eigene Karriere einmal Revue passieren lassen, sondern auch mit neuem Material überzeugen. Denn der Brite hat gleich zwei neue Platten im Gepäck: einerseits den Soundtrack zu „Jawbone“, dem Film um einen alternden Boxer, und anderseits sein 13. Soloalbum „A Kind Revolution“, das am Freitag in die Läden kommt. Jetzt hat der Mann, der mit The Jam und The Style Council Musikgeschichte geschrieben hat, der seit einem knappen Vierteljahrhundert solo unterwegs ist und die Welt um etliche Hände voll grandioser Stücke bereichert hat, bestätigt: Im Herbst wird er drei weitere Auftritte in Saarbrücken, München und Leipzig spielen. Paul Weller ist zweifellos einer der profiliertesten und pophistorisch bedeutendsten Figuren der britischen Musikszene. Der Sänger, Komponist und Gitarrist hat bereits mehrere in sich geschlossene Kreativ-Phasen durchlaufen. Von 1976 bis 1982 war er der Kopf von The Jam, der Band rund um die britische Mod-Kultur, die eine neue Eleganz in die Rockmusik brachte. Hier wurde die Attitüde des Punk vermählt mit der dunklen Schönheit des New Wave. Anschließend gründete er mit dem Jazz-Pianisten Mick Talbot die Band The Style Council, die zwischen 1983 und 1989 die wohl edelste aller Pop-Darstellungen umsetzte und ihre extrem eleganten Songs stets mit einer Prise Jazz würzten. Seit den beginnenden 90er-Jahren arbeitet Paul Weller solo und hat sich auch in dieser Zeit immer wieder neu erfunden. Mal widmete er sich dem klassischen Folk, dann wieder nahm er eine raue Rockplatte auf oder widmete sich auf Albumlänge ausgefeilten Coverversionen seiner persönlichen Lieblingssongs. Mit jedem Album fächerte sich sein Stil wie auch seine Fanbasis weiter auf. Unverkennbar blieb dabei jedoch jederzeit diese besondere Stimme, die selbst der Zufallshörer unmittelbar als ein selten markantes und eindringliches Organ identifizieren kann. Weltweit sind seine Konzerte stets ausverkauft, und ebenso konsequent überrascht Weller seine Hörer auf jeder Tour mit einer neuen Soundästhetik. Das gilt auch für „A Kind Revolution“, auf dem er mit traditionellen Genres wie Gospel, Funk und Blues jongliert. Damit dürfte man auch für die anstehende zweiteilige Tour wieder einmal einen völlig neuen Paul Weller erwarten, der sein Wirkungsfeld erneut um viele zusätzliche Facetten erweitert hat.

Die Tour wird präsentiert von Classic Rock, piranha und kulturnews.

Hier noch einmal alle Terminen im Überblick:

30.05.2017 Hamburg - Markthalle
31.05.2017 Berlin - Huxleys
02.06.2017 Darmstadt - Centralstation
03.06.2017 Köln - Kantine
04.06.2017 Bielefeld - Ringlokschuppen
03.09.2017 Saarbrücken - Garage (neu)
04.09.2017 München - Technikum (neu)
05.09.2017 Leipzig - Täubchenthal (neu)

Ab Donnerstag, den 11. Mai, 10 Uhr gibt es die Tickets exklusiv über eventim.de.

Ab Montag, den 15. Mai, 10 Uhr gibt es Tickets für 35,00 Euro zzgl. Gebühren an allen bekannten CTS–VVK-Stellen sowie unter der Hotline 01806 – 853653 (0,20 €/Anruf aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 0,60 €/Anruf), auf fkpscorpio.com und eventim.de.

Mehr Infos und Musik unter paulweller.com, facebook.com/paulwellerofficial, twitter.com/paulwellerhq und youtube.com/user/paulwellertv.
Dennisol
2017-03-31 12:38:40 Uhr
Nachtrag: Die zwei neue Songs, auf die mich bezog:

https://www.youtube.com/watch?v=It8fwRFUSFg
https://www.youtube.com/watch?v=PXSx4hY-FEk

Ulfomator
2017-03-31 10:49:01 Uhr
Na ja, geht so. Hat er in den 80ern auch schon gemacht. Da hatte es aber noch den Frischeeffekt. Heute klingt es eher abgenudelt. Ist halt ein Routinier, der alte Paul.
Dennisol
2017-03-30 22:04:21 Uhr
Joah, irgendwie mehr erwartet. Entweder das waren jetzt gar nicht die besten Lieder oder Herr Weller wird noch egaler.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum