Sóley - Endless summer

Sóley- Endless summer

Morr / Indigo
VÖ: 05.05.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die macht, was sie will

Auf ihrem dritten Album versucht es Sóley mit etwas völlig Neuem: Zuversicht. Der Titel "Endless summer" ist dennoch etwas überschwänglich gewählt. Wenn ihre ersten zwei schwermütigen Platten den tiefsten Winter in der isländischen Heimat repräsentieren, dann entspricht diese vielleicht am ehesten dem April: Es ist schon deutlich heller und wärmer, doch manchmal fegt ganz plötzlich noch ein kalter Wind die aufkeimende Lebensfreude beiseite, und man fröstelt. Aber immerhin weiß man: Bald wird alles gut.

Die Songs sind seltsam unwägbar, man weiß nie, was als nächstes passiert. Schon der Opener "Úa" schwankt minutenlang zwischen Dur und Moll, zwischen unbeschwert und ängstlich. Das Taumeln zwischen Gemütszuständen kommt besonders im Zwischenspiel aus sorglosem Klaviergeklimper zum Ausdruck. Unmerklich und ohne Bruch setzt sich letztendlich die Zuversicht durch, wunderschön untermalt mit Querflöte. Auch die übrigen Kompositionen sind so durchdacht und vielfältig, die Instrumentierung stets perfekt auf das jeweilige Stück abgestimmt. Sóleys liebstes Ausdrucksmittel bleibt aber das Klavier, das weite Bögen spannt und jegliche herkömmliche Songstruktur durch minimale Variationen nur scheinbar repetitiver Muster sprengt.

"Sing wood to silence" könnte dann ein Gefühl vertonen, das Lana Del Rey so treffend als "Summertime sadness" bezeichnete: diese unerklärliche, tiefe Traurigkeit, wenn eigentlich alles perfekt ist und dadurch die eigene Vergänglichkeit besonders schmerzhaft spürbar wird. Der Song mit dem größten Potenzial für Apple-Werbespots ist vermutlich "Grow": Eine süße, kleine Klaviermelodie entfaltet sich ohne große Hindernisse, tänzelnd und verträumt. Dafür gibt es im zugehörigen Video umso mehr Schnee. Auf das verfremdende, schauerliche Element, dass sich sonst bei Sóley früher oder später in die Kulisse schiebt, wartet man jedoch vergeblich. Die Musik wird dadurch vorhersehbarer, aber auch freundlicher. Selbst die Stimme wirkt wie ausgewechselt: Die ehemals sarkastisch überspitzte Naivität klingt jetzt meist einfach sanft und ein wenig zerbrechlich.

"Traveler" baut auf eine auffallend simple Piano-Akkordfolge auf, bis der Walzer plötzlich aus dem Tritt kommt und in ein ganz anderes Szenario hinüberstolpert – mit mehr Dramatik, mehr Hall und sogar Orgelklängen, die dem Hörer einen kalten Schauer den Rücken hinunterjagen können. Ein Rest alten Sóley-Eises, das im Schatten bis in den Frühling hinein überlebt hat? Und beim abschließenden Titelstück weiß man erst recht nicht, was man nun fühlen soll: Ist es Verzweiflung, Orientierungslosigkeit, die uns das unruhig brodelnde Klavier übermitteln will? Oder ist es Trost, ist es stilles Glück, das zwischen den flimmernden Läufen aufbricht? Ein Album wie drei Gläser Wein: Es verstärkt nur die Stimmung, in der man sich ohnehin befindet. Das Hören beim ersten frühlingshaften Endorphinschub ist daher besonders empfehlenswert.

(Eva-Maria Walther)

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Highlights

  • Úa
  • Grow
  • Traveler

Tracklist

  1. Úa
  2. Sing wood to silence
  3. Inbetween
  4. Never cry moon
  5. Grow
  6. Before falling
  7. Traveler
  8. Endless summer

Gesamtspielzeit: 33:45 min.

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musie

Postings: 2389

Registriert seit 14.06.2013

2017-05-15 11:33:15 Uhr
richtig gutes Album, sehr fokussiert. erinnert mich ans erste von Agnes Obel.

AndreasM

Postings: 385

Registriert seit 15.05.2013

2017-05-15 11:30:58 Uhr
Auch das neue Album gefällt mir schon wieder sehr gut. Besonders mag ich, dass sie ihre Klavierkompositionen jetzt noch etwas nach vorn gestellt hat. Das trägt mMn auch dazu bei, dass 'Endless summer' vielleicht ihr bisher in sich schlüssigstes Album ist.
Auch live mit vierköpfiger Band sehr schön, reduziert und auf den Punkt.
@Eva-Maria
2017-05-06 17:04:53 Uhr
sehr schöne und bildhafte Rezension :) Habe Sóley live am Acoustic Lakeside gesehen - gleich wie die meisten Besucher noch nie von ihr gehört und sofort für wunderbar empfunden. Immer wieder unglaublich was von der 330k-Gemeinde Island kommt.

musie

Postings: 2389

Registriert seit 14.06.2013

2017-04-27 17:36:11 Uhr
sehr gespannt aufs album. sie hat jetzt ein kind, gibt mehr wache nächte und weniger albträume welche in songs umgesetzt werden...

Armin

Postings: 14507

Registriert seit 08.01.2012

2017-04-26 21:16:02 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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