Millionaire - Sciencing

Millionaire- Sciencing

Unday / Rough Trade
VÖ: 19.05.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Egal, Voodoo bist

Millionaire sind vielleicht nicht die Band, an die man denkt, wenn es um die persönlichen Favoriten geht. Wenn man überhaupt noch an Millionaire denkt, schließlich haben die Belgier um Tim Vanhamel seit dem 2005 erschienenen Album "Paradisiac" nur sehr sporadisch von sich hören lassen. Dabei befand sich darauf einer der erklärten Lieblingssongs des Rezensenten überhaupt. So ein abgefahrenes, durchgedrehtes Brett wie "I'm on a high" muss man nämlich erst einmal schreiben. Da kochten die Synapsen ob der Überreizung von ganz allein über. Und jetzt, ganze zwölf Jahre später, bekommt erwähntes Album mit "Sciencing" ganz unerwartet einen Nachfolger. Ob es da in Belgien irgendeinen Zeitzünder gab, der vor kurzem losgegangen ist? Die Band von damals ist jedoch weg, Vanhamel hat den Drittling weitestgehend allein und live eingespielt, nur mit sporadischer Hilfe von Drummer Damien Vanderhasselt. Nun gut. Der Sound kommt so reich aus den Boxen, dass man die Tatsache nicht heraushören kann.

Was dagegen unmittelbar auffällt: "Sciencing" hat Zeit. Viel davon. Kloppten sich "Outside the simian flock" und besonders "Paradisiac" noch in ziemlicher Hast durch ihre mentale Instabilität, dauern die Stücke nun im Schnitt über fünf Minuten, lange Jam-Passagen und ausgedehnte Grooves sind an der Tagesordnung. Und auch der aggressive Psychosen-Anteil, der sich in verstimmten Akkorden und Vanhamels Gekreische manifestierte, wird zurückgefahren und durch entspannte Psychedelia ersetzt. Passend fährt die erste Single "I'm not who you think you are" ein abgedrehtes Video auf. "Under a bamboo moon" übt schon mal das Bezirzen für die nächste Voodoo-Session, während das ausladende "Guru's feet" untersucht, was passiert, wenn man (den) einen AC/DC-Song dehnt und auseinanderzieht, sodass er unkenntlich langsam im Schamanen-Blues versinkt. Und zwischendurch bringt das fantastische "Love has eyes" sowohl einen fetzigen Tempo-Rocker als auch ein wunderhübsches Gitarrensolo unter. Der Clou an "Sciencing" ist aber vor allem der Aufbau. Denn in ihrer Mitte wandelt sich die Platte unverhofft in ein abgedunkeltes Pop-Album. Ein ziemlich großartiges dazu noch.

Das bluesige "Silent river", ein Duett mit der kanadischen Künstlerin Clara Klein, läutet diesen Teil ein und hätte auch Angelo Badalamenti für den nächsten David-Lynch-Film einfallen können. Mit "Back in you" wird es noch hypnotischer, noch besser: Das Stück versinkt in nächtlicher Repetition, zu der Vanhamel den Titel wie ein rolliger Kater durch den Track maunzt. Am überwältigendsten ist jedoch "Wastelands". Ein beatgetriebener Pop-Song mit wahnsinnig eingängiger Fab-Four-Melodie, der im wortlosen Refrain die Gitarre alle Membranen massieren lässt und im Verlauf in einen eindringlichen Jam-Part kippt. Auch die beiden Vorgängeralben hatten ihre ruhigen Momente, aber so überzeugend waren Millionaire auf diesem Terrain noch nie. Zumal der Übergang zurück zum Rock ebenfalls glückt: "Little boy blue" beginnt mit einem stoischen Groove und steigert sich über Vanhamels verzerrte Vocals ins Chaos. Willkommen zurück in der Wirklichkeit.

Dort befindet sich unter anderem mit "L'homme sans corps" – Gruß an einen befreundeten Frontmann? – der erste französischsprachige Millionaire-Song, ein mit Streichern garniertes, schön verpeiltes Akustik-Stück. Nachdem "Busy man" dann noch einmal straight den Putz von Wand geklöppelt hat, könnte das abschließende, mit schwirrrenden, desorientierenden Effekten gespickte Instrumental "Visa running" tatsächlich als ein leichteres, positiver gestimmtes "I'm on a high" durchgehen. Auch wenn es diese Klasse natürlich nicht erreicht. Die Antwort auf die Frage nach Millionaires besten Album wird mit "Sciencing" nun allerdings neu besetzt.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Love has eyes
  • Back in you
  • Wastelands

Tracklist

  1. I'm not who you think you are
  2. Under a bamboo moon
  3. Love has eyes
  4. Guru's feet
  5. Silent river
  6. Back in you
  7. Wastelands
  8. Little boy blue
  9. Bloodshot
  10. L'homme sans corps
  11. Busy man
  12. Visa running

Gesamtspielzeit: 61:58 min.

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The MACHINA of God

Postings: 8550

Registriert seit 07.06.2013

2017-08-31 14:22:13 Uhr
Hehe.
Album ist immer noch toll.

Felix H

Postings: 1915

Registriert seit 26.02.2016

2017-08-31 13:36:21 Uhr - Newsbeitrag

MopedTobias

Postings: 8277

Registriert seit 10.09.2013

2017-07-31 19:38:41 Uhr
Danke für die Aufklärung :*

The MACHINA of God

Postings: 8550

Registriert seit 07.06.2013

2017-07-31 18:34:37 Uhr
Mit beiden. Sind halt auch Belgier und damit auch mit dEUS befreundet. Und Tim Vanhamel hat auch immer mal bei denen gespielt. Und Josh Homme hat den brachialen Vorgänger "Paradisiac" produziert.

MopedTobias

Postings: 8277

Registriert seit 10.09.2013

2017-07-31 18:08:20 Uhr
Kannte die vorher nur vom Namen, gefällt mir sehr gut. Nimmt sich manchmal vielleicht ein bisschen zu viel Zeit, aber hat ein paar wahnsinnig geile Grooves, innerhalb ihres Sounds recht viel Abwechslung und auch ein paar tolle Melodien. Klingt etwas wie ne Mischung aus QOTSA und dEUS. Die haben/hatten auch irgendwas mit dem QOTSA-Umfeld zu tun, oder?
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