Perc - Bitter music

Perc- Bitter music

Perc Trax
VÖ: 28.04.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Schrecken im Detail

Man weiß es nicht erst seit dieser Rezension: Die Kuh macht muh. Es sei denn, sie heißt Ali. Dennoch wird auch das Rindvieh, das ein Fan zu Ehren von Ali Wells alias Perc auf diesen Namen taufte, vermutlich gattungstypische Geräusche von sich geben. Ganz im Gegensatz zum Mann aus London. Der macht nämlich nicht nur keine Tierlaute, sondern lässt sich auch nicht von der potenziell bösen Musikindustrie melken. Weswegen er seit 2004 komplett auf eigene Faust das Label Perc Trax betreibt, zu dessen Programm ein Mitglied des britischen House-Acts X-Press 2 einmal indigniert feststellte: "I don't like this, it sounds like gabba." Das kommt davon, wenn Wells dermaßen kompromisslos die Fahne des hartwurstigen UK-Techno hochhält und so bösartige Terror-Dance-Alben wie "Stowaway" von Ansome veröffentlicht – neben seinen eigenen natürlich.

Dies ist nach "Wicker & steel" und "The power and the glory" bereits das dritte. Und auch wenn der Engländer es nicht so wüst treibt wie viele seiner Schützlinge, ist auch "Bitter music" kein leichtgängiges Gerät geworden und macht seinem Titel alle Ehre: Im traditionellen Sinne wohlschmeckend sind hier weder Inhalte noch Tracks. Den Dreck, den Ansome-Mastermind Kieran Whitfield von den Straßen kratzt und mit Schmackes an die Wände streng riechender Clubs spachtelt, lokalisiert Wells lieber im Zwischenmenschlichen sowie im bedenklichen Zustand des Vereinigten Königreichs angesichts von Brexit-Votum oder Antisemitismus-Querelen bei der Labour Party. Und verarbeitet ihn statt zu bombendem Four-to-the-floor-Material zu zerklüfteten elektronischen Wüsteneien, in denen die Beats mehrheitlich beklommen vor sich hinwompern.

Sofern sie überhaupt ihren Weg aus den Maschinen finden. Erstmals ist das der Fall beim splitternackt auf der Stelle tretenden "Unelected", das den dubbigen Techno-Minimalismus der späten Neunziger bassig auswildert, in einen geistesabwesenden Piano-Break überführt und dank der politischen Implikation im Titel eher zur bangen Vorahnung denn zum Rave-Banger taugt – ähnlich wie das nur mühsam von einer leibhaftigen Geige zu besänftige "Chatter". Ungleich bedrohlicher als diese vergleichsweise harmonischen Elemente gären jedoch die Industrial-Schlaufen von "Wax apple", das die zermürbenden Sound-Eruptionen der frühen Throbbing Gristle in eine baufällige Echokammer sperrt und anschließend den Schlüssel wegwirft. Und das Zeitgefühl schwindet nicht nur im musikhistorischen Sinne.

Beinahe erstaunlich, dass Wells in der zweiten Hälfte doch noch den Dreh zu leidlicher rhythmischer Konstanz bekommt – mit den handelsüblichen Vorstellungen von Dancefloor hat das alles nichtsdestotrotz wenig zu tun. "Spit" etwa will zunächst das entmenschteste und rigideste House-Gebilde der Welt sein, bis eine zeternde Frauenstimme den Track in tausend Stücke reißt. Kühl bis ans Herz hingegen: die Vocals von Gazelle-Twin-Frau Elizabeth Bernholz in "Look what your love has done to me", einem brachialen, von jeglicher Restsüße befreiten Wiedergänger von Felix Da Housecats "Silver screen (Shower scene)" – "Bitter music" eben. Aber kurz vor Schluss immerhin noch ein mahlender Hit auf einem großartig beunruhigenden Album, bei dem der Schrecken im Detail steckt. Da könnte man fast Tierlaute machen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Wax apple
  • Spit
  • Look what your love has done to me

Tracklist

  1. Exit
  2. Unelected
  3. Wax apple
  4. Chatter
  5. I just can't win
  6. The thought that counts
  7. Spit
  8. Rat run
  9. Look what your love has done to me
  10. After ball

Gesamtspielzeit: 56:29 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-05-17 21:06:52 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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