Do Make Say Think - Stubborn persistent illusions

Do Make Say Think- Stubborn persistent illusions

Constellation / Cargo
VÖ: 19.05.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nichts kapiert

Sobald man etwas verstanden hat, verliert man die Lust, es zu erklären. Obwohl sämtliche Lehrkräfte rund um den Globus ob dieser Aussage wohl kurz vor dem Herzinfarkt stehen würden, ist schon was dran an der Behauptung. Vor allem, wenn es nicht gerade um den Satz des Pythagoras geht, sondern um etwas wenig Greifbares: Musik eben. Und bevor irgendwer auf die Idee kommt, von Architektur und Tanz zu erzählen: Natürlich kann man über Musik schreiben, ohne sich auf intellektuell schiefe Ebenen zu begeben. Natürlich kann man Musik in gewisser Weise erklären. Und natürlich ist das nicht besonders reizvoll, wenn es nichts zu erklären gibt. Deshalb geht es hier ja auch nicht um das – sagen wir mal – neue Album von New Found Glory, sondern um "Stubborn persistent illusions", die neue Platte von Do Make Say Think.

Die standen ja in all den Jahren eigentlich nie im Verdacht, allzu leicht ausrechenbar, oder gar erklärbar zu sein. Im Gegenteil, Erwartungen und Konventionen waren in den Händen dieser Band bislang bestenfalls Holzspielzeug – man blicke nur auf die Tracklist des Vorgängers "Other truths". Daran ändert sich auch mit dem nunmehr neunten Album absolut nichts. Was wiederum gar nicht so selbstverständlich ist, wie man zunächst glauben mag. Weil fast acht Jahre ins Land gegangen sind, von "Other truths" bis "Stubborn persistent illusions". Weil man es hier mit einem Album zu tun hat, das anderswo vielleicht als Comeback tituliert worden wäre. Nach so langer Zeit, nach all den Nebenprojekten, nach der ersten Show seit Jahren, die die Band anschließend gleich ins Studio lockte. Hier aber geht es fast nahtlos weiter, wie lange die Pause auch gewesen sein mag.

So fußen auch auf diesem Album sämtliche Ideen zunächst mal auf dem Jam als Fundament. Da kann der ungewohnt ausformulierte Opener "War on torpor" mit all seiner Lautstärke und Geschwindigkeit dann auch erzählen, was er will: Do Make Say Think werfen weiterhin erst einmal eine Idee in den Raum. Und beginnen erst dann nach und nach, diese auszuschmücken. Um Songs wie "Horripilation" zu basteln. Songs, für die Wörter wie "organisch" geschaffen wurden. Weil man dem Stück richtiggehend beim Wachsen zusehen kann. Nach und nach finden hier Instrumente und Ideen zueinander, gehen auseinander, wie schwer es auch sein mag, nur um sich wieder und wieder in noch vollendeterer oder auch gänzlich neuer Form zu vereinigen. Das ist dann Postrock, ohne Postrock zu sein. Nicht nur weil stets jegliche Art von Baukasten-Dramatik clever umschifft wird. Sondern weil jederzeit alles möglich scheint. Weil sogar ein Schlusstrack wie "Return, return again", der seiner Dynamik nach genau für diese Aufgabe geschaffen zu sein scheint und damit sogar eine Art Konvention erfüllt, vom Laster fällt.

Weil die Band zwischendurch ein umgemein verspieltes, vergleichsweise leises Stück wie "Bound" einstreut, das trotz seiner lieblich wirkenden Instrumentierung nicht harmlos daherkommt. Weil die Band das zugehörige "And boundless" mit geradezu widerborstiger Attitüde vorstellig werden lässt. Natürlich nur, um am Ende doch falsche Fährten zu legen, ein echtes Finale anzukündigen und letzten Endes doch ganz eigene Wege zu beschreiten. Ohne das von "Bound" vorgegebene musikalische Thema aus den Augen zu verlieren, oder gar konfus zu wirken, wohlverstanden. Konfus wird hier zunächst nämlich einmal mehr nur der Hörer. Man muss sich erst mal einen Überblick verschaffen über all das Gesagte und Nichtgesagte, über all die mehr oder weniger durchdeklinierten Ideen, die in diesem Album stecken. Erklären kann man Do Make Say Think dann auch im Jahre 2017 noch lange nicht. Nicht mal richtig verstehen. Und vermutlich genau deshalb ist "Stubborn persistent illusions" dem Gros der Postrock-Bands einmal mehr meilenweit voraus. Do Make Say Think haben schon wieder alle Klarheiten beseitigt. Ein Glück!

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Horripilation
  • Bound
  • And boundless
  • Return, return again

Tracklist

  1. War on torpor
  2. Horripilation
  3. A murder of thoughts
  4. Bound
  5. And boundless
  6. Her eyes on the horizon
  7. As far as the eye can see
  8. Shlomo's son
  9. Return, return again

Gesamtspielzeit: 60:57 min.

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User Beitrag

MopedTobias

Postings: 8498

Registriert seit 10.09.2013

2017-05-28 01:35:10 Uhr
Hätte nicht gedacht, dass mich 2017 ein Postrock-Album noch so begeistern kann. Das ist alles so perfekt arrangiert, vor allem Horripilation.
du
2017-05-12 18:16:50 Uhr
Sehr tolles Album!
@Herder: Würde mich über noch mehr Tips freuen. Habe mich über längere Zeit nicht mehr mit neuen Postrock Alben auseinandergesetzt.

Herder

Postings: 1772

Registriert seit 13.06.2013

2017-05-11 17:43:03 Uhr
Ja, ein sehr starkes Album und eine recht passable Rezension.

Wenn ich aber Sätze wie "Erklären kann man Do Make Say Think dann auch im Jahre 2017 noch lange nicht. Nicht mal richtig verstehen. Und vermutlich genau deshalb ist "Stubborn persistent illusions" dem Gros der Postrock-Bands einmal mehr meilenweit voraus." lese, kann ich nur den leise Kopf schütteln. Wie? Warum? Lässt sich das irgendwie qualifizieren?

Viele der "neuen" spannenden Post-Rock-Bands finden hier doch gar nicht statt. Was ist denn mit set and setting, Faltre, Heron, Often the Thinker, Hadoken, Trna, Lost in Kiev oder Coastlands (und und und...)?
lürgen
2017-05-11 15:09:26 Uhr
die 3 songs auf BC sind gut
williwald
2017-05-11 15:08:07 Uhr
gutes album
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