Mew - Visuals

Mew- Visuals

PIAS / Rough Trade
VÖ: 28.04.2017

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Fauler Zauber

Es war einmal ein Land – nennen wir es Dänemark – hinter den sieben Bergen. Dort lebten keine sieben, aber zumindest vier musikalische Zwerge. Und eigentlich waren es auch keine Zwerge, sondern Musiker. Aber wir wollen es an dieser Stelle nicht zu genau nehmen. Immerhin veröffentlichten die Nichtzwerge unter dem flatternden Banner Mew ihr siebtes Album und nannten es "Visuals". Kurz nach Veröffentlichung ereilten märchenhafte Verkaufszahlen die Mannen um den sagenumwobenen Sänger Jonas Bjerre. Kritiker aus allen Rezensions-Königreichen überschütteten die Recken mit Lob ob ihrer zu gleichen Teilen fantasievollen, elfenhaften und fesselnden musikalischen Heldentaten. Die hier vertonten progressiven Pop-Abenteuer erreichten die Herzen von Hexen, Rittern, Edelmännern sowie Bauern und ließen diese im Wohlklang erblühen. So weit, so märchenhaft. Warum diese Geschichte trotz Abwesenheit einer intriganten Hexe nur teilweise zum Happy End führt, ist eine Geschichte, die hier erzählt werden soll.

Mew sind schon seit längerer Zeit die illustren Helden verhuschter Fantasy-Balladen. Und zwar auch deswegen, weil sie meist zu gleichen Teilen vertrackt und verträumt agieren. Doch dieses Mal würde es die übersinnlichen Fähigkeiten einer Fee benötigen, um aus den zweifelsohne guten Soundlandschaften von "Visuals" etwas ganz und gar Einzigartiges zu formen. Zwar sind wieder alle Mew-Protagonisten versammelt: von Bjerres Falsettgesang über ein mehr als ambitioniertes Songwriting, bis hin zu der Kombination einer mannigfaltigen Instrumenten-Schar. Aber: Den jubilierenden Songs inklusive ihren Texten aus Tausendundeiner Nacht fehlt es über die elf Kapitel des Albums ein wenig an Biss.

"Nothingness and no regrets" zaubert zum Start mit Zuckerglasur-Melodien, Harfen-Samples und Bläsern gewohnt verspult um den Song-Korpus. Kein sonderlich stürmischer, aber immerhin ein sehr herzlicher Empfang. Schnell noch eine U2-Gitarre auf den güldenen Wagen gepackt, und schon sind wir im Mewschen Zauberland. In der Eingangssequenz von "The wake of your life" scheint sogar Captain Future verklärt aus seiner Raumschiffkanzel herauszuwinken. Bis hierher ganz schön. Doch keine Saga aus der Feder von Mew kam bis dato ohne böse Hexen und Monster aus. Diese zauberten dem naiven Wohlklang den einen oder anderen Buckel auf den stromlinienförmigen Song-Körper. Sprich, kein Pop ohne Prog. Und genau hier patzen Mew dieses Mal. Bis auf einen verstimmt meckernden Bass in der Strophe von "Candy pieces all smeared out" und den frickeligen "Twist quest" läuft die Pop-Butterfahrt 2017 wie eine geölte Maschine. Und zwar mit so viel Schmierstoff, dass die Songs am Ende nicht gleiten, sondern eher Schlieren ziehen. In der Summe einfach zu viel des Guten.

Selbst wenn Mew in der Strophe von "Candy pieces all smeared out" einmal aufmucken, verlässt die Dänen spätestens im Refrain der Mut, und sie tapern devot zurück ins Glied der Schwindel erzeugenden Gefühlsduseleien. Und auch die Melodien überzeugen dieses Mal nicht wie gewohnt. Partiell liefern Mew souverän Dänische Delikatessen: So macht etwa "85 videos" alles richtig und verstreut funkelnden Sternenstaub zum Dahindämmern. Klasse, auch ohne Lautstärke Gehör verschafft. Leider können Mew trotz weiterer magischer Momente wie in "Shoulders" auf "Visuals" nicht komplett verzaubern. Eine fesselnde Geschichte braucht eben Höhen und Tiefen. Wer sich nur in himmelhochjauchzenden Regionen aufhält, verfällt irgendwann in ermüdende Gleichgültigkeit. Das abschließende "Carry me to safety" immerhin setzt der Pop-Musik noch einmal die Krone auf. Und dabei vermögen die spacigen Synth-Sounds im Refrain auch stilsicher zu zünden. Beim nächsten Kapitel wünschen wir uns dennoch weniger "safety" und mehr "adventure". Und ein Happy End.

(Oliver Windhorst)

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Highlights

  • Candy pieces all smeared out
  • Twist quest
  • 85 videos

Tracklist

  1. Nothingness and no regrets
  2. The wake of Your life
  3. Candy pieces all smeared out
  4. In a better place
  5. Ay ay ay
  6. Learn our crystals
  7. Twist quest
  8. Shoulders
  9. 85 videos
  10. Zanzibar
  11. Carry me to safety

Gesamtspielzeit: 43:52 min.

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Mr Oh so

Postings: 1091

Registriert seit 13.06.2013

2017-05-11 00:38:12 Uhr
Der Anfang von "Frengers" ist seit vielen Jahren der Klingelton meines Handys

Du meinst "Am I wry? No" Bester Song dieses Jahrhunderts. Allein dieser Anfang ist besser als alles auf dem neuen Album zusammen.
Matthias
2017-05-04 15:02:56 Uhr
Hey ich stimme der Rezi nur beschränkt zu, ich finde das Album mega geil, ist zwar etwas glatt aber wunderschöne, ausufernde Melodien und geniale Arrangements mit dem mehrstimmigen Gesang!
Rerun
2017-05-04 13:07:14 Uhr
Der Anfang von "Frengers" ist seit vielen Jahren der Klingelton meines Handys, aber ich muss Herrn Windhorst leider recht geben. Das hier ist zu glatt, rauscht vorbei, da bleibt nichts hängen. Schade. Sehr schade.
Fiete Ulliver
2017-04-27 08:28:59 Uhr
Hi Oliver, tolle Rezi. Und noch n schönen Abend! Fiete

Hogi

Postings: 175

Registriert seit 17.06.2013

2017-04-27 07:39:00 Uhr
Sicherlich ihr "leichtestes" Album....da liegen schon Welten zB zu der Glass Handed Kites. Ich finds weiterhin gut.Das Gespür für feine Melodien ist immer noch da. Die Halbwertszeit dürfte aber letzlich doch deutlich kürzer sein...
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