Perfume Genius - No shape

Perfume Genius- No shape

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 05.05.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Jammern auf hohem Niveau

"One man army of lovers" ist eine Bezeichnung, mit der sich Mike Hadreas alias Perfume Genius sicherlich gut anfreunden könnte. Berichtet der Mann aus Seattle doch bereits zum vierten Mal über die Kollateral-Schäden der gleichgeschlechtlichen Liebe. Verletzungen, die auch in der Identität des Künstlers zahlreiche Narben hinterlassen haben. Denn trotz einer inzwischen durchaus erfolgreichen Karriere hadert Hadreas immer noch mit der eigenen Person. Gut für seine Fans, die sich regelmäßig über einen so außergewöhnlichen Output wie diesen erfreuen können. Stand nach dem Meisterwerk "Too bright" berechtigterweise die Frage im Raum, wie dieser Gefühls-Sturm noch getoppt werden könnte, sei jetzt schon verraten, dass auch "No shape" mitnichten ein laues Lüftchen ist – selbst wenn Hadreas dieses Mal nicht ganz die Orkankraft des Vorgängers entfacht.

Nach wie vor vermag Perfume Genius zu überraschen und zu verwirren, wenn karg instrumentierte Seelenschiffchen wie "Alan" an bombastischen Felsen wie "Slip away" zerschmettern – gerne auch einmal innerhalb eines Songs. So trippelt beispielsweise im Opener "Otherside" schüchtern eine Pianomelodie durch das Setting, nur um nach 80 Sekunden von einer Synth-Walze in den Orkus befördert zu werden. Stimme und Stimmung schwanken auf "No shape" zwischen Sehnsucht und Schmacht, umschiffen aber souverän alle weinerlichen Untiefen. Hadreas inszeniert eine mehr als aufwühlende Seefahrt: Hier ein paar virtuos pochende Beats, dort eine durch den Sound-Nebel hallende Zither, Tribal-Drums, Retorten-Streicher und flirrende Electronica. "No shape" streichelt alle Geschmacksknospen aufs Vorzüglichste: So startet "Just like love" mit einem Schlager-angeschickerten Entrée, das später um eine knarzende Ennio-Morricone-Gitarre ergänzt wird. Fertig ist ein eleganter Weichspüler-Werbefilm – unter der Regie David Lynchs.

"Go ahead" wirft aus dem Takt gewürfelte Beats in den Darkroom, während Weirdo-Sounds und Kribbel-Krabbel-Violinen den Kopf des Protagonisten in den Albtraum streicheln. Doch es geht auch konventioneller, etwa mit dem intimen Schönklang von "Valley general". Bei "Wreath" arbeiten Gitarre, Synthesizer und Stimme harmonisch im Team zusammen, und auch mehrstimmig geloopter Gesang sowie eine Harfe buhlen erfolgreich um die Aufmerksamkeit des Hörers. Dazu flattern schmetterlingsgleich kleine Soundeffekte durch den ausnahmsweise wolkenlosen Himmel, nur angetrieben durch den zarten Hauch einer Melodie, die tatsächlich in einer Art gejodeltem Finale gipfelt.

Es folgt bei "Every night" eine verhallte Stimme nebst Piano mit aufgeschraubten Schalldämpfer. Mit fortlaufender Spieldauer will Hadreas eindeutig mit weniger mehr erreichen und setzt zusehends auf die leisen Töne. So schwebt zwar in "Die 4 you" ein verrauchter Kontrabass durch die Katakomben, die Lautstärke hält sich indes dezent zurück. Und bei "Sides" dürfen Hörer noch einmal von diesen unverdaulichen Melodien kosten, die zitternd am Herzmuskel andocken. Es ist schon beachtenswert, mit welcher Finesse Zweifel, Melancholie und manchmal auch Trotz die perfekten Puzzle-Teile für Perfume Genius' musikalischen Irrgarten bilden. Bei aller Traurigkeit ist das hier Zelebrierte ein Jammern auf ganz hohem Niveau. Vielleicht fehlt dieses Mal diese ganz kleine Essenz, die "No shape" knapp an der absoluten Luxus-Klasse von "Too bright" vorbeischrammen lässt. Vielleicht müssen sich aber auch erst einmal alle Sinnesorgane von diesem eindrucksvoll vertonten XXL-Gefühl erholen.

(Oliver Windhorst)

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Highlights

  • Slip away
  • Valley general
  • Wreath

Tracklist

  1. Otherside
  2. Slip away
  3. Just like love
  4. Go ahead
  5. Valley general
  6. Wreath
  7. Every night
  8. Choir
  9. Die 4 you
  10. Sides
  11. Braid
  12. Run me through
  13. Alan

Gesamtspielzeit: 43:41 min.

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User Beitrag
jo :-)
2017-05-17 02:43:49 Uhr
find super wie 1-6 (und vermutl noch mehr) der Referenzen einfach andere queere Künstler sind

wo man hier Rufus Wainwright raushört müsste mir mal wer erklären, aber beide schwul also passt es sicher^^

saihttam

Postings: 854

Registriert seit 15.06.2013

2017-05-15 01:19:56 Uhr
Sehr faszinierendes Album, vielleicht sein Bestes! Die Songs auf der ersten Hälfte strahlen für seine Verhältnisse ja förmlich vor Energie und Selbstvertrauen. Man nehme nur das Finale von Wreath. Ab Every Night wird es dann etwas dunkler mit einer fast schon fiebrigen Atmosphäre, die ebenfalls sehr intensiv und fesselnd ist. Seine Soundpalette wird auch immer varianten- und einfallsreicher. Kann daher bisher auch gar keine klaren Highlights herausstellen. Mit der Produktion habe ich eigentlich auch keine Probleme. Insgesamt alles sehr gut!

Felix H

Postings: 1260

Registriert seit 26.02.2016

2017-05-13 12:47:54 Uhr
Sehr tolle Songs, für mich in der Hinsicht auf einem Level mit "Too Bright". Texte diesmal weniger "plakativ", zurückhaltender.
Die Produktion gefällt mir aber nicht so, zu grell, zu höhenlastig.
Klingenbeil
2017-05-12 23:07:05 Uhr
Die übliche Indie-Grütze, pseudo-sophisticated.

The MACHINA of God

Postings: 7943

Registriert seit 07.06.2013

2017-05-12 12:59:33 Uhr
Oh schön. Ich finde "Too bright" ja ganz toll.
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