Egotronic - Keine Argumente!

Egotronic- Keine Argumente!

Audiolith / Broken Silence
VÖ: 19.05.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Früh links erwachen

Für alle, die es immer noch nicht glauben: Das Blut im Kino ist nur Ketchup. Auch wenn es sich manchmal doch anders verhält. Will in aller Vorsicht heißen, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen: Singen Egotronic "Deutschland Arschloch fick Dich", ist das trotz gravierendem Anlass und grundgutem Zweck zum Teil womöglich auch kalkulierte Provokation, verbaler Punk und, sagen wir es ruhig, Unterhaltung. Und nichts, weswegen empörte Mitte-Rechts-Wähler direkt was von Staatsverleumdung belfern müssten. Wer sein Kreuz jedoch bei der AfD und noch Schlimmerem macht: Regt Euch ruhig weiter auf. Fein macht Ihr das. Der nächste unflätige Song "Scheiße bleibt Scheiße" steht schon vor der Tür. Wer sich angesprochen fühlt, kann sich gerne selbst im Klo runterspülen. Am besten zu dieser aggressiven Fäkalschleuder von einer Single.

Angesichts von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit ein so zorniges wie zutiefst menschliches Aufbegehren gegen braune Suppe, das dem Hörer mit elektronischer Punkrock-Wucht ins Gesicht brüllt. Und das zudem im Vorbeihetzen klarstellt, dass Torsun Burkhardt "Still loving linke Gewalt"-Shirts vor allem trägt, um auf dem rechten Auge blinde Politiker zu veräppeln. Das kommt davon, "wenn man den Rassismus nicht als solchen benennt". Für Pegida wünscht sich der Frontmann in "Hauptstadt der Bewegung" wiederum "die Elbe oder ein Flugzeug zur rechten Zeit" – und ist natürlich viel zu pazifistisch, um in diesem kernigen, mitunter frühsynthetisch daddelnden Uptempo-Track zu Handgreiflichkeiten aufzurufen. Doch "Keine Argumente!" ist eben nicht nur der Titel des achten Egotronic-Albums, sondern auch das, was gegen vegetativ marschierende Stumpfbürger hilft.

Omnipräsente Missstände, die einen ganz schön wütend machen sollten. Da verwundert es kaum, dass Burkhardt und Kollegen die Gitarren-Power beibehalten, mit der sie zuletzt eigenes Material verwilderten, wobei ihnen am Mischpult Die-Ärzte-Gitarrist Rod González unter die Arme greift. Immerhin ist im Lieferumfang als liebenswerter Service ein zweiter Tonträger enthalten, der sämtliche Stücke im Flexi-Pop-Stil der frühen Bandphase interpretiert. Jeans Teams Franz Schütte lässt in "Deine Melodie" außerdem ein vorsintflutliches Keyboard piepsen, und auch "Odenwald" hebt als schräge Hommage an die Heimat des Sängers mit fidelem C64-Geklöppel an, worauf der Song in eine Art Surf-Inkarnation von Andreas Dorau im Herzen des Nichts umschlägt. Falls jemand kurz zuvor den Humor des melodisch-süffisanten Rockers "Hallo Provinz" verpasst hat.

Und ungeachtet des kämpferischen Auftakts täte man Egotronic Unrecht, wenn man sie ausschließlich als grimmige Deutschland-Hasser missverstehen würde. Vielmehr feiert der kurze Brecher "Die neue Hammerhead" ausgelassen die gleichnamigen Bonner Hardcore-Veteranen, thematisiert "Die Angst vor dem Schmerz" in Turbostaat-Phrasierung Burkhardts arthritische Autoimmun-Erkrankung und wanzt sich "Ich weiß die Welt riecht streng nach Pisse" mit romantischem Unterton an nonkonforme Subkulturen heran. Und preist das knackige "Ihr wollt Arbeit, ich will schlafen" die Freuden des Nichtstuns, steckt darin genauso unüberhörbare Kritik am "Höher, schneller, weiter"-Leistungsprinzip. Eine Leistung ist "Keine Argumente!" dennoch – auch weil dieses Album ob bedenklicher gesellschaftlicher Tendenzen einfach keine Ruhe geben will. Es ist nie zu früh.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Deutschland Arschloch fick Dich (feat. The Very Best Vegan Bacon)
  • Scheiße bleibt Scheiße (feat. Alles.Scheisze)
  • Hallo Provinz
  • Hauptstadt der Bewegung (feat. Johnny Weltraum)

Tracklist

  1. Deutschland Arschloch fick Dich (feat. The Very Best Vegan Bacon)
  2. Scheiße bleibt Scheiße (feat. Alles.Scheisze)
  3. Hallo Provinz
  4. Odenwald (feat. Johnny Weltraum & Rod Gonzalez)
  5. Komm wir zieh'n ans Meer
  6. Hauptstadt der Bewegung (feat. Johnny Weltraum)
  7. Die neue Hammerhead
  8. Die Angst vorm Schmerz
  9. Deine Melodie (feat. Jeans Team)
  10. Ich weiß die Welt riecht streng nach Pisse
  11. An die Wand (feat. Emilie Krawall (Frau Mansmann))
  12. Ihr wollt Arbeit, ich will schlafen

Gesamtspielzeit: 35:45 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Paraphrasierer
2017-05-23 15:21:44 Uhr
Dass Gigi und die braunen Stadtmusikanten keine Musik fürs Sommercamp der Antifa ist, sollte klar sein.
@nörtz
2017-05-23 15:06:01 Uhr
Naja, aber ein wenig Verstand sollte man doch erwarten können. Wo sind bspw. Egotronics Antworten auf den Islamisierungsruck in Europa?

Loketrourak

Postings: 532

Registriert seit 26.06.2013

2017-05-22 18:14:47 Uhr
:-)

nörtz

Postings: 2934

Registriert seit 13.06.2013

2017-05-22 14:05:29 Uhr
Dass das keine Musik fürs Sommercamp der Identitären ist, sollte klar sein.
Feine Figgsahne Fischfilet
2017-05-21 12:02:38 Uhr
den aktuellen Rechtsruck unserer Gesellschaft

Linke Künstler die andere niederbrüllen, statt zu argumentieren, sind die eigentlichen Faschos.
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